«Ich habe viel zu wenig Nein gesagt!»

Christoph Blocher über die zähen Verhandlungen mit der EU, seine raffiniertesten Lügen und dümmsten «Chalbereien».

«Ich bekomme jeden Tag zwischen 20 und 30 Bettelbriefe, teils sehr kuriose», sagt Christoph Blocher. «Es gab einige Zusagen, die ich bereue, weil ich Missbrauch finanzierte.» Fotos: Sebastian Magnani

«Ich bekomme jeden Tag zwischen 20 und 30 Bettelbriefe, teils sehr kuriose», sagt Christoph Blocher. «Es gab einige Zusagen, die ich bereue, weil ich Missbrauch finanzierte.» Fotos: Sebastian Magnani

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während der Bundesrat in Bern zum wiederholten Mal über den Rahmenvertrag mit der EU debattiert und weder für die Schweiz noch für Brüssel eine akzeptable Lösung findet, geniesst ein entspannter Christoph Blocher bei strahlender Sonne die Aussicht von seiner Villa in Herrliberg ZH. Soeben zurück aus den Ferien, bereitet er sich auf den Abstimmungskampf zu seiner Selbstbestimmungsinitiative vor.

Haben Sie sich richtig erholt, bevor es aufgeht zu Ihrem letzten grossen Gefecht um Europa?
Für Gefechte im Interesse der Selbstbestimmung der Schweiz gibt es keine Ruhezeit. Aber zum ersten Mal habe ich mir den Luxus Ferien erlaubt. Als Politiker und Geschäftsmann war ich zwar sehr oft im Ausland – so richtig gesehen habe ich ausser Sitzungszimmern und Flughäfen kaum etwas. Jetzt habe ich mir Neapel angesehen und Pompei. Das war wunderbar.

Die Frage bleibt, ob Sie mit bald 78 Jahren noch einen solchen Abstimmungskampf auf sich nehmen können.
Ich habe keine Bedenken. Ich bin ja nicht allein. Im November geht es um die Selbstbestimmungsinitiative, aber wann die Schlacht Rahmenvertrag kommt, wissen wir nicht. Mit dem Rahmenabkommen wird uns ein Knechtschaftsvertrag aufgedrängt, der die Unabhängigkeit der Schweiz und die direkte Demokratie zerstört.

Im Moment ist man von einem Abschluss weit entfernt.
Warten wir ab: Der Bundesrat sieht, dass er in der Bevölkerung nicht durchkommt. Das ist die positive Folge unserer jahrelangen politischen Opposition, an der die SVP, die Auns und das breit abgestützte Komitee EU-No beteiligt sind. Irgendwann werden sie im Bundeshaus aber kippen, und dann sind wir bereit.

Selbst die Linke und die Gewerkschaften wollen keinen Rahmenvertrag. Das ganze Land ist auf Blocher-Linie.
Schön wärs! Im Moment zeichnet sich folgende Schlaumeierei ab: Unter Zeitdruck wird eine Grundsatzvereinbarung abgeschlossen mit der Verpflichtung, die momentanen praktischen Fragen wie die flankierenden Massnahmen erst danach zu fixieren. Dann werden wir später erpresst. Bekannte Salamitaktik.

Wie soll das gehen?
Es wird dann heissen, man müsse jetzt auch noch dem Rest zustimmen, damit nicht alles einstürze. Nein, das Thema EU ist nicht erledigt, und wir müssen wachsam bleiben. Nach den Wahlen werden die Gewählten umkippen.

«Mit dem Rahmenabkommen wird uns ein Knechtschaftsvertrag aufgedrängt»: Christoph Blocher vor seiner Villa in Herrliberg ZH.

Ihr EU-Alarmismus ist doch ebenfalls reiner Wahlkampf.
Es ist weder Alarmismus noch Wahlkampf, sondern eine ernsthafte Bedrohung des Landes.

Die SVP hätte sonst gar kein Thema mehr, um sich von den bürgerlichen Parteien zu unterscheiden.
Wir hatten nie das Ziel, uns zu unterscheiden. Aber wenn die sogenannten bürgerlichen Parteien zusammen mit den Linken bereit sind, die schweizerische Unabhängigkeit preiszugeben, dann unterscheidet sich die SVP eben. Aber gewiss: Die SVP wurde so erfolgreich, weil die anderen bürgerlichen Parteien anfingen, Demokratie, Unabhängigkeit und Freiheit des Landes zu zerstören.

Und jetzt sind Sie Opfer ihres Erfolgs: Bei den SVP-Themen EU- und Asylpolitik, Kriminalität und Gewalt ist die grosse Mehrheit im Land auf Ihrer Linie. Sie können in den Ruhestand, Herr Blocher.
Wie schön, wenn Sie recht hätten. Die Bevölkerung, da gebe ich Ihnen recht, ist konservativer – wertkonservativer – geworden. Zudem machen die Wahlerfolge der SVP der letzten 20 Jahre den anderen Parteien Angst. Sie fürchten nicht nur Wählerverlust, sondern auch ihre Posten und ihre Macht zu verlieren.

Und der Rechtsrutsch? Ist der auch nur ein Gerücht?
Er war stets ein Märchen. CVP und auch die FDP sind beide Mitte-links-Parteien und gehen meist mit den Linken. Das süsse Gift des Sozialismus liegt ihnen näher als die bewährte schweizerische Freiheit. Sie wollen, dass wir nachgeben, was ein Linksrutsch bedeuten würde.

Hat sich das Experiment, die SVP mit der EU-Frage zur grössten Partei zu machen, denn überhaupt gelohnt, wenn man die Politik trotzdem nicht wesentlich verändern kann?
Es hat sich Wesentliches geändert: Zum Beispiel ist die Schweiz nicht in der EU. Mein Ziel war nie, die SVP zur grössten Partei zu machen. Sie ist es geworden. Ich wollte die SVP in den Siebzigerjahren als liberal-konservative Partei vor dem Untergang retten. Heute wollen auch andere Parteien liberal-konservativ sein. Das ist schon einmal ein Erfolg.


Machen Sie mit bei «Die Schweiz spricht»: Die Aktion bringt Menschen ins Gespräch, die nahe beieinander wohnen, aber politisch unterschiedlich denken.


Die Erbfolge in der SVP ist noch immer nicht geregelt. Gibt es Streit zwischen Magdalena Martullo, Ihrer Tochter, und Roger Köppel, Ihrem Ziehsohn?
In unserer Partei gibt es keine Erbfolge. Das überlassen wir der Monarchie!

Aber ohne Ihre ordnende Hand kommt es zu Machtkämpfen. Köppel warf Martullo beim AHV-Steuer-Deal öffentlich Anpassertum vor.
Es ist doch gut und richtig, dass es Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs gibt. Was wir heute erleben, ist nichts im Vergleich zu den Kursdiskussionen, die wir von den Siebzigern bis Mitte der Neunzigerjahre hatten. So muss es sein in einer Partei.

Sie waren als Politiker bekannt dafür, die beste Spürnase zu haben. Wo lagen Sie falsch?
Das mit der Spürnase habe ich nie verstanden. Ich habe einfach ausgesprochen, was sehr viele Bürger gedacht haben, aber sich nicht getrauten zu sagen. Ich konnte und kann mir das leisten.

Wir halten fest: Blocher war nur ein Durchlauferhitzer.
Wir Menschen sind alle nur Durchlauferhitzer.

Aber wo lagen Sie daneben?
Ich habe gewisse Dinge falsch gesehen. Ich war zum Beispiel letztlich auch dafür, dass die Warenumsatzsteuer zur Mehrwertsteuer wird. Heute muss ich sagen, das war ein Fehler. Mit diesen Mehrwertsteuerabrechnungen ist man mit einem Bein stets «im Chefi»!

Das ist jetzt nicht das spektakulärste Beispiel.
Für mich schon. Aber wenn ich – der immer als Neinsager betitelt wurde – einen Fehler begangen habe, dann diesen: Ich habe viel zu wenig Nein gesagt!

Ihr erster grosser Auftritt in den Achtzigern war gegen das neue Eherecht, also faktisch gegen die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau. Das ist aus heutiger Sicht doch peinlich.
Im Gegenteil: Sie sehen ja, wie es herausgekommen ist! Damals sagte man, es gebe mit dem neuen Eherecht nur noch halb so viele Scheidungen – tatsächlich gibt es heute doppelt so viele. Ganz zu schweigen von der Explosion an Kesb-Fällen, die es früher so auch nicht gab. Ich war ja nicht für das alte Eherecht. Aber für ein anderes neues. Es ist immer schwierig, gegen etwas zu sein im Wissen, dass das alte auch nicht gut ist. Dann haben Sie einen Zweifrontenkrieg.

Damals entstand in der Schweiz das Feindbild Blocher.
Ich bin als einfacher Parlamentarier ans Pult getreten und habe erklärt, dass die Verantwortung in der Ehe – vor allem in der Verantwortung gegenüber Kindern – nicht geteilt werden könne, weil im Konflikt das Problem der gemeinsamen Führung entstehe. Am nächsten Tag aber war mein ganzes Pult voller Briefe, Blumen und Schokolade von Schweizer Frauen, die sich bedankt haben. Auf den Strassen jedoch sind die Suffragetten mit Schildern herumgelaufen: Blocher in die Besenkammer!

Was war Ihre dreisteste Lüge?
Ui, da kann ich keine Hitparade machen, das waren zu viele. (lacht) Menschen lügen oft, und Politiker lügen relativ häufig. Aber sie werden zum Teil auch dazu gezwungen. Als Bundesrat muss man lügen, sonst gilt man als unkollegial. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Was soll die Lüge bezwecken? Schauen Sie den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet an, für einen so schlechten Zweck ist die Lüge nicht gerechtfertigt.

Maudet verheimlichte, dass er sich von einem arabischen Prinzen eine Luxusreise an einen Formel-1-GP bezahlen liess.
Wenn er gelogen hätte, um das Land zu retten, wäre ihm niemand böse. Manchmal braucht es eine Kriegslist, um höhere Zwecke zu erreichen. Aber es geschah, um Unrecht zu verdecken. Denn er wollte damit den Verdacht auf Korruption und persönliche Vorteilsnahme aus der Welt schaffen. Übrigens nur dank der SVP ist Maudet nicht Bundesrat geworden. Die SP wählte Maudet. Sie sehen, wie wichtig die SVP ist.

Sie haben immer protestantische Grundsätze vertreten, auch in der Partei stets vor Übermut gewarnt. Wann liefen Sie selbst am meisten Gefahr, abzuheben?
Selten, weil ich den Erfolg nicht gemerkt habe. Ich sah immer nur die neuen Probleme, hatte vor jedem Erfolg einen Riesenschiss.

Warum?
Weil man dann die Augen schliesst, sich selbst überschlägt und Chabis macht.

Diese demonstrative Demut und Bescheidenheit, die Sie immer predigen ... ist das Ihre raffinierteste Lüge?
Ich muss dies Ihnen überlassen. Aber manchmal denke ich: Okay, ich weiss zwar nicht, ob ich selbst viel erreicht habe, aber zugegebenermassen ist mir relativ viel geglückt. Es ist gut herausgekommen. Und da bin ich in erster Linie dankbar.

«Ich bin erfolgreicher Unternehmer, dann müssen Sie Reichtum bekommen.»

Sie sind mehrfacher Milliardär, wir führen dieses Gespräch an einem der exklusivsten und schönsten Orte im Land...
Einmal sah ich im Ausland einen Beitrag über mich, in dem es hiess: Christoph Blocher, Beruf: Milliardär. Welche Lehre und welcher Berufsabschluss führen zu diesem Beruf? (lacht) Im Ernst: Reichtum war für mich nie Selbstzweck. Ich bin erfolgreicher Unternehmer, dann müssen Sie Reichtum bekommen.

Über Ihre Spenden reden Sie selten bis nie. Auf welche sind Sie besonders stolz?
Stolz nie, aber oft bereiten sie mir Freude. Ich habe auch Abstimmungskämpfe finanziert. Bei der wichtigen EWR-Abstimmung ging ich damals finanziell an meine Grenzen...

Das ist wohlbekannt, aber keine Wohltätigkeit.
Was? Die Rettung der schweizerischen Selbstbestimmung und Unabhängigkeit soll keine Wohltätigkeit sein? Das ist wichtiger als alles andere!

Ernsthaft: Wie viele Bettelbriefe bekommen Sie?
Jeden Tag zwischen 20 und 30, teils sehr kuriose.

Wie oft werden Sie schwach?
Es gab einige Zusagen, die ich bereue, weil ich Missbrauch finanzierte. Mein Vater sagte mir im Pfarrhaus: Schau, bei den Spenden geht etwa die Hälfte für Chalbereien drauf. Er fügte aber an: Wir spenden, damit die andere Hälfte bleibt.

«Ich lernte: Auch auf Tränen ist kein Verlass.»

Auf welche Chalbereien fielen Sie herein?
Es gab einen Unternehmer, der in meinem Büro stand, geweint und gefleht hat, er brauchte dringend 200'000 Franken. Ich hatte Mitleid und gab ihm das Geld. Ein paar Tage später habe ich erfahren, dass er seinen Lohn von 150'000 auf 200'000 erhöht hat. Ich lernte: Auch auf Tränen ist kein Verlass. Einmal habe ich in Ghana investiert, und es kam auch nicht so, wie ich wollte ...

Erzählen Sie.
Eine meiner Schwestern arbeitete dort als Leiterin eines Spitals und erzählte mir Geschichten, bei denen es einem fast das Herz abdrückte. Ich entschloss mich, diesen Menschen zu helfen und baute ihnen ein neues Spital. Und da es fast kein einheimisches Personal hatte, liess ich fünf Ghanaer einfliegen und zahlte ihnen das Medizinstudium in Europa. Sie unterschrieben, dass sie zurückgehen, um dort als Ärzte tätig zu sein. Tatsächlich heirateten sie aber europäische Frauen und hielten in Europa Vorträge über die missliche Lage ihres Heimatlandes. Kein einziger ging zurück.

Das ist bitter.
Ich war naiv und habe es falsch beurteilt.

Gabs denn gar keine Erfolgsgeschichten?
Doch, doch. Viele. Die schönste Spende war für eine blinde Frau, die ihr Geld mit Stricken verdiente. Sie schrieb mir und bat um ein Darlehen für eine neue Strickmaschine, die ein paar Tausend Franken kostete. Die Bank gab ihr keinen Kredit. Sie versprach mir, jeden Monat 10 Franken zurückzuzahlen. Ich sagte: Losed Sie, ich zahle Ihnen diese Maschine. Aber das wollte sie nicht. Auch als sie die Hälfte bereits zurückerstattet hatte, sagte ich: Jetzt haben Sie es bewiesen, den Rest übernehme ich. Das gehe nicht, sagte sie, denn sie wolle für ihr Leben selbst verantwortlich sein.

Ist Ihr Glaube mit dem Alter stärker oder sind Sie zweifelnder geworden?
Wissen Sie, ob wir gläubig sind oder nicht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass Gott an uns glaubt. Wir leben alle von der Gnade Gottes! Hier hat mir das theologische Werk von Karl Barth auf die Beine geholfen. Diese Gewissheit finde ich auch in der Kunst.

Wie?
Schauen Sie, diese Gewissheit in Hodlers Landschaften. Oder in den Kinderbildern von Albert Anker. Seine Kinder tragen keine Namen. Da heisst es zum Beispiel: «Mädchen nach rechts schauend». Anker sagte: «Ich will zeigen, dass die Welt nie verdammt ist.» Niemand von uns hat ein Verdienst, dass er geboren wurde. Aber auch viel anderes ist nicht unser Verdienst. Ich habe oft sehr weitreichende Entscheide gefällt im Leben. Aber ich halte es nicht für mein Verdienst.

Sondern?
Es ist einfach passiert, meist aus dem Bauch heraus, und ich frage immer, warum habe ich nicht das Gegenteil beschlossen? Ich bin dankbar, dass es meist gut herausgekommen ist.

Freuen Sie sich auf ein Leben nach dem Tod?
Wir sterben. Was Gott nach meinem Tod mit mir macht, muss der liebe Gott wissen. Aber wie heisst es doch: «Ob wir nun leben, oder ob wir nun sterben – so sind wir des Herrn.» Ist doch gut so, oder?

* Dieser Artikel erschien erstmals am 23. September 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 23.09.2018, 10:15 Uhr

Artikel zum Thema

Alle prügeln auf Martullo-Blocher ein

SonntagsZeitung SVP-Wirtschaftspolitiker versuchen, den Steuer-AHV-Deal zu retten – der Meinungswechsel der prominenten Nationalrätin verärgert viele im Parlament. Mehr...

Blocher warnt vor einem «unangenehmen» Herbst

Der SVP-Vordenker spricht in einem Interview von einem möglichen Handelskrieg Schweiz-EU. Mehr...

Landesstreik für alle, aber ohne Blocher

SonntagsZeitung In Olten kommt der Streik von 1918 auf die Bühne. Mit hundert Laiendarstellern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...