Ich bin dann mal für eine Weile tot

Beim Dopamin-Fasten verzichtet man auf alles, was Freude macht, um glücklich zu werden. Bringt das was?

Nur noch abtauchen: Nichts ist mehr erlaubt. Foto: Getty Images

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Eigentlich, so dachte man, ist im Februar in Sachen Verzichtswahn das Schlimmste überstanden. Den ganzen Januar musste man sich jeglichen Genuss verkneifen, wegen der Gesundheit halt und neuerdings sogar dem Klima zuliebe. Keine Snacks zwischendurch, kein Alkohol, nicht einmal mehr Fleisch durfte auf dem eh schon dürftigen Menüplan landen. Doch immer dann, wenn man glaubt, mehr Tortur geht nicht, schwappt ein Lifestyle aus den USA zu uns herüber, der alles Dagewesene toppt. Zum Beispiel Dopamin-Fasten.

Erfunden wurde der Trend im Silicon Valley, wo Selbstoptimierung Pflicht ist und ausgelaugte Tech-Nerds auf supergesunde Pulver-Shakes und LSD-Mikrodosen schwören, um sich aufs nächste Level zu katapultieren. Beim Dopamin-Fasten geht es nun darum, das Glücksempfinden upzugraden, indem man eine Zeit lang auf alle, ja wirklich alle Freuden des Lebens verzichtet. Sex ist natürlich absolut tabu, herzige Katzenvideos und anderweitige Smartphone-Zerstreuung sowieso. Man darf nichts Spannendes lesen, geschweige denn Musik hören. Den Austausch mit anderen Menschen, ja sogar den Blickkontakt gilt es tunlichst zu vermeiden. Am besten isst man auch nichts. Und nein, man spricht auch nicht. Mit anderen Worten: Man stellt sich tot.

Denn, so die Theorie dahinter, heute sind wir so vielen Reizen ausgesetzt, dass wir immer mehr Stimuli brauchen, um überhaupt Freude oder ein Glücksgefühl zu empfinden. Anhänger der Radikalkur gehen davon aus, dass wir vom sogenannten Glückshormon Dopamin geradezu «übersättigt» sind. Damit wir wieder zur Besinnung kommen, muss das Hirn also «entwöhnt» und auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt werden. Dopamin-Fasten bedeutet also nichts anderes, als sehr, sehr viel Langeweile zu ertragen.

«Biologisch immer noch auf dem Stand der Höhlenbewohner»

Aber nützt das wirklich? Daniele Zullino, Psychiater und Chefarzt der Suchtklinik am Unispital Genf, schmunzelt. «Man kann das Gehirn nicht einfach resetten.» Das Lustempfinden, so Zullino, sei ein hochkomplexer psychologischer Prozess, der mit der Dopaminausschüttung direkt nichts zu tun habe. Der Botenstoff löst im Gehirn primär einen Lerneffekt aus und kommt immer dann zum Zug, wenn etwas Neues oder Unvorhergesehenes passiert, das wir als angenehm empfinden. Das heisst, Dopamin steigert vor allem unsere Motivation. Wird ein Reiz zur Gewohnheit, wie zum Beispiel das ständige Mailchecken oder das Beantworten von Whatsapp-Nachrichten, setzt das Hirn laut Zullino kein Dopamin mehr frei.

Die Vorstellung, dass der moderne Mensch an einer Überdosis Dopamin leidet, ist schon mal falsch. Aber vielleicht erleben wir tatsächlich weniger Glücksmomente, weil wir unsere Sinne pausenlos mit Bildern, Informationen, Chats und Likes stimulieren? «Studien belegen genau das Gegenteil. Heute sind wir glücklicher als früher. Das gilt insbesondere für Menschen in hochtechnisierten Wohlstandsländern», sagt Zullino. Das Problem sei ein anderes: «Unsere Umwelt hat sich weiterentwickelt, wir selbst sind biologisch aber immer noch auf dem Stand der Höhlenbewohner.» Was uns Stress verursacht, ist die Tatsache, dass «unsere Gene nicht dafür gemacht sind, so viele und so starke Reize zu verarbeiten».

Wer sich der Dauerberieselung für ein paar Tage entzieht, macht demnach nichts Verkehrtes. Blöd nur, ist das eine Erkenntnis von vorgestern. Man nennt es auch ganz profan: relaxen. Der Entspannungseffekt kippt jedoch irgendwann. Exzessive Langeweile über mehrere Tage ist für den Organismus ein Stressfaktor. Die totale Entsagung aller Freuden kann laut Daniele Zullino sogar eine depressive Stimmung hervorrufen.

Immerhin: Studien belegen, dass eine temporäre Enthaltsamkeit bei Grundbedürfnissen wie Essen oder Sex luststeigernd wirken kann. Allerdings wird das Sexleben nach 20 Ehejahren deswegen nicht plötzlich aufregender. Alte Freunde werden nach drei Tagen Dopamin-Fasten auch nicht lustiger, und vermutlich wird die Blume am Strassenrand wieder keine Ekstase auslösen. Wer trotzdem auf alle Freuden verzichtet, ist selber schuld.



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Erstellt: 08.02.2020, 16:45 Uhr

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