«Hunde vermenschlichen war das Letzte, was ich wollte»

Der US-Künstler William Wegman über die Zusammenarbeit mit seinen ­Weimaranern und warum es wichtig ist, eigene Regeln zu brechen.

«Sie drängen ins Bild»: William Wegman mit seinen Hunden Topper und Flo. Fotos: Courtesy William Wegman Studio

«Sie drängen ins Bild»: William Wegman mit seinen Hunden Topper und Flo. Fotos: Courtesy William Wegman Studio

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Wenn nahezu jeder die Hunde­rasse Weimaraner kennt, hat der US-Konzeptkünstler William Wegman, 75, viel dazu beigetragen. Seit nahezu einem halben Jahrhundert fotografiert er diese Hunde als rätselhafte Doppelgänger des Menschen. Seine Hunde tragen oft modische Kleidung, schlüpfen in diverse Rollen und halten mit ihrer animalischen Grazie den Menschen den Spiegel vor. Nun zeigt das Museo d’Arte della Svizzera italiana in Lugano eine Wegman-Retrospektive unter dem Titel «Being Human».

William Wegman, Ihre Ausstellung heisst übersetzt «Mensch sein» – auf Ihren Fotos spielen aber Hunde die Hauptrolle. Ein Widerspruch?
Ich verrate Ihnen, dass ich tatsächlich zunächst gegen diesen Titel war. Erst später habe ich verstanden, welche Bedeutungsnuancen sich darin verstecken.

Welche?
Das müssen die Besucher für sich selbst herausfinden, nicht wahr?

Und warum waren Sie dagegen?
Weil ich es nicht mag, wenn man Hunde vermenschlicht.

Machen Sie Witze? Hunde, die wie Menschen aussehen, sind doch Ihr Ding! Damit sind Sie berühmt geworden.
Ja, ja, das stimmt schon. Es ist ein Widerspruch. Aber glauben Sie mir, Hunde vermenschlichen – das war das Letzte, was ich wollte.

Wie kam es dann doch dazu?
Mein damaliger Hund namens Man Ray hat mich dazu überredet.

Sind Sie ein Hundeflüsterer?
Hunde scheinen mich jedenfalls zu mögen. Aber ich bin nicht einer dieser Hunde-Menschen, die so «doggy» sind, dass alles, was sie tun, ein Hundeding ist.

Wie hat also Man Ray Sie dazu gebracht, dass Sie mit ihm arbeiten?
Indem er mir beharrlich ins Bild lief, als ich fotografierte oder filmte. Das war in den 70er-Jahren. Ich begann ihn zu fotografieren, aber ich achtete zunächst darauf, dass der Hund nicht allzu menschlich aussieht. Ich wollte die Grenze zwischen Mensch und Tier nicht verwischen.

Und wie ist es dann doch passiert?
Es hat mir und dem Hund Spass gemacht, mit Requisiten zu spielen. Ich habe dann meine strenge katholische Erziehung in den Wind geschlagen und mich gehen lassen. Ich bereue es nicht, weil mir auf diese Weise etwas Besonderes gelungen ist.

Was genau?
Eine Aussage über Menschen zu machen, indem ich Hunde fotografierte.

Womit wir wieder beim Titel der Ausstellung wären: «Being Human». Ist es nun eine Ausstellung über das Hundsein oder über das Menschsein?
Ist das wirklich ein so grosser Unterschied?

Manchmal hat man das Gefühl, Sie würden sich der Hunde bedienen, um die Lächerlichkeit der Menschen zu demaskieren.
Wie genau?
Schauen Sie, ich war ein typischer Künstler der 60er-Jahre. Wir waren Minimalisten. Jeder Anflug von Romantik oder Sentimentalität musste vermieden werden. Natürlich mussten diese Regeln irgendwann durchbrochen werden – so entwickelt man sich als Künstler.

Und die Hunde verhalfen zum Durchbruch?
Nicht sofort. Dieser kam erst, als ich anfing, mit der Polaroid 20 × 24 zu arbeiten. Das war eine damals neu entwickelte Grossformatkamera, die so gross wie ein Kühlschrank war. Ich musste die Hunde erhöhen, auf Sockel setzen. ­Damit kam dieser menschliche Aspekt ins Spiel und begann, mich zu faszinieren.

«Meine Weimaraner wurden zu Fashionistas»: «Qey», als Gangsta Rapper inszeniert für «Vogue» (2017).

In welcher Weise?
Ich schaute mir diese Bilder an und erkannte, dass sie nichts Kitschiges, nichts Sentimentales an sich hatten. Sie wirkten surreal, geheimnisvoll, manchmal auch lustig, aber niemals billig.

Könnte es daran liegen, dass Ihre Hunde die majestätischen Weimaraner sind? Oder ginge das auch mit Pinschern?
Der Weimaraner sind die einzige Hunderasse, mit der diese Arbeit so lange weitergehen konnte, ohne langweilig zu werden. Aber es liegt nicht an ihrer Grösse.

Sondern woran?
An der neutralen Fellfarbe. Weimaraner passen zu allem. Man nennt diese Hunde auch «graue Geister», und sie bewohnen meine Arbeit wie Geister.

Sind sie wirklich grau? Oder eher bräunlich?
Ihre Farbe ist ein ewiges Rätsel. Ich habe anfangs schwarzweiss fotografiert, sie waren mit ihren Graustufen perfekt dafür. Doch dann kam die Farbfotografie, und das Fell der Hunde explodierte mit Farbe. Ein rosa Braun kam unter dem Grau hervor und changierte im Licht. Manchmal hat man das Gefühl, sie seien violett. Sie nehmen die Umgebungsfarbe an.

Sie haben Ihren ersten Hund Man Ray genannt, nach dem grossen Surrealisten. Ihr heutiges Werk trägt auch surreale Züge. Waren Sie schon immer ein Bewunderer dieser Kunstrichtung?
Mir hat damals, in meinen Zwanzigern, Dada besser gefallen. Aber natürlich ist Surrealismus die Kunstrichtung, die einen sehr jungen Menschen faszinieren muss. Mit 18 entdeckt man die Seltsamkeit der Welt, surreale Inszenierungen passen perfekt dazu.

In den 60er-Jahren wollte man Kunst aus den Museen auf die Strasse bringen, Künstler wie Sie, Lawrence Weiner oder Andy Warhol waren begeistert von der Populärkultur …
Und jetzt werden Sie wieder in Museen weltweit ausgestellt – stört Sie das?
Auch in dieser Hinsicht hat mich das Leben gelehrt, die eigenen Regeln zu brechen. Früher verbot ich allen, meine Bilder unter Glas zu zeigen, und die Museen waren mir suspekt. Doch niemand kann sich der Kunst so annehmen wie ein Museum, und das schätze ich heutzutage.

«Ich musste die Hunde erhöhen. Damit kam dieser menschliche Aspekt ins Spiel»: «George» (1997).

Sie waren bei der Stunde null der Konzeptkunst dabei, ausgestellt von Harald Szeemann in der Ausstellung «When Attitudes Become Form» in der Kunsthalle Bern. Diese Ausstellung ist eine gut dokumentierte Legende. Aber welches Objekt war eigentlich Ihr Werk?
Es war ein Fiberglas-Bildschirm, aus dem eine Skulptur herauswuchs. Die Arbeit ist mir übrigens nach der Ausstellung nie zurückgegeben worden! Ich bin neugierig, wo sie sich befindet.

Haben Sie noch Kontakt zu den anderen Künstlern dieser Schau?
Ich bin mit John Baldessari gut befreundet, aber ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht mehr, ob er damals auch in der Berner Ausstellung war.

Manche dieser frühen Konzeptkünstler, wie etwa Lawrence Weiner, sind bis heute dem Minimalismus treu geblieben, andere sind vom Glauben abgefallen. Wie Sie.
Ich war schon immer streng, aber schwach. Ich gerate auf Abwege. Und amüsiere mich herrlich dabei.

Ihr Hunde-Arbeiten sind sehr bekannt, von vielen Sujets gibt es Tücher, Servietten, Puzzles, über 20 Bücher. Aber Sie sind doch auch Maler?
Ja, ich male. Täglich. Eigentlich habe ich ja die Kunstschule absolviert, weil ich gerne zeichnete und malte. Als ich in meinen Vierzigern war, begann ich wieder zu malen und merkte, dass ich es immer noch sehr gerne mache.

Malen Sie Hunde?
Nein, eher Landschaften in meinem Heimatstaat Maine.

Wenn man Sie googelt, findet man Ihr Werk mit Hunden auf den ersten fünf, sechs, sieben Seiten, bevor man Ihre Malerei findet. Frustriert Sie das?
Nein, im Gegenteil, es freut mich. So habe ich die Malerei ganz für mich allein. Ich könnte über meine Gemälde in den Talkshows nichts sagen. Ich wüsste nicht, was. Dort rede ich lieber über meine Hunde, da gibt es immer etwas zu erzählen.

«Man nennt diese Hunde auch graue Geister, und sie bewohnen meine Arbeit wie Geister»: «Upside Downward» (2006).

Welchen Teil Ihres Werks erachten Sie selbst als den wichtigsten?
Bestimmt nicht meine Malerei. Und vielleicht nicht einmal meine Arbeit mit den Hunden. Ich finde meine frühen Konzeptvideos sehr wichtig, und auch die innovativen Zeichnungen von damals. Mit diesen Werken haben wir etwas verändert.

Und ein Monster geschaffen? Heute ist jede Kunst Konzeptkunst.
Ist das so? Ich verfolge die Entwicklungen in der Kunstwelt nicht sehr eng, gehe wenig zu Vernissagen. Ich muss Ihnen etwas gestehen – ich bin mit meinem Leben und mit dem Erreichten zufrieden. Muss das einem Künstler peinlich sein?

Sie sind einer jener seltenen Künstler, die sowohl im Museum wie auf der Strasse geliebt werden. Wie bringt man das fertig?
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Annie Leibovitz in den 80er-Jahren. Sie war damals die Starfotografin von «Vanity Fair», aber sie gestand mir, dass sie ihre Werke lieber in den Museen zeigen würde. Und ich dachte damals, ich wäre lieber in Magazinen.

Was Sie heute ebenfalls sind, und nicht nur das. Sie sind überall, in der Metro, im Smithsonian Museum und in den Fernsehshows wie «Saturday Night Live» oder «Sesame Street» – zufrieden?
Und wie! Vor wenigen Jahren durfte ich für die französische «Vogue» sogar eine Modestrecke machen, da wurden meine Weimaraner zu Fashionistas – wie dieser wunderbare Gangsta Rapper «Qey».

Beschweren sich Hundefreunde nie bei Ihnen, dass Sie die Tiere nicht artgerecht behandeln?
Natürlich. Doch wenn diese Menschen meine Hunde würden arbeiten sehen, wüssten sie, dass das nicht stimmt. Die Arbeit ist für sie keine Zumutung – meine Hunde wollen das unbedingt machen. Sie möchten beim Posieren hoch erhoben sein und den Menschen in die Augen schauen. Sie drängen sich ins Bild, ob ich es will oder nicht.



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Erstellt: 14.09.2019, 19:07 Uhr

Talentierte Vierbeiner

Mal nackt, mal bekleidet – die Ausstellung «Being Human» lässt ein halbes Jahrhundert Zusammenarbeit des Künstlers William Wegman mit seinen Weimaranern Revue passieren. Das Museo d’Arte della Svizzera italiana in Lugano präsentiert an die 90 Bilder, zusammengestellt vom Fotokurator William Ewing: ein Spass für Besucher jeden Alters und eine versponnene Allegorie auf die Höhen und Tiefen des Menschseins.

Bis zum 6. Januar 2020. www.masilugano.ch

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