«Es gibt keinen schweizerischen Islam»

Nach Morddrohungen lebt der bekannte Islamkritiker Hamed Abdel-Samad unter Polizeischutz. In seinem neuen Buch erklärt er, die Integration des Islam für gescheitert.

«Ich versuche, so normal wie möglich zu leben»: Hamed Abdel-Samad mit drei seiner Personen­schützer in Köln. Bild: Marcus Simaitis/Laif (Fotos)

«Ich versuche, so normal wie möglich zu leben»: Hamed Abdel-Samad mit drei seiner Personen­schützer in Köln. Bild: Marcus Simaitis/Laif (Fotos)

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Vor dem kleinen Hotel in Köln stehen zwei schwarze gepanzerte Wagen. Der gläserne Hoteleingang ist abgeschlossen. Ein junger Muslim steht davor, ein Portier eilt herbei und erklärt: «Wir sind ausgebucht.» Drinnen kontrollieren fünf Personenschützer die Räumlichkeiten, begleiten Hamed Abdel-Samad aufsein Zimmer. Am Abend wird er sein neues Buch «Integration: Ein Protokoll des Scheiterns» vorstellen. Eine Abrechnung mit dem Islam.

Mehrere islamische Geistliche haben zu Ihrer Ermordung aufgerufen. Seit fünf Jahren stehen Sie unter Polizeischutz. Wie gehen Sie damit um?
Ich versuche, so normal wie möglich zu leben.

Funktioniert das?
Nein, es klappt natürlich nicht. Ich kann nichts mehr spontan machen, alles muss vorher gut geplant werden, auch wenn ich nur kurz in den Drogeriemarkt zum Einkaufen gehe. Wenn ich da mit vier, fünf Personenschützern reinkomme, haben die Leute manchmal das Gefühl, ich wolle den Laden überfallen. Es ist ein mulmiges Gefühl für alle. Ich versuche, solche Situationen einzugrenzen, so gut es geht, und verzichte auf viele Sachen, die zur Lebensqualität gehören. Ich war zum Beispiel seit fünf Jahren nicht mehr im Theater oder im Kino.

Wie stark prägt die Angst Ihr Leben?
Ich versuche, das auszublenden, weil ich nicht von der Angst getrieben sein will. Nach dem Buch «Mohamed – Eine Abrechnung» gab es auch von deutscher Seite heftige Reaktionen und Morddrohungen. Deshalb habe ich jetzt intensiveren Polizeischutz.

Wissen Sie, wer Sie bedroht?
Ja, aber ich darf dazu nichts sagen.

Der deutsche Innenminister Horst Seehofer sagte kürzlich, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Teilen Sie diese Einschätzung?
Das ist keine Einschätzung, das ist die Realität.

Das sagen Sie.
76 Prozent der Deutschen stimmten in einer Umfrage Seehofers Aussage zu. Wozu sollte der Islam denn gehören, wenn nicht zu den Menschen, die hier leben? Wenn die Mehrheit findet, dass der Islam keinen Beitrag zu ihrer Kultur geleistet habe und nicht dazugehöre, dann ist das eine Realität. Kommen wir zu den Muslimen selbst: Fast die Hälfte stellt den ­Koran oder die Scharia über das Grundgesetz.

Sie sagen, Muslime wollen sich oft gar nicht integrieren?
Ja. Sie sind glücklich über ihre Kultur, halten sie für die bessere Alternative zum Westen und fühlen sich moralisch überlegen. Sie wollen von den Vorteilen profitieren, die Länder wie Deutschland oder die Schweiz bieten. Aber sie wollen nicht dazugehören. Es gibt noch einen zweiten Punkt: Was gehört zum Islam? Gehört die Scharia zum Islam?

Sagen Sie es uns.
Ja, die Scharia gehört zum Islam. Ein Frauenbild, das mit Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbar ist, gehört zum Islam. Ein Mann darf seine Frau schlagen, und das gehört zum Islam. Die Erziehung zur Angst vor der Hölle gehört zum Islam. Das ist für mich ein Eingriff in die Kinderrechte. Diese Teile des Islam gehören nicht zu Deutschland oder zur Schweiz und dürfen niemals dazugehören.

Sie halten den Islam für nicht reformierbar. Warum?
Der Islam ist nicht gekommen, um Teil dieser Welt zu werden, sondern um die Gesellschaftsordnung, die Rechtsordnung und die poli­tische Ordnung von oben zu ­bestimmen.

Der Islam könnte sich doch verändern?
Wenn man uns deutsche Imame präsentieren kann, die hier aufgewachsen sind, hier studiert und ihre Theologie hier vermittelt bekommen haben, kommen wir zusammen. Aber die Sachlage ist eindeutig: Wir haben einen Import-Islam aus Saudiarabien, aus der Türkei und aus Ägypten. Wir haben ethnisch-nationale Vereine, die hauptsächlich der verlängerte Arm ausländischer Regierungen sind, die auch auf deutschem Boden ausländische Politik betreiben.

Ist die Situation in der Schweiz vergleichbar?
Natürlich. Es gibt ja keinen schweizerischen Islam. Er ist aus Bosnien, der Türkei oder der arabischen Welt importiert. Es gibt den sogenannten Islamischen Zentralrat der Schweiz. Da sind, salopp ausgedrückt, ein paar bekloppte Konvertiten dabei, die eine Konterrevolution gegen die Moderne und gegen die Aufklärung starten wollen.

Sie werfen der Politik schwere Fehler bei der Integration von Muslimen vor. Wo wurden Fehler gemacht?
Die Politik will die Probleme mit dem Islam wegretuschieren. Jahrelang hat man in der Illusion gelebt, dass man zwei völlig unterschiedliche Wertesysteme versöhnen kann, ohne dass es zu Konflikten kommt. Aber das islamische und das westliche Wertesystem passen einfach nicht zusammen. Sie schliessen sich zum Teil sogar aus.

«Ein Vater, der ­seine Tochter nicht zum Schwimmunterricht schickt, weil das unmoralisch ist, verdient es aus ­meiner Sicht nicht, deutscher Staatsbürger zu sein»

Wo zum Beispiel?
Die Moralvorstellungen, die Geschlechterrollen, die Haltung zur Freiheit sind völlig unterschiedlich.

Und nicht vereinbar?
In Deutschland oder der Schweiz herrscht Konsens über Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Meinungsfreiheit. Wie kann man hier gut integriert sein und diese Werte dennoch mit Füssen treten oder auch nur infrage stellen? Ich kann mich nicht integrieren, wenn ich immer noch von einem grossosmanischen Kalifat träume, das Europa eigentlich ablösen sollte.

In Ihrem neuen Buch erklären Sie die Integration des Islam für gescheitert. Woran machen Sie das fest?
Für Erdogans antidemokratische Verfassung haben viel mehr Türken in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich gestimmt als in der Türkei selber. Wir haben es nicht geschafft, für Menschen, die Produkte unseres Bildungssystems sind, die Freiheit attraktiver zu ­machen als das autoritäre System, das ihnen Illusionen und Macho-­Gehabe verkauft. Die Zahl der ­Salafisten in Deutschland hat sich verdoppelt, die Zahl der Gefährder innerhalb von zwei Jahren verdreifacht. 43 Prozent aller Arbeitslosen und 52 Prozent der Sozial­hilfebezüger haben Migrationshintergrund. Sind das Indizien für eine gelungene Integration? Oder nehmen wir die Bildungsmisere. Die schlechtesten Bildungsdaten haben ­Türkisch- und Arabischstämmige.

Schlechte Schüler gibt es nicht nur bei den Muslimen.
Ja, aber egal, mit wem man es vergleicht, mit Deutschen, Russen, Polen oder Südamerikanern, die Muslime sind ganz unten. Bei den Vietnamesen machen 75 Prozent Abitur. Man kann also nicht sagen, es liege am Migrations­hintergrund.

Machen Sie mit Ihrer Islamkritik nicht den Fehler, die gesamte Religion mit ihren verschiedenen Strömungen in einen Topf zu werfen?
Bei den Zahlen, die ich genannt habe, kann man nicht sagen, dass es sich um eine Verallgemeinerung handelt. Unser Bauchgefühl sagt, dass es auch nette Leute gibt. Klar gibt es die. Die gibt es überall, die gab es sogar bei den Nazis. Ich rede aber über das Kollektiv. Die islamische Zuwanderung ist keine Erfolgsgeschichte. Das ist ein Fakt.

Hemmt der Islam die Integration?
Ich muss die Kultur, in die ich einwandere, respektieren. Wenn ich sie moralisch verachte, kann ich mich damit nicht identifizieren. Die islamische Kultur beurteilt alles durch die islamisch-moralische Brille. Die Frau trägt kein Kopftuch, sie ist unmoralisch. Der trinkt Alkohol, er ist unmoralisch. Die sind unverheiratet und leben zusammen, das ist unmoralisch. Für Vietnamesen spielt das keine Rolle, sie sehen ihre Kultur nicht als die bessere Alternative zum Westen. Daran scheitert die Integration der Muslime in erster Linie.

Ein Problem sind die ­Parallelgesellschaften. Sie werden nicht kleiner, sondern grösser.
Weil eine Durchmischung fehlt. Eine muslimische Frau darf keinen Nicht-Muslim heiraten. Ein türkischer Mann darf manchmal vor der Ehe sexuelle Beziehungen mit einer Deutschen haben, aber für die Heirat muss er eine Unerfahrene aus der Türkei holen. So vergrössert man natürlich die ­Parallelgesellschaften.

Was braucht es, damit die Integration gelingt?
Zunächst einmal müssen die Leute das wollen.

Und wenn das nicht der Fall ist?
Dann muss man das sanktionieren.

Mit welchen Mitteln?
Ein Beispiel: Vor kurzem wurde ein Salafist in Deutschland eingebürgert. Es spielte keine Rolle, dass er Salafist ist. Hauptsache, er lebt seit so und so vielen Jahren hier, hat einen Arbeitsvertrag und spricht Deutsch. Wir verschenken die Staatsbürgerschaft. Sie müsste an einen Wertekanon gebunden sein. Ein Vater, der seine Tochter nicht zum Schwimmunterricht schickt, weil das unmoralisch ist, verdient es aus meiner Sicht nicht, deutscher Staatsbürger zu sein. Dann muss er eben immer Ausländer sein, weil er sich selbst zum Ausländer macht.

Sie kritisieren auch den Umgang mit Flüchtlingen.
Weil hier genau das Gleiche passiert. Es spielt keine Rolle, ob einer Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat war, Hauptsache, er kommt aus einem Land, in dem Krieg herrscht. Dann nehmen wir den rein, und ein paar Monate später wundert man sich, wie es passieren konnte, dass ein Terror­anschlag verübt wurde.

Merkels Willkommenskultur war ein Fehler?
Natürlich. Wie kann man so dumm sein, seine Grenze zu öffnen und einfach jeden reinzulassen, egal, welche Gesinnung er hat?

Sie werfen dem Westen zu grosse Toleranz vor. Wann wird sie zur Schwäche?
Wenn man im Namen der Toleranz zulässt, dass die Intoleranz sich heimisch fühlt und ihre Infrastruktur ausbaut. Wenn die Intoleranz uns jetzt vorschreibt, was wir zu sagen haben, was wir nicht tun dürfen, welche Kleidung die Mädchen tragen sollen, welche Zeichnungen wir in den Zeitungen zeigen dürfen und welche nicht. Europa lässt Menschen von den Vorzügen des Rechtsstaates profitieren, die ihn vernichten wollen.

Es gibt viele junge Männer, die hier aufgewachsen sind und sich radikalisieren. Warum?
Weil sie eine Ideologie als Teil ihrer Identität annehmen, die nach Radikalisierung schreit. Eine Erziehung, die sagt, das menschliche Leben sei eigentlich wertlos, Hauptsache, man kommt ins Paradies, führt zur Radikalisierung. Um ins Paradies zu kommen, gibt es keine einzige Garantie, ausser den Märtyrertod. Wenn die Leute die ganze Zeit Angst vor der Hölle haben, wollen sie sich irgendwie reinigen von der Sünde. Da bietet sich natürlich ein Selbstmordanschlag an.

Radikalisierung hat nichts mit Armut und prekären ­sozialen Verhältnissen zu tun?
Das zu glauben, ist komplett falsch. Wir haben in Deutschland und der Schweiz orientalische Christen, die aus den gleichen Ländern wie Muslime kommen. Sie leben unter den gleichen Umständen, auch sie sind von Armut und sozialen Problemen betroffen. Warum jagen sie sich nicht in die Luft?

Helfen Sie uns weiter.
Weil die Ideologie fehlt.

Sie kamen mit 23 als ­strenggläubiger Muslim nach Deutschland. Wie haben Sie das erlebt?
Ich war unvorbereitet auf die westliche Freiheit und habe die ganze Gesellschaft zunächst als völlig unmoralisch erlebt. Ich war überrascht, wie frei und freizügig hier mit Sexualität und mit Alkohol umgegangen wird. Und ich hielt mich für moralisch überlegen.

Ihr Vater war in Ägypten Imam. Spielte das in der Erziehung eine Rolle?
Ich bin mit den Texten des Islam aufgewachsen und habe die Verse des Koran früh auswendig gelernt. Die Exegese-Texte, die Biografie des Propheten, die gesamte religiöse Literatur war bei uns zu Hause vorhanden und hat die Erziehung geprägt. Aber auch eine ganz normale Familie erzieht ihre Kinder streng religiös. Das ist normal in muslimischen Gesellschaften.

Sind Sie heute Atheist oder ein gläubiger Mensch?
Weder noch. Ein Mensch kann sein Leben nicht nur über die Religion definieren. Ich bin durch einen genetischen und geografischen Zufall in Ägypten in einer muslimischen Familie geboren worden. Es gibt keinen Grund, warum das meine Identität dominieren sollte.

Ihr Name heisst auf Deutsch «Der dankbare Sklave Gottes». Würden Sie sagen, dass dieser Name noch zu Ihnen passt?
Natürlich nicht. Dankbarkeit der Sklaven braucht kein Mensch. Dankbarkeit muss von der Freiheit kommen. Ich bin dankbar, dass ich lebe, trotz allen Schwierigkeiten, die ich habe. Ich lebe gerne. Und bin trotz allem frei im Geist.

Aber beschränkt in Ihrer Bewegungsfreiheit.
An meiner konkreten Lebenssituation sieht man, dass Demokratie und freiheitliche Werte keine Selbstläufer sind. Ein Schriftsteller, der sich kritisch zum Islam ­äussert, braucht rund um die Uhr Polizeischutz.

Warum machen Sie weiter? Ist es das wert?
Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, ein Wert, den man hochhalten und von allen einfordern muss. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Wenn man schweigt, löst man das Problem nicht. Im Gegenteil. Man beugt sich der Logik der Fanatiker. Und das tue ich niemals.

Erstellt: 22.04.2018, 17:50 Uhr

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Der Politologe Hamed Abdel-Samad, 46, ist in Ägypten in der Nähe von Kairo als Sohn eines Imams aufgewachsen. Er gehört zu den profiliertesten Islamkritikern im deutschsprachigen Raum. Nach einem Vortrag in Kairo 2013 wurde er zum «Ungläubigen» erklärt und zu seiner Ermordung aufgerufen. Zahlreiche Internetseiten der Salafisten und Muslimbrüder zeigten das Bild des Autors mit der Überschrift «Wanted Dead».

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