«Ich bin die Frau Picasso»

Die Malerin Maria Lassnig entpuppt sich immer mehr als Jahrhundertfigur.

Ihre Gemälde sind ein existenzieller Aufschrei eines im menschlichen Körper eingesperrten Tiers: Maria Lassnig in ihrem Wiener Atelier, 1983. Foto: Kurt-Michael Westermann, © Maria Lassnig Foundation Courtesy the Foundation and Hauser & Wirth

Ihre Gemälde sind ein existenzieller Aufschrei eines im menschlichen Körper eingesperrten Tiers: Maria Lassnig in ihrem Wiener Atelier, 1983. Foto: Kurt-Michael Westermann, © Maria Lassnig Foundation Courtesy the Foundation and Hauser & Wirth

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Die historische Korrektur ist in vollem Gange: Tote und lebende, meist sehr alte Künstlerinnen werden wiederentdeckt, geehrt, neu eingeschätzt und nachträglich in den Kunstkanon unter die bereits bekannten männlichen Namen eingefügt. Mittlerweile sind es ihrer so viele, dass man die Übersicht verlieren kann: Von Hilma af Klint und Lee Krasner über Carmen Herrera bis zu Judith Bernstein oder Etel Adnan sehen wir eine lange Reihe der unterschätzten Künstlerinnen in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Sie alle weisen Werke vor, welche jenen ihrer männlichen Kollegen in nichts nachstehen und die dennoch über lange Jahre marginalisiert wurden.

Zu behaupten, dass die österreichische Malerin Lassnig eine Wiederentdeckung sei, wäre falsch. Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende, und auch wenn ihre Art zu malen nicht sofort verstanden wurde, ist ihr Ruhm seit den 1990er-Jahren im steten Aufwind. Und doch. Erst jetzt, im Jahr ihres hundertsten Geburtstags (sie starb 94-jährig), fängt es an klar zu werden, wie epochal wichtig ihr Werk tatsächlich war und wie sehr sie recht hatte, als sie spöttisch dichtete «Ich bin die Frau Picasso, fang die Bilder mit dem Lasso». Lassnig ist eine Jahrhundertfigur – ähnlich wie der grosse Spanier, mit dem sie sich vergleicht, und ihr schillerndes Werk hört nicht auf, überraschende Impulse zu vermitteln.

Perfekte Künstlerin für das Selfie-Zeitalter

Das geht weit darüber hinaus, dass «Frau Picasso» Bilder von sich selbst als Roboter oder Monster malte, bei ihrem künstlerischen Tun stark subjektiv von ihrem eigenen Körpergefühl ausging und somit als die perfekte Künstlerin für das Selfie-Zeitalter gefeiert werden könnte. Anders als die oberflächlichen Inszenierungen im virtuellen Raum beschäftigt sich die Kunst Lassnigs nämlich mit dem, was hinter der Fassade, im Körperinneren, für einen selbst wahrnehmbar ist. Oft genug sind es Unsicherheiten und Abgründe. Lassnig sucht immer nach einer unverfälschten Realität und verlässt sich dabei auf ihren Körper als das einzige für sie zugängliche Instrument der Weltvermessung. Das nennt sie «body awareness». Ein Konzept, das oft missverstanden wurde. Lassnigs «Körperwahrnehmung» ist eben nichts Gefühliges, hat mit Yoga und Wellness nichts am Hut. Aber auch wenn aus ihrer Intro­spektion verzerrte, grelle Bilder von zerstückelten Körperformen resultieren – es sind stets virtuose, stupend ausgeführte und unwiderstehlich schöne Malereien.

Die Welt scheint sich an diesen Bildern nicht sattsehen zu können. Seit einem Jahrzehnt wird eine grosse Lassnig-Ausstellung nach der anderen in Metropolen dieser Welt organisiert. Besonders junge Leute, berichten die Museen in New York, London, Amsterdam und Wien, fühlen sich von diesen Bildern angezogen. Und das, obwohl viele von diesen Gemälden eine alte, oft nackte, haarlose Frau zeigen: die Künstlerin selbst.

Legendäre Unbarmherzigkeit, auch sich selber gegenüber

Es ist eine mysteriöse Anziehungskraft, als ob Lassnig vor uns allen etwas über diese Welt, in der wir jetzt leben, wusste. Man hört aus ihren Gemälden den existenziellen Aufschrei eines im menschlichen Körper eingesperrten Tiers, aber auch das höhnische Gelächter eines irren Jokers, der die psychotische Struktur des vermeintlich Normalen als einen guten Witz zu geniessen weiss.

Das berühmte Bild Lassnigs «Du oder ich» aus dem Jahr 2005 gehört in diese Kategorie. Darauf sieht man die Künstlerin nackt, mit gespreizten Beinen und haarloser Vulva, hängender Brust und zwei Pistolen in der Hand, die eine auf den eigenen Kopf, die andere auf das Herz des Bildbetrachters gerichtet. Gnadenloser kann Kunst nicht sein. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes war Lassnig 86 Jahre alt.

Lassnigs Unbarmherzigkeit, auch sich selbst gegenüber, ist legendär. Die andere, zarte Seite der Medaille kann man zurzeit in einer denkwürdigen kleinen Ausstellung in der Galerie Hauser & Wirth in Zürich erleben. Kuratiert von Peter Pakesch, dem Direktor der nach dem Tod der Künstlerin errichteten Maria-Lassnig-Stiftung, zeigt die Schau eine Reihe von Aquarellen aus den Anfängen der künstlerischen Karriere Lassnigs in den 1960er-Jahren und aus der spä­teren Zeit, als sie ihren Stil festigte und perfektionierte. Viele dieser Bilder hat man noch nie gesehen (sie schlummerten im Archiv), aber es ist vor allem die gekonnte Zusammenstellung der beiden Schaffensphasen, die einem mit einer neuen Deutlichkeit klarmacht, wie vorsichtig, ja, wirklich zart die oft als brachial empfundene Künstlerin sich an ihren Malstil herantastete.

Die Ausstellung heisst zu Recht «Zarter Mittelpunkt». Viele der Aquarelle sind federleicht schwebend, «fast schon asiatisch», wie Kurator Pakesch sagt. Die hauchfein aufgetragenen Pinselstriche gruppieren sich abstrakt um eine leere Mitte oder tanzen rhythmisch einer langen Wand entlang (im Entwurf für eine Wandmalerei).

1964 taucht dann ein Gesicht, ihr Gesicht, wie eine Fratze auf und leitet über zum ungetitelten, meisterhaften Selbstbildnis aus dem Jahr 1980 – nur so in Farbe hingetupft, ihre hohen Wangenknochen, ohne Haare und mit schreiend aufgerissenem Mund. «Die Bemühung, abstrakte Malerei und das Abbild des Körpers zusammenzubringen, zieht sich als Konstante durch dieses Werk», sagt Pakesch. Bis in die späten 80er-Jahre hat kaum jemand verstanden, was diese Verquickung von Abstraktion und Gegenständlichkeit soll.

Sie wollte nicht in die «Frauenecke» gestellt werden

Lassnig ist eben eine Klasse für sich, auch auf dem aus dem Ozean des Vergessens auftauchenden weiblichen Kontinent. Hier beginnt man sowieso, geologische Formationen zu erkennen. Das Prädikat «Wiederentdeckte Künstlerin» genügt nicht mehr. Es gibt singuläre Positionen oder komplexe Begabungen, Werke, die sich für etwas anderes als Kunst ausgeben (etwa bei der als Heilerin zeichnenden Emma Kunz) oder solche, die für eine Modeströmung gehalten wurden, während dahinter grosse Ernsthaftigkeit und ein gerütteltes Mass an Innovation steckt wie bei Bridget Riley.

Auch wenn Maria Lassnig nicht «wiederentdeckt» ist, sie musste zweifelsohne härter kämpfen als die Männer ihrer Generation. Insofern ist Maria Lassnigs Geschichte für viele Künstlerinnen symptomatisch. Sie hat sich selbst zwar als Feministin bezeichnet, wollte aber nicht in die «Frauenecke» gestellt werden, weil sie das als Ghettoisierung empfunden hat.

Auf dem Bild «Woman Power», das auf dem Cover des Katalogs zur aktuellen Ausstellung in der Wiener Albertina abgebildet ist, sieht man eine nackte Riesin durch das Häusermeer von New York waten. «Das ist ein dummes Bild», soll sich die Künstlerin später einmal über die allzu deutliche Symbolik ihres Werks geärgert haben. An der Tatsache, dass «Frau Picasso» eine Riesin war, ändert dieser Selbstzweifel kein bisschen – ganz im Gegenteil.

Die Schauspielerin Birgit Minichmayr liest Texte von Maria Lassnig: Galerie Hauser & Wirth Zürich, 4. Dezember, 18.30 Uhr



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Erstellt: 12.10.2019, 18:15 Uhr

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