«Ich habe Ingeborg geliebt, so wie ich lieben kann»

Mit den unveröffentlichten Notizheften von Max Frisch sind wir live mit dabei, wie er liebt und lebt.

Max Frischs Notizbücher dokumentieren auch entscheidende Momente in der eigenen Biografie. Foto: Keystone

Max Frischs Notizbücher dokumentieren auch entscheidende Momente in der eigenen Biografie. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Schule haben wir damit begonnen, nun haben wir alles gelesen: seine Romane, Theaterstücke, ja selbst die sogenannten Fichen, die belegen, dass der Schweizer Staat über Jahrzehnte hinweg Informationen zu Max Frisch gesammelt hatte. Aber so nah dran waren wir noch nie – wie mit den Notizheften von Max Frisch, die nun in einer Ausstellung in Zürich gezeigt werden. Und von denen wir hier eine Auswahl veröffentlichen.

Über hundert Notizhefte füllte Max Frisch während seines Lebens, auf Reisen, am Schreibtisch, auf Wanderungen. Darunter «Einfälle in einem Wartezimmer, im Kaffeehaus, in der Bahn oder am Feierabend, bevor man das Licht löscht», wie Frisch selbst schreibt. Die Aufzeichnungen seien Notizen für den Schreiber selbst, «Briefe ohne Empfänger», deren «wesentlicher Reiz» das Selbstgespräch sei. Und die den «Umgang eines Geistes mit sich selbst» dokumentieren, wenn man Max Frischs eigenen Worten folgt.

Heute, etwas mehr als ein Vierteljahrhundert nach Frischs Tod, ist es vor allem das Unmittelbare und Direkte, das fasziniert. Etwa in der Notiz zu Ingeborg Bachmann, Frischs grosser Liebe, über die man bis heute nur wenig Genaues weiss, da der Briefwechsel zwischen den beiden Autoren gesperrt ist. In Frischs Notizen erhalten wir nun einen erstaunlich frühen Einblick in diese Beziehung: «Ich habe Ingeborg geliebt, so wie ich lieben kann», heisst es da, «und liebe sie noch, aber ich sehne mich nach der Zeit, da ich in der Nacht oder am Morgen erwache, die ohne Gedanken an sie (ist).»

Die Zeilen stammen aus einem ­undatierten Briefentwurf an den Dichter Paul Celan, notiert auf einem Block notiert; sie werden hier erstmals wiedergegeben. Wenn wir in solchen Entwürfen und Notizen lesen, sind wir live mit dabei, wie Max Frisch liebt und lebt.

«ich habe Ingeborg geliebt, so wie ich lieben kann, und liebe sie noch, aber ich sehne mich nach der Zeit, da ich in der Nacht oder am Morgen erwache, die ohne Gedanken an sie [ist]». Max Frisch über Ingeborg Bachmann, die er 1958 kennenlernte.

Damit die Gedanken nicht das Hirn verstopfen

Gewiss, für Frisch waren die Notizhefte eine Art Steinbruch, den er nutzte für die Arbeit an seinen Romanen und den beiden Tagebüchern, die er zu Lebzeiten veröffentlichte. Und mit denen er sich beweglich und offen für Neues halten wollte. «Sinn eines Tagebuches: Man bekennt sich zu seinen Irrtümern, man speichert sie nicht auf, bis sie jedes Weiterdenken verstopfen und verpesten», schreibt Frisch.

Das gilt auch für die Notizhefte. Sie waren also auch ein Werkzeug, um die Wirklichkeit zu bewältigen, damit sie nicht lähmt. Deutlich wird dies in den Aufzeichnungen über die Fahrt durchs kriegszerstörte Deutschland, das er 1946 auf Einladung der Amerikaner besuchte: «Schlagbäume, Helme, Gewehr, Kontrolle – Okay weiter», heisst es im Heft, in dem die Fahrt im Militärjeep nach München protokolliert wird: «Ich hebe den Verschlag und sehe die ersten Ruinen. Gestein mit Bögen, mit schwarzen Fenstern.» Die gespenstische Szenerie erinnerte Frisch ans römische Pompeji, das unter Vulkanasche begraben wurde.

Vieles konnte Frisch nicht einfach bewältigen

Frischs Notizbücher dokumentieren selbstverständlich auch entscheidende Momente in der eigenen Biografie: 1950 erhielt Frisch ein Rockefeller-Stipendium, das ihm den Durchbruch ermöglichte. Während eines einjährigen Amerika-Aufenthalts entstanden Entwürfe zum «Stiller»-Roman von 1954, der zum Welterfolg wurde. Aus den Notizhefen erfahren wir nun, wie unerwartet Frisch dieses Stipendium erhielt, das sein Leben verändern sollte: «Plötzliche Einladung von Rockefeller-Foundation. Telegramm», heisst es im Eintrag vom 15. Dezember 1950. «Heute Zusammentreffen mit Edward D’Arms (von der Rockefeller-Stiftung). Sein Antrag: 1 Jahr lang Stipendium zum freien Arbeiten, 330 Dollars im Monat.»

In Frischs Leben gab es vieles, was er nicht so einfach bewältigen konnte. Dazu gehörte selbst der Erfolg, der ihn im öffentlichen Schlagabtausch zu einem Rivalen Friedrich Dürrenmatts machte: Frisch habe den Nobelpreis für Literatur «wahrscheinlich sehr nötig», meinte Dürrenmatt 1980 in einem Interview, das im «Playboy» erschien. Dabei sei Frisch ja «ein flotter Kerl, aber was er schreibt, ist manchmal ganz furchtbar», meinte Dürrenmatt.

Leben und Schreiben aus Angst vor dem Tod

Frisch war in seinen Äusserungen zurückhaltender. In den Notizheften fragte er sich selbst, ob es der «Takt gegenüber Personen» ist – oder doch vielmehr die «Schonung der eigenen Person», die ihn davon abhielt, gewisse Erfahrungen zu notieren. Dennoch fehlt es nicht an Aufzeichnungen, aus denen wir etwas über seine Beziehung zu Dürrenmatt erfahren: «Die Freundschaft mit Friedrich Dürrenmatt, scheint mir, geht in die Brüche, und ich weiss nicht, warum. Es beschäftigt mich sehr. Wars eine Freundschaft?» Die Antwort auf diese Frage fiel Frisch alles andere als leicht. Nicht zuletzt, weil es «Spötter» gab, die behaupteten, Frisch und Dürrenmatt hätten sich zu einer Art Zweckgemeinschaft zusammengetan, einem «Trust», um sich gegenseitig zu bewachen.

«Die Freundschaft mit Friedrich Dürrenmatt, scheint mir, geht in die Brüche, und ich weiss nicht warum. Es beschäftigt mich sehr. War’s eine Freundschaft? Spötter nannten es einen Trust mit gegenseitiger Bewachung, ......» Max Frisch macht sich in einer undatierten Notiz Gedanken über seine Beziehung zu Friedrich Dürrenmatt.

Für Frisch waren die Notizen nicht zuletzt auch eine Möglichkeit, um seinem grössten Angstthema zu begegnen: dem allmählichen Zerfall, dem Tod. Vor zwei Jahren konnte bereits eine Notiz mit dem Titel «Das Hirn» veröffentlicht werden, in der Frisch im Alter von 62 die immer zahlreicheren Fehlleistungen thematisiert, sich aber damit beruhigte, dass es «immer noch das Hirn ist, das den Zerfall des Hirns feststellt». Solche Hoffnungsvarianten entwickelt Frisch auch in anderen ­Notizheften: «Unser Freundeskreis unter den Toten wird immer grösser», heisst es in einer der letzten Notizen. Zugleich werde aber auch der Kreis derer grösser, «die man zu den verargten und verpatzten oder von vornherein schiefen Freundschaften zählen muss – wenn ich z. B. höre, dass Emil Staiger gestorben ist (stimmt das übrigens?) oder Friedrich Dürrenmatt (der lebt noch, nein, das weiss ich, der schrieb mir kürzlich einen Brief, der nichts ändert).»

Der Germanist Emil Staiger starb 1987, Friedrich Dürrenmatt 1990, Max Frisch 1991. Der Verlust von Freunden und Bekannten liess Frisch nicht melancholisch werden. Vielmehr steigerten diese Abschiede seine «Unlust, demnächst in den Hades zu kommen», wo er sich erneut mit all den verpatzten Freundschaften beschäftigen müsste. Max Frisch wollte weiterschreiben – gegen den Tod, um sich lebendig zu fühlen.

«Und nun also: altern – Der Entschluss, wieder Tagebuch zu führen, T. als Waffe gegen die Langweile – ich langweile mich so, dass es Panik wird; das war schon immer so; die Vorstellung, ein Haus zu haben, zu wohnen –» Max Frisch schrieb, um sich lebendig zu fühlen, um unter Kunstzwang Erfahrungen machen zu können.

«Max Frischs Notizhefte» bis am 28. 9. im Max-Frisch-Archiv der ETH Zürich. Die Rechte an allen Zitaten und hier gezeigten Faksimiles liegen bei der Max-Frisch-Stiftung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.05.2018, 15:37 Uhr

Artikel zum Thema

Nur der Alkohol bot etwas Trost

Nach einer Skiabfahrt bemerkte Max Frisch, dass er die ganze Zeit eine Pfeife im Mund hatte: Eine Notiz zeigt, wie sich der Autor fast 20 Jahre lang mit seiner Angst vor Demenz beschäftigte. Mehr...

Die Staatsschutzakten, die Max Frisch nicht sehen durfte

Der Schriftsteller hat nie erfahren, wie er von der Schweizer Polizei abgehört und beschattet wurde – obwohl er Gesuche stellte. Nun macht der TA die Akten publik. Mehr...

Max Frisch und die CIA

SonntagsZeitung Der US-Geheimdienst unterhielt ein riesiges Kulturprogramm. Davon profitierte Max Frisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Leuchtende Präsidentengattinnen: Melandia Trump und Akie Abe besuchen zusammen das Museum der digitalen Künste in Tokyo (26. Mai 2019).
(Bild: Koji Sasahara) Mehr...