Hunderte Suizide auf Schweizer Bauernhöfen

Angst vor der Zukunft, Geldsorgen, Überlastung: Eine Studie zeigt erstmals, dass die Zahl der ­Selbsttötungen von Landwirten deutlich über dem Durchschnitt liegt.

Die ländliche Idylle trügt: Viele Landwirte leiden an einer Depression. Foto: Keystone

Die ländliche Idylle trügt: Viele Landwirte leiden an einer Depression. Foto: Keystone

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Hans* repariert Maschinen, pflügt Felder, füttert Tiere. Er wäre längst pensioniert, packt aber jeden Tag mit an. Bis ihm der Arzt nach einem Unfall die Arbeit untersagt. Den Hof im Bernbiet, sein Lebenswerk, übergibt er dem Sohn. Statt im Traktor sitzt Hans fortan zu Hause und grübelt: «Braucht es mich noch?»

Diese Frage treibt auch Erwin* um. Als sein Vater stirbt, geht der Betrieb in seine Hände über. In der neuen, ungewollten Rolle findet sich der Berner Jungbauer nicht zurecht. Er zerbricht am Leistungsdruck, durchläuft mehrere depressive Phasen. Der Hof verlottert. Bis auch Erwin den Gedanken nicht mehr loswird: «Braucht es mich noch?»

Lukas Schwyn kennt die Frage gut. «Sie nimmt manche Bauern leider vollkommen ein, dreht sich rund um die Uhr in ihrem Kopf», sagt der Präsident des Bäuerlichen Sorgentelefons. «Die Anrufe von ausgebrannten und verzweifelten Landwirten nehmen bei uns zu.»

Beantwortet werden sie von Bauern. «Anrufer müssen spüren, dass da jemand ist, der ihre Probleme versteht.» Man müsse eine Perspektive geben, «den Horizont auftun», sagt Schwyn. Und sicherstellen, dass der Betroffene Hilfe findet, zum Beispiel durch die Vermittlung eines Therapeuten.

Ohne Unterstützung bleiben die Bauern allein. Hans und Erwin fanden am Ende nur noch eine Antwort auf ihre Frage: Sie nahmen sich dieses Jahr das Leben.

Lange blieben Bauernsuizide ein Tabu. Die öffentliche Debatte entwickelte sich 2016, als es im Kanton Waadt zu acht Fällen kam. Wenig später traf es drei Thurgauer Jungbauern. «Da kam die Frage auf, wie oft es bei Bauern zu Suiziden kommt. Und ob dies häufiger geschieht als in der restlichen Bevölkerung», sagt Nicole Steck vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Finanziert durch den Nationalfonds untersucht sie diese Fragen mit einem Team, am Donnerstag stellte sie an einer Konferenz in Neuchâtel erste Resultate vor.

Die Forscher untersuchten den Zeitraum von 1991 bis 2014. Sie berücksichtigten knapp 1,8 Millionen Schweizer Männer zwischen 35 und 74 Jahren aus ländlichen Gemeinden. Bei diesen gab es pro 100'000 Lebensjahre 33 Suizide. Wenn man nur jene mit dem Beruf Bauer anschaut, lag die Rate bei 38. In absoluten Zahlen: Von den fast 90'000 erforschten Landwirten haben 447 im Untersuchungszeitraum Suizid begangen.

Die Suizidrate ist gesunken – nur bei den Bauern nicht

«Aufgrund der Rückmeldungen und Diskussionen in den letzten Jahren mussten wir mit solchen Zahlen rechnen», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands. «Sie machen uns sehr betroffen und lassen nur erahnen, welche menschlichen Schicksale dahinterstehen.»

Jeder Fall sei anders und für sich sehr tragisch. «In unserem Dorf und der Region habe ich mehrere Personen in der Landwirtschaft gut gekannt, die Suizid begangen haben», sagt Ritter. «Diese Schicksale haben mich persönlich stark beschäftigt. Man sucht nach den Gründen. Man fragt sich, ob man hätte helfen können. Man bleibt auch selber meist ratlos.»

Seit 2003 ist die Suizidrate von Schweizer Männern aus ländlichen Gemeinden laut Studie deutlich gesunken. Bei den Bauern hingegen stieg sie in der Tendenz leicht an. Die Folge: Zuletzt hatten Landwirte ein um 37 Prozent höheres Suizidrisiko.

Dafür gibt es laut Franziska Feller spezifische Gründe. «So sind Familie und Betrieb untrennbar verknüpft», sagt die Präsidentin des Netzwerks Mediation im ländlichen Raum. «Eine Krise in der Ehe wirkt sich direkt negativ aus auf die Arbeit und umgekehrt.» Hinzu kommen Zukunftsängste. «Ältere Bauern kommen mit der Digitalisierung nicht zurecht, oder mit der zunehmenden Bürokratie.» Andere fänden keine Nachfolger für den Betrieb. «Oder sie übergeben den Hof und fühlen sich danach völlig wertlos», sagt Feller.

Jungen Landwirten mache die hohe Arbeitslast Sorgen, die dennoch kaum genug Geld zum Leben einbringe. Und die Einsamkeit: «Häufig finden sie keine Frau, die auf dem Hof leben will, bleiben ein Leben lang allein», sagt Feller. «Sie haben das Gefühl, niemand würde sie vermissen. Ein äusserst gefährlicher Gedanke, bei dem wir sofort für Hilfe sorgen.»

Kommt es zum Suizid, so wählen viele Bauern den gleichen Weg. Laut Studie nahmen sich 60 Prozent mit Erhängen das Leben, 25 Prozent mit Schusswaffen. In der Vergleichspopulation war die häufigste Suizidart das Erschiessen (36%). «Dass Bauern oft Erhängen als Methode wählen, hängt mit der Verfügbarkeit zusammen, die es auf einem Hof gibt», sagt Thomas Reisch, ärztlicher Direktor an der Klinik für ­Depression und Angst in Münsingen BE.

Auch das Umfeld steht in der Verantwortung

Um Suizide zu verhindern, seien Nottelefone hilfreich. «Sie müssen möglichst niederschwellig zugänglich sein. Gerade Bauern gelten als verschwiegen. Sie haben oft Mühe, Hilfe von aussen anzunehmen.»

Viele kantonale Bauernverbände schufen in den letzten Jahren solche Angebote. Reisch sieht aber auch das Umfeld in der Verantwortung. «Auf dem Land existieren neben der Familie auch Stamm­tische, viele Vereine, eine enge Dorfgemeinschaft», sagt er. «Wenn jemand in eine Krise gerät, sollte man den Betroffenen im vertrauten Rahmen ansprechen auf das Problem. Und im Ernstfall Hilfe holen.»* N

Hilfe für Landwirte bieten das Bäuerliche Sorgentelefon unter 041 820 02 15 oder die Website www.hofkonflikt.ch

Erstellt: 10.11.2018, 23:11 Uhr

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