«Ich bestreite nicht, dass ich Philip Roth im Kopf hatte»

Lisa Halliday war mit dem amerikanischen Schriftsteller zusammen. Jetzt hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht, das als erotischer Schlüsselroman gehandelt wird.

«Fiktion und Realität sind stärker miteinander vermengt, als die Leute gemeinhin annehmen»: Lisa Halliday, 41. Foto: Max Cardelli

«Fiktion und Realität sind stärker miteinander vermengt, als die Leute gemeinhin annehmen»: Lisa Halliday, 41. Foto: Max Cardelli

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«Was, du auch?», «Wie weit bist du?» –So geht das nun seit einiger Zeit, wenn man Freunde und Bekannte fragt, womit sie sich gerade beschäftigen. Und bei all diesen Fragen geht es nicht etwa um eine schicke Netflix-Serie, sondern nur um das eine: das Buch der jungen Amerikanerin Lisa Halliday, das für Aufsehen sorgt, weil darin von der Beziehung zwischen einem Autor und einer um Jahrzehnte jüngeren Frau erzählt wird. Ein Buch, das von einigen so aufmerksam gelesen wird, weil es als erotischer Schlüsselroman aufgefasst wird: als platte Abschilderung der realen Beziehung – zwischen Lisa Halliday und Philip Roth, dem vielleicht bedeutendsten Autor unserer Zeit mit Arbeitsschwerpunkt sexuelle Obsession und kränkbare Männlichkeit.

Philip Roth selbst ist an dieser Lesart von Hallidays «Asymmetrie» alles andere als unschuldig: Wenige Monate vor seinem Tod gab er ein Interview, in dem er bestätigte, dass er und Halliday «Freunde» waren – und dass er «Asymmetrie» gelesen habe: «She got me», war Roths Urteil zu Hallidays Roman, das nun ein wenig wie sein Grabspruch in der Landschaft steht: Der Satz zu ihrem Roman wurde erstmals in seinem Nachruf in der «New York Times» veröffentlicht. Als allerletzter Satz.

Philip Roth starb im Mai 2018 im Alter von 85 Jahren. Und seither galoppiert die Fantasie; selbst gestandene Kritiker greifen in den Honigtopf der sexuellen Sensation und zitieren alle expliziten Passagen aus dem Roman zusammen. «O Gott. O mein Gott. Heiliger . . .», japst in Hallidays «Asymmetrie» der Autor Ezra Blazer einmal; an einer anderen Stelle kriecht seine junge Freundin Alice «flink» unter die Bettdecke – «und machte sich zu schaffen, bis er kam wie ein kraftloser Trinkbrunnen.»

Bushs «Krieg gegen den Terror»

«Ich spreche gerne über Philip Roth, weil er mein Freund war und ich ihn vermisse», schreibt Halliday, als man sie für ein Interview anfragt. Aber wenn der Fokus auf ihrer Beziehung zum verstorbenen Autor liege, dann würde sie sich lieber nicht mit einem treffen. Kein Problem, denn Halliday hat mit «Asymmetrie» ein literarisch ernst zu nehmendes Buch geschrieben: Über die éducation sentimentale einer jungen Frau und die kaum bewältigte Zeit von George W. Bushs «Kriegen gegen den Terror». Wir klingeln in einer Seitengasse in Mailand, die an einer imposanten Kirche entlangführt. Hier lebt die Autorin mit ihrem Mann und der Tochter.

Lisa Halliday, geboren 1976, ist kleiner, als man sie sich vorgestellt hat. Aber von einnehmender Freundlichkeit: Ihr Lachen wird an diesem Vormittag wiederholt das Appartment durchschallen, das wir über einen Innenhof erreichen. Auf einem kleinen Tisch des Wohnzimmers stapeln sich die zahlreichen Übersetzungen ihres Romans. «Das ist mir jetzt ein wenig peinlich», sagt Halliday mit Blick auf die Stapel. «Aber zur Zeit kommen fast jeden Tag neue Ausgaben dazu. Vielleicht finde ich einen Ort im Bad für die Bücher.»

Dabei war es ja durchaus ihre Ambition, einen Platz in dieser Welt einzunehmen, in die wir uns nun setzen: eine grossen Ecke mit mehreren Regalmetern Gegenwartsliteratur. «Schreib das Buch, das du selbst lesen willst!», habe ihr eine befreundete Autorin geraten, als sie mit dem Schreiben begann. «Das ist ja wirklich schwierig, wenn man einen hohen Standard hat», sagt Halliday. Wie hoch dieser ist, kann man beim Scannen ihres Bücherregals abschätzen, wo ein Who’s Who der Nachkriegsmoderne versammelt ist. Aber auch an der Tatsache, dass Halliday bei Wiley arbeitete, einer der wichtigsten Literaturagenturen, die Philip Roth, John Updike und andere vertrat.

Das Buch sei «ein Wunder»

Halliday experimentierte über Jahren mit Schreiben – aber bis auf eine Kurzgeschichte, die in einer Zeitschrift erschien, wollte ihr nichts glücken. Erst mit der Distanz zum New Yorker Literaturbetrieb, die sie mit dem Umzug nach Mailand gewann, gelang es ihr, die gewünschte Qualität zu erreichen. Der Erfolg gibt ihrer Beharrlichkeit recht: Das Buch sei «ein Wunder», wird Zadie Smith auf dem Umschlag der US-Ausgabe von «Asymmetrie» zitiert.

«Ich weiss, was du machst, wenn du allein bist», sagt Ezra Blazer im Roman zu Alice. «Schreiben. Oder etwa nicht?» Alice stimmt ihm zu. Aber anders als von Blazer erwartet, schreibt sie nicht über ihre Beziehung, sondern über «Krieg. Diktaturen. Weltangelegenheiten». Alice sagt dies nicht, ohne dass ihr die Frage durch den Kopf schiesst, ob sie als «ehemaliges Chormädchen» aus Massachusetts in der Lage ist, literarisch über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Die Szene ist der eigentliche Schlüssel zu «Asymmetrie»: Halliday wollte nicht nur im Literaturbetrieb einen Platz finden, sie wollte auch die Welt verstehen, in der wir Westler uns in der Komfortzone vom Rest abtrennen können. Oder wie sie es selbst formuliert: «Wie emphatisch können wir sein, wenn wir uns das Leben von Menschen aus anderen Kulturen vorstellen?» Eine scheinbar schlichte, aber keine einfache Frage angesichts hitzig geführter Debatten über «kulturelle Aneignung», also wer über wen schreiben darf – ohne übergriffig zu sein.

Halliday bewegt sich auf vermintem Gelände

Halliday weiss, wie vermint das Gelände ist, auf dem diese Diskussionen geführt werden. «Aber ich denke, dass Autoren sich nicht beschränken lassen sollten.» Wer einen Roman schreibe, versuche sich in andere Personen, andere Welten einzufühlen. Selbstverständlich dürfe man es sich nicht zu einfach machen. «Aber wie kann uns jemand sagen, was wir allenfalls nicht wissen, wenn wir es nicht zu verstehen versuchen?»

Halliday hat viel recherchiert für den zweiten Teil ihres Romans, der von Amar handelt, einem amerikanisch-irakischen Doppelbürger, der am Londoner Flughafen verhaftet wird, als er nach Bagdad zu seinem Bruder reisen will.

Im zweiten Teil wendet sie sich dem Politischen zu

Der zweite Teil ist also als Fortführung von Alice’ éducation zu verstehen – hin zum Politischen. Wenn man den Roman liest, versteht man das nur zu gut. Und trotzdem bleiben viele am ersten Teil hängen, weshalb sich Halliday nun in einem permanenten Abwehrgefecht befindet. «Ich bestreite nicht, dass ich Philip Roth im Kopf hatte, als ich das Buch schrieb. Nicht richtig ist aber die Vorstellung, dass mein Roman die Geschichte unserer Beziehung erzählt. Denn das stimmt einfach nicht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre so.»

Hallidays Roman spielt also an der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Wobei dies für Halliday keine gültigen Kategorien sind: «Fiktion und Realität sind stärker miteinander vermengt, als die Leute gemeinhin annehmen», sagt sie, wobei sie diese Verwischung in ihrem Roman deutlich hervorstreicht: «Are you game?» ist der Satz, mit dem Ezra Blazer die junge Alice zum Abenteuer ihrer Beziehung einlädt. «Ich denke, es war diese Verspieltheit, die Philip Roth meinte, als er sagte ‹she got me›. Roth war sehr spielerisch. Ich zeige Ihnen etwas», sagt Halliday und führt mich zu einer kleinen Anrichte, auf dem ein gerahmtes Programmheft eines Konzerts mit Kompositionen von Beethoven und Stockhausen steht. «Das ist das Konzert, das Ezra Blazer und Alice im Roman in New York besuchen, das ich aber hier in Mailand in der Scala mit meinem Ehemann hörte.»

Das Konzert ist nicht das einzige Beispiel, das die Autorin erklären kann, bei dem Fiktion und Wirklichkeit verwischt sind: «Was Amar in Heathrow geschieht, ist mir selbst widerfahren.» Ihr heutiger Ehemann lebte damals in London, weshalb sie wiederholt von den USA nach England reiste – bis sie den Zollbeamten verdächtig erschien und nicht mehr einreisen durfte. Ein Jahr lang. Wirklich? «Ja, ich mietete mir dann eine Wohnung in Paris, damit mich mein Mann besuchen konnte.»

Philip sagte: «Du musst es tun, das ist eine so wichtige Erfahrung.»

Seit 2011 leben Halliday und ihr Mann in Mailand. Zusammen mit einem einjährigen Baby, von dem Halliday sagt, es habe ihr eine neue Achtsamkeit für die Welt verschafft – auch im Hinblick auf den zweiten Roman, an dem sie nun arbeitet. Nur wenige Autorinnen haben Kinder. Schwierig, mit einem Baby zu schreiben? «Uh, yes! Philip Roth war sehr ermutigend, was meinen Kinderwunsch anbelangt. Das hat mich überrascht, weil er ja keine Kinder hatte. Vor der Geburt fragte ich mich, ob ich schreiben und zugleich für das Baby sorgen kann. Aber Philip sagte: ‹Du musst es tun, das ist eine so wichtige Erfahrung.› Das bedeutete mir sehr viel. Philip liebte meine Tochter. Ich schickte ihm Bilder von ihr, er wollte mehr von ihr sehen, aber er konnte nur die ersten zehn Monate von ihr erleben.»

Trauer schwappt ins Appartment. Es bleibt ein Moment, der von der Ankunft von Hallidays Tochter in Begleitung ihrer Nanny aufgebrochen wird: Mit einem Grinsen zeigt uns die Einjährige ihre ersten Zähne – und holt die Leichtigkeit des Hierseins zurück.

Lisa Halliday: Asymmetrie. Hanser, 316 S., ca. 33 Fr. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 17:34 Uhr

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