«Bei den Wärtern war ich als Spion untendurch»

Agent Daniel Moser ist froh, dass der Bund nun preisgibt, wie er für die Schweiz spionierte. Vieles macht ihn sprachlos – auch seine Zeit im deutschen Knast.

Daniel Moser: «Leider wusste ich nicht, dass man mir einen Auftrag gab, den es gar nicht braucht». Foto: Anja Wurm

Daniel Moser: «Leider wusste ich nicht, dass man mir einen Auftrag gab, den es gar nicht braucht». Foto: Anja Wurm

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Am 27. April 2017 verhaftete die Polizei Daniel Moser in Frankfurt. Auf einen Schlag wurde der 55-jährige Ex-Polizist bekannt: Auch deutsche Medien berichteten über den Spion, der aus den Alpen kam. Moser hatte für den Nachrichtendienst des Bundes (NDB) Informationen über deutsche Steuerfahnder gesammelt. Sechs Monate lang sass er in Untersuchungshaft. Die Enttarnung Mosers stürzte den Schweizer Geheimdienst in eine Krise. National- und Ständeräte, die den NDB danach durchleuchteten, üben nun scharfe Kritik: Die ­Mission sei illegal gewesen, die gewonnenen Infos von geringem Nutzen. Daniel Moser, seit ­November wieder frei, will weiter als Privatermittler arbeiten. Zu diesem Interview erschien er ­zusammen mit seinem Anwalt ­Valentin Landmann.

Diese Woche kam heraus: Der Nachrichtendienst des Bundes brach Schweizer Gesetze, indem er Sie zum Spionieren nach Deutschland schickte. Fühlen Sie sich verarscht?
Ich staune nur noch. Damit habe ich zuletzt gerechnet. Selbstverständlich ging ich davon aus, dass man in Bern weiss, was man darf und was nicht.

Allen war von Anfang an klar, dass Ihre Mission gegen deutsche Gesetze verstiess. Sicherte man Ihnen Schutz zu, falls Sie ertappt würden?
Klar, mein Führungsoffizier betonte: Wenn etwas passiert, dann stehen wir dir bei.


Video: Peinliche Panne des Nachrichtendienstes

Im Spionagefall Daniel Moser wurde geltendes Recht missachtet. (Video: SDA/Tamedia)


Was passierte nach Ihrer Verhaftung im April 2017?
Nichts passierte.

Valentin Landmann, Mosers Anwalt, mischt sich ins Gespräch ein: «Ein Diplomat schrieb Daniel aus Stuttgart ins Gefängnis nach Mannheim, er würde ihn besuchen, für 150 Franken pro Stunde. Die Reisezeit werde verrechnet.»

Beanspruchten Sie die Hilfe?
Daniel Moser: Nein. Viel später, vor meiner Verurteilung zu einer bedingten Freiheitsstrafe, suchte mich eine Vertreterin des Bundes im Gefängnis auf. Es war mehr ein Höflichkeitsbesuch. Immerhin habe ich bis jetzt keine Rechnung bekommen.

Hat der Bund seit Ihrer Rückkehr mit Ihnen geredet?
Nein. Es kam einzig zum Interview der Geschäftsprüfungsdelegation, die nun jenen Bericht publiziert hat, in dem steht, dass es für meinen Einsatz keine gesetzliche Grundlage gab.

Verlangen Sie von der Schweiz jetzt eine Entschädigung?
Das klären wir ab. Ich hoffe, dass der Bund mich unterstützt. Ich habe seit einem Jahr Lohnausfall. Dazu kommen die Kosten für die Verteidigung. Total sind 200'000 Euro zusammengekommen. Das hat mich ruiniert.

Werden Sie klagen?
Ich würde es gern ohne machen, aber wir müssen das diskutieren.

Wollten Sie eigentlich schon immer Agent werden, oder sind Sie eher hineingerutscht?
Weder noch. Das hat sich ganz natürlich so ergeben. Ich lernte meinen Führungsoffizier kennen, es gab weitere Gespräche, und irgendwann kam die Frage, ob ich in diesem Bereich etwas machen könne. Und da habe ich zugesagt.

Spielte Vitamin B eine Rolle? Sie kannten ja als Ex-Polizist viele NDB-Mitarbeiter.
Frühere Kollegen haben mich dem Führungsoffizier vorgestellt. Aber vermischt habe ich danach nichts. Über meine Aufträge sprach ich nur mit dem Führungsoffizier.

Der Geheimdienst interessierte sich für Sie, weil Sie lange bei der UBS-Konzernsicherheit gearbeitet hatten. Er nannte Sie «das Ohr des NDB auf dem Finanzplatz Zürich» mit «unglaublichem Fundus an Leuten und wahnsinnigen Geschichten dazu».
Ich bin zehn Jahre lang auf der Bahnhofstrasse herumgekurvt. Da lernen Sie den einen oder anderen kennen. Mit meinem Führungs­offizier diskutierte ich über die ­Reorganisationen und über Wechsel nach der Finanzkrise.

Bald schon kam aber die Idee, die Steuerfahndung Nordrhein-Westfalens ­auszuspionieren. Stand zur Debatte, dass Sie unter einer Legende auftreten?
Nein. Das hätte mir auch nichts genützt: Ich flog ja erst viel später auf, weil mein Name in Schweizer Justizunterlagen auftauchte, welche die Bundesanwaltschaft an langjährige deutsche Agenten ­aushändigte. Der eine davon, der legendäre Werner Mauss, hatte mich bereits in der Schweiz erfolgreich angeschwärzt. Mit den Akten der Bundesanwaltschaft startete er in Deutschland eine zweite Versenkungsaktion. Dies geschah, weil ich versucht hatte, den Schweizer Finanzplatz zu schützen.

Sie geben der Schweizer Bundesanwaltschaft die Schuld daran, dass Sie in Deutschland verhaftet wurden. Warum taten Sie selber nichts dafür, dass die verräterischen Akten unter Verschluss blieben?
Valentin Landmann: «Daniel fragte bei seinen Einvernahmen in Bern, bevor er auf seine Agentenrolle zu sprechen kam: Kann ich mich darauf verlassen, dass diese Akten bei Ihnen in der Amtsstelle bleiben und nicht weitergehen? Die Schweizer Staatsschützer sicherten ihm das zu. Akten werden in heiklen Fällen oft geschwärzt – erlebt habe ich das beispielsweise im Atomfall Tinner. Es kann nicht das Ziel sein, den Schweizer Geheimdienst lächerlich zu machen. Aber genau das ist dann passiert.»

Zuerst sah es aber ganz anders aus: Der NDB war begeistert von den beschafften Infos. Die Bundesanwaltschaft hält sie für wertlos. Sassen Sie umsonst in Haft?
Daniel Moser: So sieht es jetzt aus. Ich hätte mir einiges ersparen können. Aber leider wusste ich nicht, dass man mir einen Auftrag gab, den es gar nicht braucht. Auch hier: Da war vieles nicht sauber abgeklärt.

Wie meinen Sie das?
Wenn man nun liest, was alles ans Licht kommt, dann muss man – nicht nur als Patriot, sondern auch als Steuerzahler – sagen: Die Schweizer Behörden haben untereinander Riesenprobleme. Aber meine Einstellung zum Land ist immer noch gleich: Es ist ein Privileg, hier zu leben. Ich hege keinen Groll.

Können Sie dem neuen Bericht Positives abgewinnen?
Für mich ist wichtig: Es wird offiziell bestätigt, dass ich kein Doppelagent war. Das hat mich beschäftigt. Auch habe ich nun schwarz auf weiss, dass ich für den Nachrichtendienst gearbeitet habe. Es ist widerlegt, dass ich ein Schaumschläger bin. Ich habe keine Profilierungsneurose. Ich bin nicht der Superspion, ich bin nicht James Bond. Ich bin nicht der Beste der Besten. Ich habe einfach meine Aufträge erfüllt – that’s it.

Gab es eigentlich den Maulwurf im deutschen Finanzamt?
Den gab es nie. Wir haben daran gearbeitet. Aber der NDB brach die Aktion ab, weil sie politisch nicht mehr opportun war.

Laut den Geschäftsprüfern lieferten Sie nichts Wertvolles. Wie sehen Sie es?
Wenn das alles für nichts gewesen sein soll, muss man den NDB fragen, weshalb er vier Jahre mit mir arbeitete. Ich wusste bis Anfang Woche nicht, was hintenrum gelaufen ist und wer mit wem redet oder eben nicht redet. Aber wenn es das Fazit ist, dass alles nichts brachte, ist es umso schlimmer, dass ich sechs Monate in U-Haft sass, dass mir wirtschaftlich das Genick gebrochen wurde – für nichts.

Was hat das halbe Jahr im Gefängnis mit Ihnen gemacht?
Ich dachte, ich komme raus, dusche zweimal, wechsle das Hemd, dann ist es gelaufen. Aber so war es nicht.

Sondern?
Ich gehe heute zu einem Psychotherapeuten. Ich schlafe immer noch schlecht. (überlegt) Wenn Sie wegen eines solchen Delikts in den Knast kommen, dann gibt es keinen Sekt und Blumen.

Sondern?
Dann sind Sie in der Obhut von Leuten, die sich sehr identifizieren mit ihrem Land. Bei diesen Leuten sind Sie untendurch – und die lassen Sie das spüren.

In welcher Form?
Licht brennen lassen. Toilette über Wochen nicht reparieren.

Die Wärter haben Sie gequält?
Gequält ist vielleicht ein grosses Wort. Aber man hat mich schlechter als andere behandelt. Daran hatte ich mehr zu beissen, als ich gedacht hätte.

Vor Gericht wirkten Sie aber abgeklärt.
Ich habe mich zusammengerissen – das lernt man über die Jahre. Aber es war eine lange Zeit für mich, eine schlimme Zeit. Diese völlige Isolierung. Dieses Keinen-Kontakt-Haben. Meine Partnerin und meine Töchter sind einmal pro Monat acht Stunden Auto gefahren, um mich 45 Minuten zu sehen. Zum Glück sind sie gekommen – das waren die Highlights. Mit dem Anstaltspfarrer konnte ich auch eine gute Beziehung aufbauen. Der hat mich abends aus der Zelle geholt, dann konnte ich zu ihm ins Büro, er hat mir Kaffee und «Chröömli» aufgetischt.

Wo steht man als Spion in der Hackordnung unter Häftlingen?
Das finden alle lustig. Fast niemand glaubte mir, bis ich im Fernsehen kam. Dann bin ich in der Hierarchie aufgestiegen. Das fanden alle gewaltig. Sie fragten mich: James Bond, warst du mit Waffen und einem Aston Martin unterwegs? Aber wenn ich versuchte zu erklären, was genau war, dann haben sie meist abgehängt.

Sie schmunzeln jetzt – aber offenbar nagt die Haftzeit doch noch an Ihnen.
Es war manchmal wie ein böser Traum. Ich weiss ja, was ich getan habe. Und dafür habe ich nicht sechs Monate Haft verdient. Ich hätte von meinem Verteidiger eine Wohnung haben können, ich wäre in Deutschland geblieben. Wohin hätte ich denn abhauen sollen, um Himmels willen? Dazu kamen die Existenzängste. Ich wusste, wenn ich nach Hause komme, habe ich kein Geld mehr, nur Schulden.

Bald sind Sie ein halbes Jahr frei. Wie geht es weiter?
Ich versuche, wieder Fuss zu fassen. Ich bin zum Glück international gut vernetzt. Ich habe meine Kontakte wieder aktiviert und hoffe, dass ich wieder einsteigen kann. Dubai, Afrika, whatever. Ich bin für alles zu haben.

Erstellt: 31.03.2018, 21:41 Uhr

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