«Ich habe noch nie was bei Zalando bestellt»

Sarah Kreienbühl, die neue mächtige Frau in der Migros-Generaldirektion, über den Personalabbau im Konzern und die Moral beim Einkaufen.

«Das Kultur­prozent gehört zur DNA»:  Sarah Kreienbühl. Bild: Valeriano Di Domenico

«Das Kultur­prozent gehört zur DNA»: Sarah Kreienbühl. Bild: Valeriano Di Domenico

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Sarah Kreienbühl ist seit 2018 die neue Frau in der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bunds (MGB): Die 47-Jährige verantwortet wichtige Bereiche wie das Personal, das Kulturprozent und die Kommunikation. Kreienbühl ist kein Migros-Gewächs, sie wechselte vom Hör­gerätehersteller Sonova zum MGB und hat an der Universität Zürich Angewandte Psychologie studiert. Ihr Privatleben hält sie bedeckt.

Sie sind die einzige Frau in der Generaldirektion der Migros. Vermissen Sie eine Gefährtin?
Ich bin es mir nicht anders gewöhnt. Aber selbstverständlich würde ich eine zweite Frau im Gremium begrüssen.

Auch bei Ihrem früheren Arbeitgeber waren Sie die einzige Frau in der Konzernleitung. Was haben Sie an Taktik gelernt, um sich durchzusetzen?
Frauen neigen dazu, sich nur zu Themen zu äussern, zu denen sie auch wirklich etwas beizutragen haben. Das kann auch negativ interpretiert werden. Männer hingegen gehen teilweise etwas rauer miteinander um. Sie fallen sich auch ins Wort, um gehört zu werden – selbst wenn ihre Argumente nicht immer Mehrwert schaffen. Danach trinkt man aber auch wieder ein Bier zusammen.

Dann gehen Sie jeweils nach den Sitzungen auch mit zum Biertrinken?
Mir ist es wichtig, diese Beziehungen zu pflegen. Aber ich trinke kein Bier.

Die Detailhandelsriesen haben einen sehr tiefen Frauenanteil auf oberster Führungsstufe. Woran liegt das?
Frauen fehlt teilweise das Selbstvertrauen. Das belegen Studien. Zudem kommt vielen die Familienphase in die Quere, in welcher Mütter Teilzeit arbeiten. Genau in dieser Zeit zwischen 30 und 40 Jahren passiert in der Laufbahn sehr viel. Da muss man ansetzen.

Wie wollen Sie das bei der Migros konkret tun?
Ich könnte mir vorstellen, dass Kaderstellen 80 bis 100 Prozent ausgeschrieben werden. Oder dass wir konkrete Angebote für einen Wiedereinstieg nach der Mutterschaftspause schaffen, wo viele Eltern stark gefordert sind.

Sie haben soeben eine Diversity-Verantwortliche eingestellt. Mit welchem Ziel?
Der Frauenanteil im Kader der Migros-Gruppe stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an und liegt aktuell auf 30,9 Prozent. Das ist zwar im Vergleich zu anderen Unternehmen gut, aber wir sehen weiteres Potenzial, vor allem auf Direktionsstufe, wo der Frauenanteil bei 16,7 Prozent liegt.

Sind Sie für eine interne Quote?
Ich hoffe, es geht ohne. Quoten können auch Fehlanreize setzen.

Gab es Momente in Ihrem Leben, die Sie motiviert haben, sich für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen?
Es gab einen prägenden Moment, als ich mit meiner Mutter in Arth in einem Restaurant war und wir nicht bedient wurden, weil kein Mann dabei war. Das hat mich als Siebenjährige zutiefst schockiert, denn ich bin mit einem anderen Rollenbild aufgewachsen: Meine Mutter und meine Grossmutter waren beide beruflich engagiert.

Sie kamen von aussen in die Migros. Was hat Sie positiv und was negativ überrascht?
Beeindruckend ist die hohe Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen und die hohe Innovationskraft mit 30 neuen Produkten pro Monat. Auf der anderen Seite habe ich eine Organisation angetroffen, in welcher viele Mitarbeitende Veränderungen nicht gewohnt waren. Umso wichtiger ist es nun, immer wieder zu erläutern, weshalb Anpassungen erforderlich sind.

Also eine gewisse Selbstzufriedenheit?
Vielleicht in gewissen Bereichen, aber nicht überall. An der Bilanzmedienkonferenz haben wir ganz transparent gezeigt, wie es um das Unternehmen steht. Ich habe seither ein Erwachen festgestellt.

Sie haben im Rahmen des Effizienzsteigerungsplans Fast Forward Ihren Bereich kräftig umgekrempelt. Wie viele Stellen haben Sie abgebaut?
In der Kommunikation haben wir drei Abteilungen zusammengelegt, im Bereich Nachhaltigkeit waren es zwei und beim Personal ebenfalls zwei. Sämtliche Umstellungen werden erst Ende 2019 abgeschlossen sein. Ich kann die Bilanz über den Abbau noch nicht ziehen, da es teilweise zu Verlagerungen kommt.

Sie sind auch oberste Medienverantwortliche. Wie muss ein modernes Unternehmen heute kommunizieren?
Integriert auf sämtlichen Kanälen.

Gehts etwas konkreter?
Unsere Botschaften sollen aus einem Guss daherkommen und auf allen Kanälen konsistent sichtbar werden.

Sie wollen die Kommunikation der Migros zentraler steuern. Kappen Sie die redaktionelle Freiheit des «Migros Magazins»?
Es geht nicht darum, journalistische Freiheiten zu beschneiden. In unserer schnelllebigen Zeit müssen Botschaften konsistent sein.

Wir werden also mehr Migros-PR-Botschaften im «Migros Magazin» lesen.
Ich würde nicht von PR reden. Unsere Kundschaft liest viel über die Migros, das Unternehmen ist im Umbruch. Das kann verwirrend sein. Wir wollen unsere Botschaften stringenter rüberbringen und so Orientierung bieten.

Nach dem Programm Fast Forward, das am Hauptsitz 290 Stellen kostet, rücken die zehn regionalen Genossenschaften in den Fokus. Warum braucht es das neue Effizienzsteigerungs­programm ECM 4.0 oder Puma?
Wir waren viele Jahre erfolgreich unterwegs, sind unverändert Marktführer. Wenn wir uns aber optimal für die Zukunft aufstellen wollen, müssen wir die Unternehmensbereiche und die Wertschöpfungskette noch enger verzahnen. Darauf zielt das Projekt Puma.

Sie sind mit 47 Jahren das jüngste Geschäftsleitungs­mitglied. Auch die Unterteilung der Departemente ist noch sehr traditionell. Müsste sich das Führungsgremium nach den Abgängen von Industriechef Walter Huber und Marketingchef Hansueli Siber nicht neu ausrichten?
Was die Positionen von Walter Huber und Hansueli Siber angeht, sind keine Änderungen geplant. Dass es im Zuge der Neubesetzung eine Verjüngung des Gremiums geben wird, liegt auf der Hand.

Veränderungen sind aber im Kulturprozent der Migros geplant. Der Konzern will die Mittel bündeln und vermehrt auf eigene Projekte setzen. Was heisst das?
Das Kulturprozent gehört zur DNA. Wir haben seit der Gründung insgesamt 4,6 Milliarden Franken investiert. Inzwischen hat sich die Gesellschaft aber verändert. Wir wollen die vorhandenen Mittel gezielter verteilen. Die Konzertreihe Migros-Kulturprozent-Classics, das Museum für Gegenwartskunst, das Popfestival M4music und das Tanzfestival Steps werden weitergeführt.

Kleintheater müssen also um ihre Beiträge fürchten?
Unsere Aufgabe ist es, Kultur einer möglichst breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Das bedingt auch, dass wir die Mittel fokussieren. Und ja, wir werden gewisse Förderbeiträge streichen. Welche, prüfen wir derzeit. Ich betone aber, dass diese Veränderung nichts mit Fast Forward zu tun hat. An der Gesamtsumme, die investiert wird, wird sich nichts ändern.

Gestern Samstag hätte mit Engagement ein zweiter Förderfonds in die Statuten der Migros aufgenommen werden sollen. Das wurde abgelehnt. Ein Zeichen, dass die Migros als soziales Unternehmen wankt?
Nein. Die Delegierten haben ja gleichzeitig einer Erhöhung des Kulturprozents zugestimmt, indem künftig auch die Online-Umsätze der Fachmärkte für das Kulturprozent berücksichtigt werden.

Die Migros tut also weiterhin Gutes für die Gesellschaft. Aber kann sie auch eine grosszügige Arbeitgeberin bleiben?
Die Migros ist tatsächlich sehr grosszügig, etwa bei den Pensionskassenleistungen. Im Frühjahr wurde auch der Gesamtarbeitsvertrag auf bestehendem Niveau erneuert. Wir werden uns bemühen, unsere bisherigen Leistungen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Doch am Ende hängt es vom Geschäftsgang ab. Diverse ausländische Online-Firmen verzeichnen ­steigende Umsätze in der Schweiz. Wenn ich bei Zalando bestelle, unterstütze ich keine Schweizer Arbeitsplätze.

Denken Sie wirklich so moralisch, wenn Sie einkaufen?
Ja. Ich habe deshalb noch nie bei Zalando, Amazon oder Alibaba bestellt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 17:51 Uhr

Geld für Kultur und Kunst

Das Migros-Kulturprozent ist ein freiwilliges, in den Statuten ver­ankertes Engagement der Migros für Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. Initiiert wurde es 1957 vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Das Kulturprozent wird auf der Grundlage des Umsatzes berechnet. Unterstützt werden etwa die Migros-Club­schulen, das Gottlieb-Duttweiler-Institut, die vier Pärke im Grünen sowie die Monte-Generoso-Bahn im Tessin. Es werden auch Förder­beiträge für kulturelle Veranstaltungen (Tanz, Theater, Kleinkunst) gesprochen.

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