«Unsere Umwelt verreckt gerade, das finde ich wichtiger als Trump»

Bald hat Hazel Bruggers neues Soloprogramm Premiere. Im Interview spricht sie über die Lust am Überschreiten von Grenzen – und ihren Dämon.

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Wissen Sie, warum Sie auf die Bühne gehen?
Ich glaube, es braucht einen ­Dämon, dass man öffentlich auftritt. Etwas Negatives, damit man das Bedürfnis hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Stand-up-Comedy ist wie Schauspielerei eine Sportart, in der man wissen muss, was eine Emotion ist und wie man sie herstellt. Dafür muss man sehr viel Zeit mit sich selbst verbringen und auch Lust haben herauszufinden, wer man ist und was einen so wütend macht.

Wut als Triebfeder?
Das nicht, aber es sind selten positive Emotionen. Auch im Alltag fragt sich doch niemand, warum bin ich jetzt gerade so glücklich? Es ist immer etwas Negatives, mit dem man sich beschäftigt. Alle meine Freunde aus dem Comedy-Bereich waren lange Zeit sehr unzufrieden und unglücklich. Und auch ich habe sehr viele Phasen, in denen es mir nicht so gut geht.

Wirklich?
Interviewer staunt, fällt vom Stuhl, macht einen Flickflack.

Im Ernst: Wenn man Sie sieht, vermutet man nichts Dunkles, aber eine nach vorne gespielte Lust, kein privates Drama.
Drama wäre übertrieben. Wenn ich auf der Bühne bin, ist es für mich schon verarbeitet. Es ist also nicht so, dass man beim Besuch meines Programmes denken muss: «Oh, Gott, die Arme!» Für mich ist das Drama dann schon durch. Aber das ist das, was mich bei Louis C.K. so traurig gemacht hat.

«Alle meine Freunde aus dem Comedy-Bereich waren lange Zeit sehr unglücklich.»

Der gefeierte US-Komiker Louis C.K. hat vor Mitarbeiterinnen masturbiert.
Und ich hatte gedacht, Louis C.K. sei DER Stand-up-Comedian, der alles am besten macht. Und noch nicht mal er schafft es, seine dunkle Seite zu überwinden.

Er hat viele Witze gemacht, die offensichtlich etwas mit seiner dunklen Seite zu tun haben.
Ich ging immer davon aus, für ihn seien diese Witze so eine Art Katharsis. Aber wie wir nun wissen, reichte das nicht aus, damit er mit seinen Perversitäten aufhören konnte. Offensichtlich hat er ein psychologisches Problem. Aber ich finde, Louis C.K. ist gut damit umgegangen, hat alles zugegeben, sich öffentlich entschuldigt. Er könnte einer der wenigen sein, die im Zuge der #MeToo-Debatte an den Pranger gestellt wurden, die trotzdem eine Art Comeback haben werden.

Was hat #MeToo in der deutschsprachigen Comedy-Szene verändert?
Wahrscheinlich sind wir jetzt alle viel geschulter als vor anderthalb Jahren, was den Respekt vor der Privat- und Intimsphäre anbelangt. Aber selbstverständlich gibt es sexuelle Belästigung in der Comedy-Szene. Das gehört leider dazu. Ich glaube aber, dass es bei Comedians einfacher ist, unerwünschte Avancen und Grenzwertigkeiten abzuwehren, indem man sagt: «Häh, was machst du da? Spinnst du? Geh weg!» Und dann ist das okay. Wer professionell Humor macht, ist eh hoffentlich an einem Punkt, an dem er nicht persönlich gekränkt ist, sondern sofort aufhört, wenn jemand sagt: «Wäh, was bist du für ein Grüsel!»

Versucht man als Comedian also immer, Grenzen abzutasten, manchmal auch zu überschreiten?
Das kann man so sagen. Aber für mich ist klar, dass es sich dabei immer um ein intellektuelles Abtasten der Grenzen handelt. Auch wenn es manchmal sehr körperlich wird. Etwa dann, wenn ich für die «heute-show» Politiker auf Parteitagen ankicke. Im Gemenge kann es schon mal vorkommen, dass ich weggezerrt oder mit einer Hand am Hals von einem Bodyguard weggedrückt werde. Aber das ist dann auch okay.

«Inzwischen ­kennen mich die Politiker, die wollen dann ein Selfie mit mir machen.»

Das finden Sie in Ordnung?
Ich weiss ja, dass es nicht normal ist, was ich da mache, teils einen Meter von Angela Merkel entfernt, mitten in einer Menschenmasse. Und für irgendwas haben die Politiker ja ihre Bodyguards. Ich finde es auch gut, dass es professionelle Personenschützer sind, die mich mit ihrer Hand am Hals wegdrücken. Bevor die Politiker mir ins Gesicht schlagen. Also nicht, dass das vorgekommen wäre. Aber so sind diese Politiker-Interviews halt, einfach extrem anstrengend.

Ihnen gelang wiederholt der Coup. Als Sie etwa die AfD-Politikerin Alice Weidel über einen Merkel-Witz auf ihre schwarz arbeitende Putzfrau ansprachen, was Weidel definitiv nicht erwartet hatte.
Das sind sehr spezielle Momente, weil ich ja weiss, ich rede gerade mit einer der wichtigsten Rechts-aussen-Politikerinnen in ganz Europa. Und ich bin am Drücker. Aber es kommt ja immer auch auf den Kontext an und wie die Politiker reagieren. Inzwischen kennen mich die Politiker, die wollen dann ein Selfie mit mir machen.

Sie haben während einem USA-Aufenthalt mit dem Comedian Thomas Spitzer eine eigene Facebook-Serie gedreht. Darin versucht Spitzer, einen riesigen Burrito zu essen, bis er nicht mehr kann.
Das war so schlimm. Wenn wir so etwas filmen, denke ich gar nicht daran, dass Leute das dann auch wirklich gucken. Eine Szene haben wir aber doch stark gekürzt, weil sie einfach zu viel war: Wir fuhren auf die Tabasco-Plantage, um eine Doku zu drehen, in der ich als bayerische Dame auftrete. Wir fanden das zwar sehr lustig, aber es wäre für die Zuschauer einfach zu seltsam gewesen.

Das macht aber sehr neugierig!
Okay, ich überlege mir, dafür einen eigenen Bezahlkanal einzurichten.

«Ich weiss zwar auch nicht, wer heute überhaupt noch Fernsehen schaut.»

Probieren Sie so viel in eigenen Facebook-Formaten aus, weil das im Fernsehen so nicht möglich wäre?
Tatsächlich ist es ein wenig so, wie wenn ich Koch in einem Sternerestaurant wäre, wo man traditionelles italienisches Essen haben kann. Aber der Sternekoch würde gerne mal Sushi ausprobieren. In seinem Restaurant geht das nicht, also lädt er seine Freunde zu sich nach Hause ein und macht dort Sushi für sie. So ist das auch bei mir.

Viele Comedians haben den Ehrgeiz, maximal politisch zu sein, sie wollen einen Coup landen, etwa eine Staatskrise mit der Türkei anzetteln.
Klar, es ist eine Art Krönung, wenn man in einer politischen Krisen­situation einen Twist herbeiführt, also wenn dadurch tatsächlich etwas neu und anders verstanden werden kann. Ich finde es aber immer etwas komisch, wenn Leute ausschliesslich Late-Night-Sendungen schauen, um sich zu informieren. Wenn man sich wirklich eine Meinung zur Politik bilden will, dann kommt man nicht darum herum, die Zeitung zu lesen. Ich empfinde es auch für Comedians einschränkend, wenn sie sich sagen, etwas sei nur politisch, wenn es sich auf Politiker bezieht. Denn alles, was sich um uns herum befindet, ist doch eigentlich von Politik geprägt.

Sie möchten keine Politaktivistin sein?
Ich sehe es zumindest nicht als meine Aufgabe, politisch zu sein in dem Sinne, dass ich den Leuten sage, was sie en detail zu denken haben. Einer der besten Comedians ist Jerry Seinfeld, der ist überhaupt nicht politisch. Aber weil er die Gesellschaft sehr präzise abbildet, ist er auf eine bestimmte Art fast politischer als Leute, die in jedem zweiten Satz etwas über Trump sagen. Es gibt auch wichtigere Themen als Trump und was er so treibt. Unsere Umwelt verreckt gerade, das finde ich als Thema viel dringender. Viel spannender als Trump finde ich auch die Frage, ob der Präsident der Chef vom Volk ist. Oder umgekehrt: Ob der Präsident ein Angestellter ist, weil er vom Volk gewählt wird. Das sehen wir gerade in Frankreich mit den «gilets jaunes».

Macron steht unter Druck.
Genau, er hat einen Scheisschef. Aber er selbst ist ja auch ein Scheisschef.

Und Sie?
Ich bin in erster Linie dafür da, dass die Leute lachen. Aber ich glaube, dass dies nicht ohne einen gewissen intellektuellen oder emotionalen Tiefgang möglich ist. Ich muss noch zur Aufzeichnung der letzten Sendung mit Kurt Aeschbacher. Können wir zur Labor-Bar rübergehen?

Klar, haben Sie Lebensziele?
Achtung, das Tram!

Oh, danke! Das war knapp.
Also unters Tram kommen oder demnächst sterben möchte ich definitiv nicht. Aber ich finde es ehrlich gesagt sehr schwierig, längerfristig etwas zu planen, da sich mit Netflix und all den anderen Streaming-Diensten zurzeit die ganze Produktionslandschaft verändert, in der ich tätig bin. Ich konzentriere mich daher auf mein Soloprogramm: dass ich damit zufrieden bin, dass es schön gross gespielt wird und am Ende eine coole Aufnahme davon gemacht werden kann, die dann auf Netflix oder wo auch immer im Angebot ist.

Mit «Deville» und dem «Late Update» von Michael Elsener hat das SRF ab Januar zwei Late-Night-Sendungen. Wurden Sie dafür auch angefragt?
Sagen wir es so, ich habe in den letzten Jahren immer sehr deutlich gemacht, dass für mich eine eigene Late-Night-Sendung gerade nicht infrage kommt. Ich weiss zwar auch nicht, wer heute überhaupt noch Fernsehen schaut. Ich zumindest kenne niemanden. Für mich ist das inzwischen so exotisch, wie wenn jemand mir erzählen würde, dass Aquarium-Schauen sein Hobby ist. Aber klar, es gibt die Streaming-Angebote. So etwas würde mich schon reizen, auch wenn ich zurzeit noch keine klare Vorstellung davon habe, was es sein könnte.

Gerade für die Live-Comedy ist Netflix eine riesige Konkurrenz.
Bei den Probeaufführungen zu meinem neuen Soloprogramm habe ich dem Publikum wiederholt gesagt: «Ich weiss nicht, warum Sie da sind, Sie haben doch sicher Netflix.» Aber gerade für Live-Comedy ist es kein Nachteil, dass es so viel gibt auf dem Bildschirm, denn live ist einfach etwas ganz anderes. Ich selbst kann zwar mit dem Vergleich nicht so viel anfangen, aber ich glaube, es ist ein wenig so wie mit Porno gucken und selbst Sex haben. Das gibt es auch einen Unterschied.

Oh, ich seh schon den Titel unseres Interviews.
Nein, Ihr seid doch eine Qualitätszeitung!

Vielleicht machen wir hier eine Ausnahme.
Okay, ein anderer Vergleich: Mit der Live-Comedy ist es wie mit dem Fussball. Die Leute gehen immer noch ins Stadion, obwohl man auf Pay-TV-Sendern seinen eigenen Kamerawinkel wählen kann.

Es gibt die These, dass alle Schweizer Komiker sich auf einem eingemitteten Emil-Humor einpendeln. Ausser Hazel Brugger.
Die Frage ist, warum die Leute lachen. Willst du, dass die Leute dich in diesem Moment lieben? Oder willst du, dass sie lachen, weil du dich längerfristig auch mehr mögen willst? Wenn Letzteres der Fall ist, musst du dich selbst auch weiterentwickeln, dann kannst du gar nicht eingemittet sein. Man muss dann die Leute dorthin leiten, wo der Humor stattfinden wird. Das darf man sich nicht vom Publikum diktieren lassen. Aber das ist vielleicht eine Gefahr in der Schweiz, da man hier gut von der Comedy leben kann, wenn man sich ans Publikum ankuschelt.

Haben Sie eine These, warum Roger Federer für Sie zu einer solchen Obsession wurde, dass er in Ihren Texten immer mal wieder auftaucht?
Na ja, es gibt ja keinen grösseren Star in der Schweiz als Roger Federer. Aber ich finde es krass, dass er zwar der beste Tennisspieler ist, aber keine Meinung zu rein gar nichts hat.

Sie haben mal geschrieben, Federer sei so aufregend wie ein Verkehrskreisel. Nur weniger verrückt dekoriert.
Ja, aber meine Federer-Obsession hat etwas nachgelassen, da ich viel in Köln bin. Da kennt ihn niemand.

Erstellt: 30.12.2018, 15:57 Uhr

Comedian, Kolumnistin, Aussenreporterin

Hazel Brugger, geboren 1993, ist die lustigste Frau der Schweiz. Seit 2016 gehört die Stand-up-Comedian als «Aussenreporterin» zum Team der ZDF-«heute-show». Eine Auswahl von Bruggers Kolumnen erschien in Buchform unter dem Titel «Ich bin so hübsch». Am 1. Februar 2019 hat ihr neues Soloprogramm «Tropical» am Luzerner Kleintheater Premiere und tourt danach durch die ganze Schweiz. Alle Termine der Tournee unter www.hazelbrugger.ch.

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