«Ich bin zum Besitzer von drei Zugflotten geworden»

Peter Spuhler verrät kurz vor dem Börsengang, wie er Stadler Rail zu Aufträgen verhalf. Und was er mit den Aktien-Milliarden machen will.

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In dreissig Jahren machte Peter Spuhler aus dem 18-Mann-Betrieb Stadler Rail aus dem Kanton Thurgau ein international tätiges Bahnbauunternehmen mit mehr als 8500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 2 Milliarden Franken. Jetzt krönt er sein unternehmerisches Schaffen mit dem 3,3 bis 4,1 Milliarden Franken schweren Börsengang.

Herr Spuhler, tut es Ihnen weh, einen Teil Ihres Lebenswerks an andere zu übergeben?
Es ist einer der schwierigsten Momente, wenn man als Unternehmer nach über dreissig Jahren die operative Verantwortung abgibt und die beste Lösung für die Weiterentwicklung der Firma finden muss. Schliesslich wird man nicht jünger.

Woran kann der Börsengang noch scheitern?
Das grösste Risiko wäre, dass die Aktienmärkte kollabieren, vor allem wegen des Brexit und des Handelskriegs zwischen den USA und China. Wenn es deswegen zum Crash kommen sollte, müsste ich mir überlegen, den Börsengang zu verschieben.

Stadler Rail hat praktisch keine Schulden, dafür eine halbe Milliarde Franken an Flüssigem. Warum ist der Börsengang überhaupt nötig?
Ich bereite Stadler und meine private PCS Holding auf einen möglichen neuen Wachstumssprung vor. Es könnte sein, dass durch die Konsolidierung unserer Branche Übernahmen möglich werden. Auch müssen wir genügend Kapital bereitstellen, um in neue Technologien investieren zu können, zum Beispiel die Signaltechnik. Ich kann nicht von heute auf morgen einen Börsengang auslösen. Für die Vorbereitung braucht es eineinhalb bis zwei Jahre.

Die Aktien, die auf den Markt kommen, stammen von Ihrer privaten Holding und von Ihnen persönlich. Stadler Rail selbst gibt keine eigenen Aktien aus. Das heisst, Sie haben die Einnahmen – nicht das Unternehmen.
Korrekt. Im Moment verfügt Stadler über genügend Liquidität, um das Tagesgeschäft zu finanzieren.

Eigentlich ist es doch so: Sie machen Kasse, und gleichzeitig kontrollieren Sie das Unternehmen mit mindestens 40 Prozent der Aktien weiter.
Sie übersehen, dass ich in den letzten Jahren hohe finanzielle Vorleistungen erbracht habe. Ich habe mich über meine private PCS Holding verschuldet, um die Verkaufsanstrengungen von Stadler im schwierigen Umfeld mit dem starken Franken zu unterstützen. Jetzt stärken wir die Finanzbasis der Holding wieder, damit sie bereit ist für den nächsten Wachstumsschritt von Stadler. Es geht überhaupt nicht darum, dass ich mit dieser Kasse das Weite suche. Das Geld fliesst direkt wieder in den Werkplatz Schweiz zurück. Zu einem grossen Teil profitiert Stadler davon.

Von welchen Vorleistungen sprechen Sie konkret?
Es gibt immer wieder Kunden, die bei Stadler Rail kaufen wollen, aber die Finanzierung nicht hinkriegen. Für sie habe ich unter dem Dach der PCS Holding Zweckgesellschaften gegründet, die die Finanzierung gewährleisten, und Stadler bekam den Auftrag. Auf diese Weise bin ich zum Inhaber von drei Zugflotten geworden.

Wo?
Bei drei Bahnunternehmen in Schweden, Estland und Österreich. Eine weitere Initiative zugunsten von Stadler ist die Gründung des European Loc Pool. Da wir aus Risikoüberlegungen keine Fahrzeuge von uns in der Bilanz haben wollen, haben wir die Zielsetzung, mittelfristig für eine Milliarde Franken bis zu 200 Loks über den Pool zu erwerben und sie an Bahnen und Logistikunternehmen zu verleasen.

Sie nehmen mit solchen Finanzspritzen ein grosses Risiko in Kauf. Geht eine dieser Bahnfirmen pleite, bleiben Sie auf den Zügen sitzen.
Über die Exportrisikoversicherung sind wir bis zu acht Jahre abgesichert. Danach hat man aber eine offene Flanke, das ist so. Aber das ist Unternehmertum.

Sie sprachen zum Börsengang von einer «Volksaktie». Doch aus Sicht der neuen Aktionäre ist das Ganze denkbar unattraktiv: Sie haben nichts zu sagen, tragen aber das Risiko, dass bei einer Kapitalerhöhung ihr Anteil verwässert wird.
Sie sehen das zu negativ. Ich öffne ein attraktives Unternehmen mit einem soliden finanziellen Fundament fürs Publikum. Jede Firma, die an der Börse ist, wünscht sich einen starken Ankeraktionär. Das gibt eine grosse Sicherheit, dass die Firma nicht plötzlich zum Spielball von Aktivisten wird, wie es momentan bei ABB, Comet und weiteren geschieht.

Das Beispiel Panalpina zeigt aber, dass trotz grossem Aktionär Aktivisten Unruhe ins Unternehmen bringen können.
Die Ernst-Göhner-Stiftung kontrolliert 46 Prozent von Panalpina. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da eine feindliche Übernahme möglich ist. Wenn Aktivisten Pakete aufkaufen, muss man halt Rückgrat haben und nicht auf ­jedes Lüftchen reagieren. Wichtig ist, dass wir Stadler gesund weiterentwickeln. Dann haben wir Ruhe.

Sie werden mit dem Gang an die Börse 1,2 bis 1,7 Milliarden Franken lösen. Was haben Sie mit dem Geld vor?
Privat bin ich versorgt. Kapital brauche ich nur, um meine ­Steuern zu zahlen. Das Geld ist nicht für mich, sondern bleibt in der PCS Holding. Es ist mein unternehmerischer Werkzeugkasten, um meine bestehenden Beteiligungen an Stadler, Autoneum, Rieter und Aebi Schmidt weiterzuentwickeln. Vor kurzem haben wir drei US-Gesellschaften für Aebi Schmidt gekauft und zu einem grossen Teil über die PCS Holding finanziert. Vor zehn Jahren war ich massgeblich beteiligt an der finanziellen Rettung von Rieter. Auch hier fand die finanzielle Beteiligung und die nötige Kapitalerhöhung über die PCS Holding statt.

Wollen Sie weitere Beteiligungen erwerben?
Ich hätte sicher Freude, so eine Sanierungsübung wie bei Aebi Schmidt und Rieter noch einmal durchzuziehen und die Firma strategisch wieder aufzubauen. Am ehesten dort, wo ich etwas davon verstehe, also im Maschinen- und Fahrzeugbau. Und der Werkplatz Schweiz liegt mir besonders am Herzen. Zurzeit läuft die Wirtschaft aber hervorragend, und es gibt keine Möglichkeiten.

Werden Sie auch wieder Geld in Stadler Rail stecken?
Bei einer Kapitalerhöhung würde ich sicherstellen, dass mein Anteil nicht verwässert wird. Bei Finanzierungsproblemen von Kunden besteht die Möglichkeit, sie flankierend zu unterstützen.

Wie stark wird sich Stadler Rail in den nächsten fünf Jahren verändern?
Wir machen jetzt nochmals einen gewaltigen Wachstumssprung, von 2 Milliarden Umsatz im letzten auf 4 Milliarden im nächsten Jahr.

Ohne Zukäufe wird das kaum möglich sein.
Doch. Wir haben in den letzten Jahren viel in die Produktionskapazität, neue Fahrzeugkonzepte und neue Märkte investiert, sodass wir jetzt einen Auftragsbestand von 13,2 Milliarden Franken haben.

Wie viele Stellen schaffen Sie?
Letztes Jahr hatte Stadler 7600 Mitarbeiter, jetzt sind es schon gut 8500. Und im nächsten Jahr werden wir nochmals mehr sein.

Diese Woche gaben Sie die grösste Bestellung der Firmengeschichte bekannt. Sie liefern in den USA 127 U-Bahn­--Züge für 600 Millionen Dollar. Wo sehen Sie die weiteren Wachstumsmöglichkeiten?
In Europa, Grossbritannien und den USA sind wir noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt.

Mit dem neuen Fernverkehrszug, der mit 250 Stundenkilometern durch den Gotthardtunnel fahren wird, sind Sie ins Segment der Hochgeschwindigkeitszüge vorgestossen. Welches ist der nächste Meilenstein?
Bei den Strassenbahnen und im Metrobereich sind wir noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Dort ziehen wir aber in diesem Jahr mit neuen Konzepten nach. Dasselbe gilt im Lokbereich. Da entwickeln wir zurzeit zwei neue Loks.

Die europäischen Wettbewerbshüter haben die Fusion von Siemens und Alstom zu einem neuen Bahnriesen verhindert. Sind Sie erleichtert?
Grösse per se ist in unserem Geschäft kein strategischer Vorteil. Die Stückzahlen sind zu klein und die länderspezifischen Anforderungen bei jeder Ausschreibung unterschiedlich. Wir waren grundsätzlich nicht gegen diese Fusion, ausser bei der möglichen Marktdominanz in der Signaltechnik. In diesem Bereich hätte es eine Abspaltung geben müssen, an welcher wir interessiert gewesen wären. Jetzt ist die Branche halt wieder zurück auf Feld eins.

Haben Sie Respekt davor, dass der staatliche chinesische Eisenbahnbauer CRRC auch in Westeuropa Fuss fasst?
Ja. Aber wir haben gute Rezepte, um dagegenzuhalten. Europa ist ein heterogener Bahnmarkt. Die Chinesen sind grosse Stückzahlen gewohnt. Sie werden dort reingehen, wo mehr als 100 Züge aufs Mal bestellt werden. Das gibt es aber selten.

Aber die Chinesen haben das Geld, um den europäischen Bahnbauern Konkurrenz zu machen.
Das ist richtig. Vor allem versuchen sie mit günstigen staatlichen Finanzierungen die Käufer zu locken. Da gibt es unfaire Wettbewerbsverzerrungen – auch dadurch, dass der chinesische Markt ein geschlossener Markt für westeuropäische Anbieter ist.

Wichtigstes wirtschafts-politisches Thema ist zurzeit das Rahmenabkommen mit der EU. Sie sagten: «Ich bin dafür. Aber nicht so, wie es jetzt auf dem Tisch liegt.» Was muss die EU anpassen?
Wenn Sie meinen politischen Weg verfolgt haben, wissen Sie, dass ich mich immer für den bilateralen Weg starkgemacht habe. Die Schweiz braucht ein geregeltes Verhältnis zum wichtigsten Handelspartner, zur EU, damit die Exportindustrie der Schweiz die notwendige Rechtssicherheit geniesst. Ein Rahmenabkommen kann eine entsprechende Option für die Schweiz darstellen.

Aber?
Der vorliegende Vertrag enthält Punkte, die für mich klar abzulehnen sind. Die Schiedsgerichtsklausel ist in der vorliegenden Form nicht akzeptierbar. Die Schweiz müsste am Ende Entscheide des Europäischen Gerichtshofs akzeptieren oder hätte Sanktionen zu gewärtigen. Dasselbe gilt für die Unionsbürgerrichtlinie. Hier müssen wir aufpassen, dass die Sozialwerke nicht missbraucht werden. Und die Kantonssouveränität wird ziemlich stark infrage gestellt, von den Kantonalbanken bis zu den Beihilfen für die Landwirtschaft. Diese Punkte müssen wir klären, wenn das Rahmenabkommen vor dem Schweizer Stimmvolk eine Chance haben will.

Unterliegen Sie nicht einer Illusion? Die EU zieht jetzt die Schraube an und sagt, wenn die Schweiz am europäischen Wirtschaftsraum teilhaben will, dann gilt halt europäisches Recht.
Da müssen wir dagegenhalten. Wenn die EU auf der Schiedsgerichtsklausel beharren würde, müssten wir Nein sagen. Damit würden wir aber eine schwierige Situation für die Exportwirtschaft riskieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass nach wie vor die Hälfte der Exporte in die EU geht.

Den Bürgerlichen droht der Verlust ihrer Mehrheit im Nationalrat bei den nächsten Wahlen. Was machen SVP und FDP falsch?
Die SVP hat in den letzten Jahren Wahl für Wahl gewonnen und ist jetzt national knapp bei 30 Prozent, im Thurgau sogar bei 40. Dass es mal einen Dämpfer gibt, ist normal.

Ist eine Rückkehr in die Politik für Sie definitiv kein Thema mehr?
Ich habe die Anfrage für eine Ständeratskandidatur klar abgesagt. Der Aufwand für ein Ständeratsmandat ist deutlich höher als im Nationalrat. Ich müsste dafür meine unternehmerischen Aktivitäten zurückschrauben. Das will ich nicht.

Wie lange werden Sie Stadler Rail treu bleiben?
Ich bin Anfang Jahr 60 Jahre alt geworden, und irgendwann gibt es auch einen Herrn Spuhler nicht mehr. Ich werde mich aber sicher die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre unternehmerisch engagieren, nicht nur bei Stadler, sondern auch bei meinen weiteren Beteiligungen.

Sie waren Eishockeyspieler bei GC. Wie nehmen Sie die derzeitige Krise bei den GC-Fussballern wahr?
Als ehemaliger GC-Eishockeyspieler tut einem das Desaster der GC-Fussballsektion weh.

Zusammen mit Walter Frey haben Sie die Fusion der Eishockey-Abteilung von GC mit dem ZSC vorangetrieben. Wäre das auch im Fussball der richtige Weg?
Ja. Zürich ist zu klein, um in irgendeiner Sportart zwei Spitzenclubs zu haben. Man sollte die Kräfte bündeln, dafür national spitze sein. Und das sind wir momentan nicht. Die Krise ist eine Chance, damit man näher zusammenkommt.

Würde es Sie nicht stören, wenn der Name Grasshopper verschwinden würde?
Für ein Grasshopper-Mitglied wäre das sicher schwere Kost. Eine Fusion darf aber nicht am Namen scheitern. Im Eishockey haben wir das auch erfolgreich hingekriegt.

Erstellt: 30.03.2019, 22:26 Uhr

Der Vorzeigeindustrielle

Der 60-jährige Betriebswirtschafter Peter Spuhler ist Inhaber und Verwaltungsratspräsident des Bahnbauers Stadler Rail in Bussnang TG. Spuhler ist auch Grossaktionär und Verwaltungsrat des Textilmaschinenherstellers Rieter und des Autozulieferers Autoneum sowie Mehrheitsaktionär des Fahrzeugbauers Aebi Schmidt. Er vertrat die SVP zwischen 1999 und 2012 im Nationalrat und wurde wiederholt als Bundesratskandidat gehandelt. Spuhler ist mit der Bauunternehmerin Daniela Spuhler-Hoffmann verheiratet, Vater von drei Kindern und wohnt in Weiningen TG. In seiner Jugend war er Eishockeyspieler beim Grasshopper-Club Zürich. Die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf 2 bis 2,5 Milliarden Franken.

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