So viel Hass gab es im Internet noch nie

Rund 10'000 Anzeigen wegen Beschimpfungen in einem Jahr: Jetzt gehen private Gruppierungen gegen Wutbürger vor.

Der Transparenz-Bericht von Facebook verdeutlicht, wie verbreitet Hassreden in den sozialen Medien sind. Illustration: Kornel Stadler

Der Transparenz-Bericht von Facebook verdeutlicht, wie verbreitet Hassreden in den sozialen Medien sind. Illustration: Kornel Stadler

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Ueli Maurer hält ein Smartphone in die Kamera. «Ein Symbol für den Fortschritt», sagt er. «Aber es birgt auch Gefahr.» Der Bundespräsident mahnt in seiner Ansprache zum neuen Jahr, sich auf traditionelle Schweizer Werte zu besinnen. Unter anderem auf «einen gewissen Respekt».

Dieser kam 2018 zu kurz, viel eher dominierte Hass die Schlagzeilen. Die Berner Jung-SVP hetzte mit einem Comic gegen Fahrende, Sportler Pascal Mancini machte mit einem Affenvideo Stimmung gegen Dunkelhäutige. Und der Thurgauer BDP-Politiker Thomas Keller verteidigte Adolf Hitler auf Twitter: «So unendlich schlecht kann dieser Mann nicht gewesen sein.» Dazu gab es sexistische Angriffe, etwa auf Juso-Chefin Tamara Funiciello oder SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Alle paar Wochen gelangt ein neuer Fall an die Öffentlichkeit. Was aber noch kein Abbild der Realität ist. Wie weit verbreitet Hassbotschaften tatsächlich sind, zeigt die nationale Kriminalstatistik. Jeden Tag registriert die Polizei über 25 Straftaten wegen Beschimpfung. 9555 Anzeigen erfolgten 2017, so viele wie noch nie. Schweizweit ist die Zahl aller Straftaten seit Erhebungsbeginn 2009 deutlich gesunken. Die Beschimpfungen haben sich in dieser Zeit jedoch fast verdoppelt. Genauso ist es bei vergleichbaren Delikten. 1186 Verleumdungen gab es laut Polizei zuletzt, zudem 1666 Fälle von übler Nachrede.

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«Die negative Stimmung gegen Minderheiten nimmt zu», begründet Roman Heggli, Geschäftsleiter der Schwulenorganisation Pink Cross, den Anstieg. Öffentlich auszuteilen, werde wieder salonfähiger. «Wenn man sieht, wie despektierlich sich zum Beispiel Donald Trump auf Twitter äussert, dann ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Bevölkerung die Hemmschwelle sinkt.» Die Kriminalstatistik zeigt nicht, wie viele Beschimpfungen online erfolgten und wie viele im realen Leben. Für Experten ist aber gerade das Internet für die hohen Zahlen verantwortlich. «Es hat neue Möglichkeiten gebracht, um Hass zu streuen», sagt Dominic Pugatsch, Geschäftsleiter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. «Mit einer Beschimpfung auf der Strasse erreicht man einige Leute. Über soziale Medien hingegen ist der Wirkungskreis viel grösser.»

Hinzu komme die Anonymität im Netz, welche die Täter schützt. «Obwohl wir in letzter Zeit feststellen, dass die Zurückhaltung sinkt», sagt Pugatsch. «Immer mehr Leute teilen mit echtem Namen und Foto offensichtlich strafbare Inhalte. Einfach deshalb, weil sie keine Angst haben, Konsequenzen tragen zu müssen.»

Unternehmen wie Facebook oder Youtube tun laut Pugatsch zu wenig, um verwerfliche Beiträge zu unterbinden. «Oft melden wir Kommentare, und dann geschieht über Wochen nichts, sie bleiben für alle sichtbar.» Die Plattformen hätten kein Interesse, einzugreifen. «Ihnen geht es um möglichst viele Klicks. Diese erhalten sie gerade bei gehässigen Diskussionen und anstössigen Inhalten.»

Über 200 Kinder unter 15 Jahren angezeigt

Der Transparenz-Bericht von Facebook verdeutlicht, wie verbreitet Hassreden in den sozialen Medien sind. In den ersten neun Monaten 2018 griff das Unternehmen weltweit bei mehr als 8 Millionen Kommentaren, Posts und Fotos ein – sei es mit der Löschung eines Beitrags oder der Sperrung eines Users. Wie oft es insgesamt zu Hass-Posts kommt, kann aber nicht einmal das Unternehmen selbst sagen. Die Analyse-Parameter dazu würden erst entwickelt, heisst es. Ebenso wenig weist das Unternehmen detaillierte Zahlen zur Schweiz aus.

Stattdessen zeigt die nationale Kriminalstatistik: Einige der Täter sind noch extrem jung. 2017 wurden in der Schweiz 239 Kinder wegen Beschimpfung angezeigt, die 14 Jahre oder noch jünger waren. Fast genauso viele Anzeigen richteten sich aber auch gegen Senioren über 70. Deutliche Unterschiede zeigen sich beim Geschlecht: Drei von vier Verzeigten waren laut Statistik männlich.

«In den herkömmlichen Medien kommen Frauen weniger zu Wort als Männer», sagt Sophie Achermann von Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen. Social Media verbesserten dieses Ungleichgewicht. «Wir sind es aber wenig gewohnt, dass Frauen sich Gehör verschaffen. Dies scheint vor allem Männer zu verunsichern, sie fühlen sich provoziert und reagieren mit Beleidigungen und Drohungen.»

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Verschiedene Gruppen schlagen zurück. Sogenannte Online-Warriors des Vereins #NetzCourage melden gemeinsam verwerfliche Beiträge bei Facebook. Immer mit möglichst vielen Mitgliedern, um so den Druck auf die Plattform zu erhöhen. Der Verein bietet aber auch direkte Unterstützung für Betroffene. «Wir haben mehrere Anfragen pro Tag für Soforthilfe, im Jahr 2018 waren es insgesamt über 1000», sagt Gründerin Jolanda Spiess-Hegglin. Die ehemalige Zuger Kantonsrätin, bekannt geworden als Opfer eines angeblichen sexuellen Übergriffs, ist bis heute Ziel von massivem Hass. «Seit es unseren Verein gibt, haben wir 180 Anzeigen eingereicht – die Hälfte der Fälle betrifft mich selber.»

Täter können mit einer Geldstrafe von bis zu 90 Tagessätzen belangt werden. Das Bezirksgericht Kriens LU sprach 150 Franken für folgenden Facebook-Post: «Die gehört administrativ in eine Klinik gesperrt und nicht mehr raus gelassen.» Eine Geldstrafe von 900 Franken verhängte die Zürcher Staatsanwaltschaft See/Oberland für die Worte «Dreckslügner», «Krimineller» oder «Dummkopf». In Winterthur wiederum stellten die Strafbehörden ein Verfahren wegen Beschimpfung ein, weil das Gegenüber diese provoziert habe. Grundsätzlich stehen die Chancen auf einen Schuldspruch heute aber gut. Anders als auf der Strasse lassen sich Beschimpfungen im Internet besser nachweisen. 2017 ergingen 3512 Urteile. Auch dies ein deutlicher Rekord.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2019, 08:20 Uhr

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