«Dann laufen Sie doch mal die Strasse runter – überall Zombies»

Jim Jarmusch hat mit «The Dead Don’t Die» einen Zombie-Film inszeniert – obwohl er die Untoten gar nicht mag.

«Ich bestehe aus drei Vierteln Wasser. Und einem Viertel Wurst. Wäh, was für eine Vorstellung»: Jim Jarmusch

«Ich bestehe aus drei Vierteln Wasser. Und einem Viertel Wurst. Wäh, was für eine Vorstellung»: Jim Jarmusch

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Vor ein paar Jahren waren es die Vampire. Jetzt sind es Zombies. Aber auch wenn Kultfilmer Jim Jarmusch, 66, einen Genrefilm dreht, wird etwas unverkennbar Eigenständiges daraus. Das hat auch damit zu tun, dass sich unter den Untoten Stars tummeln wie Tom Waits, Bill Murray, Sarah Driver und viele mehr, «meine Familie», wie er seine Lieblingsdarsteller nennt. Und für einen kurzen Augenblick bezieht der Regisseur beim Interviewtermin in einem Hotelgarten in Cannes auch die anwesenden Journalisten ein: «Lasst uns alle die Welt übernehmen!», ruft er, «wir verwandeln sie in ein Matriarchat und Tilda Swinton wird unsere Anführerin. Dann kommt alles gut.»

Steht es so schlimm um die Welt?
Aber sicher. Schauen Sie sich um!

Ich sehe keine Zombies.
Wirklich nicht? Dann laufen Sie doch mal die Strasse runter. Lauter Menschen, die sogar beim Gehen auf den Bildschirm ihres Telefons starren. Eindeutig Zombies.

Ihre Untoten sprechen . . .
. . .ja, aber sie beherrschen nur ein einziges Wort.

«Wifi, Wifi», stammelt einer.
Eben. Sie drücken ihre Obsession aus. «Wifi!», «Xanax!». Es gibt aber auch genussreichere Zombies: «Kaffee!», «Chardonnay!».

Was würden denn Sie selbst als Zombie rufen?
Das habe ich mir auch schon überlegt. Zuerst dachte ich, ich würde einen Laden mit Musikinstrumenten aufsuchen mit dem Schlachtruf: «Gitarre!». Aber jetzt denke ich eher, es müsste ein Buchladen sein. Ich würde rumrennen, Leute zerfleischen und nach meinem Lieblingsschriftsteller «Rimbaud, Rimbaud!» schreien.

Sind wir alle Zombies?
Natürlich. Die Untoten sind keine künstlich geschaffenen Monster wie Frankenstein oder Mutanten wie Godzilla. Das sind wir und niemand sonst. Wir sind gleichzeitig die Opfer, aber auch das Problem. Es gibt Zombies, weil wir Menschen etwas vermasselt haben. Das hat mich interessiert. Denn eigentlich mag ich sie nicht. Es sind blöde Rumstolperer.

Zombies als Symbol für den Zustand der Welt?
Sicher. Wobei das in der Filmgeschichte nicht immer so war. Die Zombies kommen ja aus dem Voodoo, da waren sie kontrollierbar. Man konnte zum Beispiel einem Untoten befehlen, «Töte Trump!», dann zog er los. Aber schreiben Sie jetzt bitte nicht als Titel über dieses Interview, Jim Jarmusch wolle den US-Präsidenten umbringen. Es war nur ein Beispiel.

Heute also sind Zombies unkontrollierbar.
Ja, das hat der Regisseur George A. Romero erfunden. Er hat mit ganz wenig Geld Filme gedreht, die einen neuen Mythos begründet haben. Zombies als Kritik unserer auf Konsum fixierten Welt. Ihm verdanke ich bei diesem Film alles. Aber ein paar eigene Dinge wollte ich schon hinzufügen. Zum Beispiel eben, dass die Zombies dieses eine Wort sprechen können. Und auch, dass sie aus Staub sind.

Sie zerfallen, wenn man ihnen den Kopf abhaut.
Ich fand das logisch. Es sind Untote, und wenn man stirbt, weicht doch alle Flüssigkeit aus dem Körper. Das ist mir bei einem Spaziergang in den Sinn gekommen. Ich schreibe meine Drehbücher in einem einsamen Häuschen. Und dachte mir beim Wandern durch den Wald: Eigentlich bestehe ich als Lebendiger, der ich hoffentlich bin, aus drei Vierteln Wasser. Und einem Viertel Wurst. Wäh, was für eine Vorstellung.

Deshalb kreierten Sie Trocken-Zombies?
Das schien mir logisch. Es half mir auch bei etwas anderem: Ich mag keine bluttriefenden Splatterfilme. Wenn es nun, ohne viel zu verraten, zu einem Gemetzel unter Zombies kommt, und die aus Blut bestehen würden, hätte ich so etwas auf keinen Fall anschauen können. Geschweige denn inszenieren.

Aber der erste Zombie-Überfall ist doch recht brutal?
Stimmt. Aber es ist bereits der blutige Höhepunkt, später muss ich das nicht mehr zeigen. Gelitten hat aber mein Freund Iggy Pop, der diesen ersten Zombie spielt. Er musste dieses Zeugs fressen, das aussieht wie Menschenfleisch. Das brachte ihn beinahe zum Kotzen.

Was war es denn?
Das bleibt unser Geheimnis. Nur so viel: Iggy ist Veganer. Aber er hat es über sich ergehen lassen. Wie alle anderen auch. Von der Besetzungsliste her sieht es ja so aus, als ob wir sehr viel Geld gehabt hätten. Aber das stimmt nicht. Ich sagte allen: «Ihr bekommt ein paar Haferflocken als Lohn, mehr liegt nicht drin.»

Tom Waits spielt einen Einsiedler im Wald.
Oh, der Einsiedler Bob ist eine meiner wichtigsten Figuren. Er hat sich von der Konsumwelt völlig verabschiedet. Weiss aber Schönheit doch zu schätzen.

Er findet im Abfall ein Buch: «Moby Dick».
Eben. «Was soll diese Szene mit dem Roman von Herman Melville, die hat doch mit gar nichts aus dem Film zu tun?», kritisierten mich meine Produzenten. Aber ich habe darauf bestanden, sie nicht rauszuschneiden. Solange es noch menschliche Ausdruckskraft gibt, die geschätzt wird, ist noch nicht alles verloren. Mir war von Anfang an klar, dass die Zombies diesem Einsiedler Bob nichts anhaben können. Er und die Teenager, die aus einer Erziehungsanstalt fliehen, mussten einfach überleben.

Wieso die Teenager?
Weil sie für mich die einzige Hoffnung sind. Sie sind die Aktivisten, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Ich dagegen bin ein Teil des Problems, mache einen dummen Zombie-Film, fliege für die Premieren um die Welt. Die Jugendlichen werden oft unterschätzt.

Immer noch?
Ich denke schon. Vielleicht, weil sie oft auch verwirrt sind, durch ihren Hormonhaushalt. Aber vergessen Sie nicht: Rimbaud war ein Teenager, als er seine besten Sachen schrieb. Mary Shelley ebenfalls, als sie Frankenstein erfand. Carole King schrieb ihre besten Songs als Teenager, Bobby Fisher war ein grosser Schachmeister mit 14. Kennen Sie Billie Eilish?

Die Sängerin?
Ja. Ich bin besessen von ihrem Song, der heisst . . . (blättert in seinem Notizbuch) . . . ah, hier ist es, er heisst «Bellyache». Die Musik ist süss, ein klein wenig experimentell. Aber im Text geht es um eine Psychopathin, die Kaugummi kaut und im Auto auf die Polizei wartet, weil sie ihre Freunde umgebracht und ihre Gebeine im Kofferraum versteckt hat. Ein fantastisches Stück Popmusik, geschrieben von einer Fünfzehnjährigen.

Das notieren Sie sich in diesem Buch?
Nun gut, mein Hirn wird immer schlechter, deshalb brauche ich es. Ich werde in Interviews oft gefragt, was ich gehört oder gelesen habe. Da steht übrigens auch der Name eines Schweizer Schriftstellers drin, der mir wichtig ist: Robert Walser. «Der Spaziergang» ist eine der schönsten Erzählungen, die ich kenne. Dabei kann ich sie nur in englischer Übersetzung lesen.

Das steht da in roter Farbe?
Ich mache mir in verschiedenen Farben Notizen, ohne System, einfach, weil ich einfarbige Seiten langweilig finden. Haben Sie schon einmal Tom Waits interviewt?

Nein.
Das sollten Sie. Er gibt die besten Interviews der Welt und hat dafür auch so ein Notizbuch. Aber in seinem ist nichts drin, was mit dem zusammenhängt, was Sie fragen würden. Wenn Sie zum Beispiel wissen wollten, was ihn zu einem Song inspiriert habe, würde er rumblättern und dann antworten (macht seine tiefe Stimme nach): «Wissen Sie, dass es eine Kolonie von weissen Albino-Maulwürfen gibt, die unterhalb von Las Vegas leben?» Das steht in seinem Buch. Dagegen ist meines langweilig.

Stimmt es, dass Sie Ihren Darstellern handgeschriebene Briefe schicken?
Ja. E-Mails brauche ich nicht. Aber Textnachrichten verschicke ich schon gerne. Oft auch mit Emojis, die mich faszinieren: Die Nachricht beende ich dann mit der Piratenflagge. Meine Drehbücher schreibe ich übrigens auch von Hand.

Tatsächlich?
Ich mag Handgeschriebenes, weil es lebt, schauen Sie in mein Notizbuch. Da hat es Kaffeeflecken, Beulen, Passagen, die ich durchstreiche. Es zeichnet auf, wie mein Hirn funktioniert. Wenn Sie in Ihrem Computer etwas löschen, ist es einfach weg.

Nach den Vampiren jetzt die Zombies: Was sagen Sie zum Vorwurf, Sie rezyklierten Ihre alten Filme?
Zombies sind etwas ganz anderes. Vampire sind raffiniert, elegant, haben etwas unterschwellig Sexuelles. Sie leben in der Nacht, müssen cool sein, um nicht draufzugehen. Zombies dagegen sind leere Hüllen.

Aber es gibt schon eine Verwandtschaft.
Sicher. Aber Jean-Luc Godard sagte einmal, man drehe sowieso immer denselben Film. Was soll ich denn sonst tun? Eine musikalische Komödie inszenieren? Ich hasse Musicals.

Sie gelten als letzter unabhängiger Filmemacher.
Vielleicht in meiner Generation. Aber da kommen interessante Leute nach, Regisseure wie die Safdie-Brüder, die Filme auch im Zeitalter der Marvel-Blockbuster als Kunstform betrachten. Das tun Regisseure meiner Generation wie ­Spike Lee, Claire Denis oder Aki Kaurismäki ebenfalls. Wobei, Letzterer ist eher wie mein Einsiedler Bob. Ab und zu taucht er aus dem Wald auf und zieht sein Ding durch, jenseits aller Konventionen. Das finde ich wichtig.

Ihr Zombie-Film ist nach der Premiere nicht überall gut angekommen.
Schlechte Kritiken mag ich. Aber sie müssen richtig böse sein, nichts Lauwarmes, sonst lese ich sie nicht. Ich habe ja viel investiert, mehr als zwei Jahre meiner Zeit, und glaube an das, was ich gemacht habe. Deshalb inspiriert es mich zu lesen, wenn jemand deswegen wütend wird.

Ist das Ihre berühmte buddhistische Ruhe?
Ach, ich bin kein Buddhist, dafür bin ich viel zu undiszipliniert. Ich meditiere ab und zu. Und zwar schon nur, weil man nicht den Fernseher laufen lassen kann dazu. Das hilft.

«What a fucked up world», konstatiert Tom Waits zum Schluss des Films.
Ja, aber das ist nur die eine Seite. Ein anderer Musiker, RZA, sagt ja auch: «Die Welt ist perfekt. Lerne die Details zu schätzen!» Das ist ebenso wichtig.

Was ist so ein Detail?
Ich kann mich an einen Waldspaziergang erinnern, als es mir schlecht ging. Irgendwo setzte ich mich. Da tauchte plötzlich ein grauer Fuchs auf, ein sehr seltenes Tier. Er schaute mir direkt in die Augen. Und zack war er wieder fort. Aber dieser Blick hat mir geholfen. Mehr braucht es nicht.

«The Dead Don’t Die»: ab Donnerstag im Kino (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2019, 07:57 Uhr

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«White Zombie» den ersten Untoten der Filmgeschichte. Das Genre, wie wir es heute kennen, wurde aber von George A. Romero 1968 in «Night of the Living Dead» definiert: die Untoten nicht mehr als durch Voodoo-Zauber wiederbelebte Einzelwesen, sondern als Horde, welche die Menschheit bedroht. Es gibt unzählige Abwandlungen des Genres, dessen Erfolg bis heute nicht nachgelassen hat. Die TV-Serie «The Walking Dead» war lange die erfolgreichste der Welt, gegenwärtig wird die zehnte Staffel gedreht. Jim Jarmusch hat sie allerdings nie gesehen: «Ich beziehe mich auf die Klassiker.»

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