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«Ich habe Catherine Deneuve einfach geduzt»

Juliette Binoche über die anspruchsvolle Zusammenarbeit mit der französischen Ikone in «La vérité» von Hirokazu Kore-eda.

Juliette Binoche (links) ist in «La vérité» die Tochter, Catherine Deneuve die Mutter. (Foto: UPI/laif)
Juliette Binoche (links) ist in «La vérité» die Tochter, Catherine Deneuve die Mutter. (Foto: UPI/laif)

Der frischgebackene Oscar-König Bong Joon-ho aus Südkorea wird sich vor lauter Angeboten für Filme ausserhalb seiner Heimat kaum mehr wehren können. Sein Vorgänger als Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, der Japaner Hirokazu Kore-eda («Shoplifters»), hat schon so ein Projekt realisiert – in Frankreich. Die Initiative kam von Juliette Binoche: In «La vérité» spielt sie die Tochter von Catherine Deneuve.

Juliette Binoche, wie ist es zur Zusammenarbeit mit Kore-eda gekommen?

Ich liebe seine Filme und signalisierte ihm, dass ich gerne mit ihm drehen würde. Natürlich dachte ich an ein Projekt in Japan. Aber er wollte unbedingt in Frankreich arbeiten, um aus seiner gewohnten Umgebung rauszukommen.

Es ist ein sehr französischer Film geworden.

Ja, aber er basiert auf einer japanischen Idee. Kore-eda hatte schon lange an einem Projekt über eine Filmdiva gearbeitet, das hat er auf Europa umgemünzt. Und Catherine Deneuve für die Hauptrolle gewonnen. Das fand ich passend. Sie war eine Heldin meiner Kindheit, ich bin mit ihren Filmen aufgewachsen. Das musikalische Märchen «Peau d’âne» habe ich hundertmal gesehen.

Wie wurden Sie zu ihrer Filmtochter?

Nun gut, das war etwas... kompliziert ist nicht das richtige Wort. Aber ich musste ein Mittel finden, ihr näherzukommen, sie ist sehr reserviert. Sie hat zum Beispiel immer «Sie» zu mir gesagt, wie sie es mit allen macht. Ich habe sie dann einfach geduzt; das darf ich, sie ist ja meine Mutter, sagte ich mir. Sie hat mich aber konsequent weiter gesiezt. Dann habe ich eben zu rauchen begonnen.

Wegen ihr?

Ja. Sie raucht liebend gern. Ich hatte eigentlich aufgehört, aber sie dann doch um eine Zigarette gebeten. Sie hat glatt abgelehnt.

Tatsächlich?

Ja. Vielleicht aus Rücksicht auf meine Gesundheit, ich weiss es nicht. Nach einer Woche Drehzeit hat sie mir aber plötzlich eine Zigarette angeboten. Da wusste ich, das Eis ist gebrochen. Aus Begeisterung habe ich ihr am nächsten Tag gleich ein Päckchen mitgebracht. Sie hat es angeschaut und gesagt: «Das sind die falschen.»

Wie war das Arbeiten vor der Kamera mit ihr?

Wir sind uns schnell nähergekommen. Man lernt eine Person erst beim Zusammenspiel richtig kennen. Denn dann ist man wirklich gezwungen, aufeinander zu hören, Emotionen zu teilen. Am Ende hatte ich tatsächlich das Gefühl, sie hätte meine Mutter sein können.

Das Mutter-Tochter-Thema interessiert Sie?

Unter der Regie von Kore-eda auf jeden Fall. Für mich hat der japanische Regisseur etwas von Tschechow, er hat einen liebenden, aber auch wahrhaftigen Blick auf uns komplizierte Menschen. Mit einem komödiantischen Ansatz. Catherine Deneuve spielt ja wirklich eine sehr narzisstische und boshafte Person.

Ist das denn nicht ihr wahrer Charakter, schliesslich heisst der Film «La vérité»?

Natürlich nicht. Sie kennt einfach auch diese Seiten, wie wir alle. Die Kunst einer grossen Schauspielerin ist es, das glaubhaft hervorzuholen. Man darf sich vor dem eigenen Bild nicht fürchten. Denn sonst ist man ohnehin geliefert. Wenn man nur eine geschönte Version von sich selber spielt, wird es langweilig.

In welcher Sprache hat Kore-eda Regie geführt?

Japanisch, mit Übersetzung. Auch das Drehbuch wurde wörtlich ins Französische übertragen. Erstaunlich, wie gut sprechbar die Dialoge waren. Uns wunderte einzig, dass viele Sätze mit «Entschuldigen Sie» begannen. Das haben wir rausgestrichen, auf Japanisch entschuldigt man sich offenbar öfter als auf Französisch.

«Auf Japanisch entschuldigt man sich offenbar öfter als auf Französisch.»

Es geht im Film um einen Star, der die Tochter vernachlässigt, weil er abwesend ist. Das könnte Ihnen ja auch passieren.

Das kann jeder Frau passieren, die arbeitet, da muss man nicht Schauspielerin sein. Es ist eine Realität.

Aber vielleicht ist das Ego einer Schauspielerin grösser als das einer Frau, die im Büro arbeitet.

Wirklich? Ich denke, riesige Egos gibt es überall. Aber auch ganz bescheidene Menschen. Ich kenne auch Schauspieler, die mit minimalem Selbstbewusstsein ausgestattet sind. Aber Sie merken es nicht, wenn Sie diese auf der Leinwand sehen.

Und Sie verraten nicht, um wen es sich handelt?

Ganz bestimmt nicht.

«La vérité»: ab 5. März im Kino

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