«Ich hatte schon Kunden, die mit Messer und Teller nach mir warfen»

Hanspeter Vochezer ist Butler und bildet auch solche aus. Im Gespräch erklärt er die Besonderheiten seiner Kunden und für wen er besonders gern gearbeitet hätte.

Hanspeter Vochezer hat für Queen Latifah gearbeitet, Barack Obama hätte er gern gedient. Foto: Paolo Dutto

Hanspeter Vochezer hat für Queen Latifah gearbeitet, Barack Obama hätte er gern gedient. Foto: Paolo Dutto

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«Darf ich Ihnen etwas anbieten, Kaffee, Wasser, Wein, einen Gin Tonic vielleicht?» Hanspeter Vochezer, 42, empfängt in seiner Wohnung in einer viktorianischen Villa am Zürichsee. Hohe Räume, Stuckatur an den Decken, Parkettböden, die Abendsonne fällt auf die blassblauen Hortensien auf dem meterlangen Esstisch. Vochezer trägt rote Hosen, Hemd, blaues Jackett mit Einstecktuch, «mein Leger-Outfit», sagt er. Mit beiden Händen reicht er seine Visitenkarte – formvollendet, so stellt man sich einen erstklassigen Butler vor.

Herr Vochezer, viele denken wohl, der Butler sei ein Relikt vergangener Zeiten. Täuschen die sich?
Butler James aus «Dinner for One» ist tatsächlich passé. Der moderne Butler jedoch ist sehr gefragt. Die Zahl wohlhabender Menschen nimmt zu, diese Leute haben Wohnungen, Häuser, Autos, Jachten, das alles braucht Pflege.

Butler James musste für Lady Sophie einen Sherry nach dem anderen kippen – welche Aufgaben hat der moderne Butler?
Der heutige Butler trinkt keinen Schluck Alkohol – höchstens, wenn er Wein degustieren muss. Der moderne Butler ist ein Multitask-Manager, der seinem Arbeitgeber alle Aufgaben abnimmt. Er fährt ein teures Auto nach Rom oder München, kann aber anstelle der Housekeeping Lady auch einmal ein Bett machen und das Frühstück zubereiten.

Der Butler erspart einem das übrige Personal?
Nein, der Butler leitet das Hauspersonal. Wer einen Butler beschäftigt, hat oft auch eine Nanny und einen Koch. Meist sind es Ehepaare mit Kindern, die sich um nichts kümmern wollen, die viel auf Reisen sind oder oft Gäste haben.

In der Schweiz hat der Butler keine Tradition. Leisten sich auch hiesige Familien einen Butler?
Und ob! 90 Prozent meiner Kunden kommen aus Zürich und Umgebung. Darunter sind allerdings zahlreiche Expats. Der Schweizer ist tatsächlich bodenständig, macht vieles selber, ich kenne Multimillionäre, die im Zug 2. Klasse fahren und den Rasen selber mähen. Noch vor 10, 15 Jahren galt es in der Schweiz als elitär, eine Putzfrau anzustellen, heute ist es normal. Ähnlich wird es mit dem Butler sein.

Ich kenne niemanden, der einen Butler hat.
In Zürich sind viele Butler unterwegs, sie shoppen, holen dies und das, aber man erkennt sie nicht. Denn der Schweizer ist sehr diskret: «Sagen Sie ja nicht, dass Sie unser Butler sind», das höre ich oft. Immer schön den Ball flach halten. Deshalb tragen wir das klassische Butler-Outfit in der Schweiz kaum.

Ursprünglich war der Butler in adligen oder grossbürgerlichen Haushalten zuständig für Esszimmer, Weinkeller und Speisekammer. Und heute?
Im Vergleich zu früher, als der Butler ein Leben lang dem gleichen Hausherrn diente, mietet man heute einen Butler auch für ein paar Tage oder Wochen. Zum Beispiel für die Ferien über Neujahr im Haus in St. Moritz. Die Aufgaben des Butlers hängen ganz vom Arbeitgeber ab. Manche haben bloss drei Autos, andere 100. Stellen Sie sich vor, ein Dutzend Autos braucht Winterpneus – ein Riesenaufwand.

Nicht zuletzt werden Business-Etikette und Deeskalations-Strategien vermittelt.Hanspeter Vochezer, Butler

Der Butler muss in erster Linie seinem Arbeitgeber dienen. Wer mag heute noch dienen?
Das Wort dienen ist so negativ behaftet. Dabei sind wir doch alle Dienstleister, Sie dienen der «SonntagsZeitung», der CEO dient den Aktionären. Dienen ist nichts Unterwürfiges – dienen heisst, mit Stolz eine Dienstleistung erbringen. Für mich gibt es nichts Schöneres, als Menschen glücklich zu machen, ihnen unvergessliche Momente zu kreieren.

Ab April 2020 bieten Sie an der Schweizerischen Hotelfachschule in Luzern (SHL) eine Ausbildung zum «Certified Butler SHL» an. Eine Marktlücke?
Es fehlt an qualifizierten Butlern. Ich vermittle weltweit hochkarätiges Hauspersonal, das Bedürfnis nach einem Butler nimmt stetig zu. Die Ausbildung an der SHL, dem staatlich anerkannten Institut mit 111-jähriger Tradition, ist einzigartig in Europa. Diese Zusammenarbeit erfüllt mich mit grossem Stolz.

Der Butler ist traditionell männlich. Besteht auch eine Nachfrage nach Butlerinnen?
Ja, besonders Kunden aus dem Nahen Osten verlangen eine Butlerin, die Madame die Koffer ein- und auspackt.

Wer eignet sich zum Butler, zur Butlerin?
Butler sein ist mehr als ein Job. Butler sein ist eine Passion, man muss dafür brennen. Es braucht eine enorme Leistungsbereitschaft, man muss höchst flexibel und absolut verschwiegen sein. Dazu kommen beste Umgangsformen, ein sicheres Auftreten, eine top Körperhaltung sowie eine gewisse Eleganz.

Welche Vorkenntnisse sollte der angehende Butler, die angehende Butlerin mitbringen?
Ein Know-how aus der Gastronomie oder Hotellerie ist sicher von Vorteil. Wissen, wie man einen Tisch deckt, Wein einschenkt, dekantiert, karaffiert, darauf kann man aufbauen. Und stundenlanges Stehen, wenns sein muss, 24 Stunden lang, das lernt man in der Gastronomie, das schafft jemand vom Büro kaum.

Die Ausbildung zum zertifizierten Butler dauert vier Wochen – ist das nicht allzu kurz?
Wer eine fundierte Ausbildung sowie viele Jahre Erfahrung in der Luxushotellerie mitbringt, wird sein Können dank des Butler-Trainings perfektionieren.

Was lernt man in vier Wochen?
In der Materialkunde wird zum Beispiel gelernt, wie man Porzellan und Silber pflegt, ob man vergoldete Teller in der Maschine waschen darf. Aber auch, wie man ein Blumenbouquet arrangiert, wie man Speisen flambiert und vor dem Gast ein Tatar zubereitet. Nicht zuletzt werden Business-Etikette und Deeskalations-Strategien vermittelt, damit der Butler nicht gleich zusammenklappt, wenn er von Madame oder Monsieur angeschrien und zusammengestaucht wird.

Oft arbeite ich in fremden Häusern, auf riesigen Anwesen, bis ich da einen Schraubenzieher finde, dauert es ewig. Hanspeter Vochezer, Butler

Angeschrien, zusammengestaucht?
Der Butler muss einiges aushalten – und stets die Contenance wahren. Ich hatte schon Kunden, die mit Messer und Teller nach mir warfen, einmal hatte ich eine Pistole am Kopf. Ich habe alles schon erlebt – ausser die Geburt eines Kindes, das fehlt mir noch.

Wie haben sich die Herrschaften nach solchen Vorfällen entschuldigt?
Mit einem guten Trinkgeld, oder Monsieur sagte, «machen Sie morgen einen halben Tag frei». Aber eine Entschuldigung hören Sie nie, das wäre ein Gesichtsverlust.

Der klassische Butler trägt eine Uniform – was trägt der moderne Butler?
Ich habe stets alles dabei, vom Smoking bis zur Badehose. Bei einem Engagement auf einer Mittelmeerinsel trug ich weisse Socken, weisse Converse, weisses Polo-Shirt, weisse Shorts und, wichtig, weisse Unterhosen. Schwarze Unterhosen könnten durchscheinen, das gilt es zu vermeiden.

Und die weissen Handschuhe, kommen die noch zum Einsatz?
Beim Koffer ein- und auspacken sind sie natürlich Pflicht. Und wenns erwünscht ist, beim Frühstücksservice ans Bett, beim Lunch oder Dinner. Die weissen Handschuhe gehören zu meiner Ausrüstung wie die Stirnlampe und das Sackmesser.

Stirnlampe und Sackmesser?
Die Stirnlampe ist enorm hilfreich, so habe ich Licht, wo immer ich arbeite. Zum Beispiel, wenn ich an der Gartenparty bei Kerzenschein Scherben einsammeln muss – diese Gastgeber benützen Glas, kein Plastik. Und das Sackmesser brauche ich, wenn etwas «lottert», wenn ich rasch etwas anschrauben muss. Oft arbeite ich in fremden Häusern, auf riesigen Anwesen, bis ich da einen Schraubenzieher finde, dauert es ewig.

Diese Leute wollen kein Nein hören. Sie sind es sich gewohnt, alles zu bekommen. Hanspeter Vochezer, Butler

Muss der moderne Butler auch putzen?
Unbedingt. Die Housekeeping Lady reinigt zwar in der Regel. Nur, wie wollen Sie diese kontrollieren, wenn Sie nicht wissen, wie man putzt? Und was, wenn die Haushälterin nicht da ist? Der Butler packt an, wo Not ist, ein Knochenjob, man darf sich für nichts zu schade sein.

Kochen?
Einfache Alltagsgerichte, mehr ist nicht verlangt. Ich bin da eine Ausnahme. Ich liebe es, zu kochen. Jackett weg, Swiss-Butlers-Schürze um – Show-cooking für die Herrschaften.

Rasen mähen?
Selbstverständlich. Auch schon mal im Smoking, weil der Gärtner bereits im Feierabend war.

Mit Madame shoppen gehen?
Ja, ich gehe jeweils strassenseitig von Madame, ein paar Schritte hinter ihr. Und hoffe, sie kauft die zehn Bücher nicht am Anfang der Shoppingtour . . . Alle Einkaufstüten trage natürlich ich. Wichtig ist, dass ich immer vorausdenke, zum Beispiel einen Tisch reserviere, falls Madame wünscht, später in einem Café einen Tee zu trinken.

Mit Monsieur Tennis spielen?
Dafür hat Monsieur einen Personaltrainer.

Mit den Kindern spielen?
Das ist heikel, das mache ich nur auf Anweisung der Eltern. Die Kinder sind heilig. Tadeln darf ich sie nicht, da muss ich diplomatisch sein. Wütet ein Kind in der Küche, ziehe ich die Eltern bei, sage: «Madame, Ihr Kind richtet Schaden an, ist das okay?»

Mit dem Hund spazieren?
Im eigenen Interesse. Erledigt der Hund sein Geschäft im Haus, muss ich putzen oder putzen lassen – denn ich bin für die Flecken verantwortlich.

Chauffeurdienste?
Ganz wichtig, die Butler-Schulung beinhaltet auch ein Fahrtraining. Persönlich verweigere ich das Fahren, wenn der Gast auf dem Nebensitz nicht angeschnallt ist. Und ich fahre nicht zu schnell, maximal 130, 140, ich will den Ausweis ja nicht verlieren. Fordert der Kunde «schneller – los, los, los!», antworte ich mit «I do my best, Sir».

Ein Nein gibts nicht?
Diese Leute wollen kein Nein hören. Sie sind es sich gewohnt, alles zu bekommen.

Natürlich hätte ich es bevorzugt, Obama als US-Präsidenten zu dienen – «I served the President of the United States», das hat schon einen guten Klang.Hanspeter Vochezer, Butler

Auch Frauen, auch Drogen?
Der Wunsch nach einer Escort-Dame kommt oft. Ich besorge jedoch einzig die Nummern der entsprechenden Agenturen. Ich weiss ja nicht, welcher Typ Lady dem Herrn gefällt. Drogen beschaffe ich nicht, ich mache mich nicht strafbar für meinen Arbeitgeber – aber das Servieren gehört dazu.

Was verdient ein zertifizierter Butler, dieser Alleskönner, für seine fast grenzenlosen Dienste?
Ab 8000 Franken – viel im Vergleich zur Hotellerie/Gastronomie. Aber extrem wenig angesichts des grossen Know-hows und der vielen Arbeitsstunden.

Wie und wo wohnt der Butler?
Live in, live out, in einem Nebenhaus auf dem Anwesen oder ausserhalb in einer Wohnung, die höchstens 10 bis 15 Minuten entfernt sein darf. Schweizer Kunden bevorzugen es, wenn der Butler auswärts wohnt, damit die Familie abends ihre Privatsphäre hat.

Sie haben den Ruf, einer der erfolgreichsten Butler zu sein. Wann stehen Sie noch selber im Einsatz?
Heute kann ich mir die Auftraggeber praktisch aussuchen. Ich pflege noch einige Stammkunden und übernehme zwei, drei Topmandate im Jahr, darunter die Jachtshow in Monaco und das WEF in Davos.

Was fasziniert Sie eigentlich an dieser Klientel – möchten Sie im Grunde einfach ein wenig dazugehören?
Nein, ich möchte definitiv nicht dazugehören und in diesen Kreisen verkehren. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und arbeitete viele Jahre in der klassischen Luxushotellerie. Es macht mir einfach grosse Freude, meinen Kunden den bestmöglichen Service zu gewähren, daraus ziehe ich mein persönliches Glück.

Gibt es jemanden auf der Welt, dem Sie gern Ihre Dienste anbieten würden?
Für Barack Obama hätte ich liebend gern gearbeitet! Weil er jeden mit Respekt behandelt, vom Golfboy bis zur Bundespräsidentin. Leider habe ich es verpasst, ihm während seiner Amtszeit einen Brief mit der Bitte um ein einmonatiges Praktikum zu schicken – ich könnte mir heute noch die Haare ausreissen!

Obama hat kürzlich eine riesige Villa auf der Insel Martha’s Vineyard an der US-Ostküste gekauft. Vielleicht braucht er noch einen Butler?
Natürlich hätte ich es bevorzugt, Obama als US-Präsidenten zu dienen – «I served the President of the United States», das hat schon einen guten Klang. Wer weiss, wer nach Donald Trump ins Weisse Haus einziehen wird?

Sie sind tadellos gekleidet, haben exzellente Manieren, Ihr Daheim ist makellos – lassen Sie sich auch mal gehen?
Aber sicher! Ich unterscheide sehr wohl zwischen Business und Freizeit. Im Sommer trage ich zu Hause Shorts und Poloshirt, gehe barfuss – ganz locker, I love it. Auch ich bin nicht perfekt, auch ich gehe an Partys, schlage mal über die Stränge oder verpasse den Zug.



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Erstellt: 20.10.2019, 08:18 Uhr

Bodenständiger Gentleman

Hanspeter Vochezer, 42, ist ausgebildeter Hotelier und selbstständiger Butler. Er arbeitete für Adlige und Reiche auf der ganzen Welt, diente sowohl Gunter Sachs als auch Queen Latifah. Vochezer ist Inhaber der Agentur «Swiss Butlers» und Ausbildungspartner der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern (SHL), welche ab April 2020 erstmals und einmalig in der Schweiz einen Lehrgang zum «Certified Butler SHL» anbietet. Der Mann mit den perfekten Umgangsformen lebt an der Zürcher Goldküste, ist Single und «offen für eine bodenständige, charmante Lady, die einen bodenständigen Gentleman an ihrer Seite wünscht».

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