«Ich war in Aleppo, doch das Schlimmste passierte hier»

Ab heute stehen im An'Nur-Prozess zehn Salafisten vor Gericht. Jetzt spricht eines der Opfer.

«Was in der An’Nur-Moschee passiert ist, hat mich aus der Bahn geworfen»: Das Opfer will anonym bleiben. Bild: Fabienne Andreoli

«Was in der An’Nur-Moschee passiert ist, hat mich aus der Bahn geworfen»: Das Opfer will anonym bleiben. Bild: Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Mohammed (Name geändert) die An’Nur-Moschee in Winterthur betritt, weiss er, dass etwas nicht stimmt. Es sind fast alle Gläubigen anwesend, untypisch für einen Abend. Bald merkt er, dass er in einen Hinterhalt gelockt wurde. Die Männer nehmen ihm das Handy ab. Sie finden heraus, dass Mohammed Fotos der Moschee gemacht hat und mit dem Journalisten Kurt Pelda, der heute für den «Tages-Anzeiger» und die SonntagsZeitung schreibt, via Chat in Kontakt war. Mohammed kennt Pelda von gemeinsamen Recherchen im syrischen Aleppo und in Libyen.

Gemäss Anklageschrift packt einer Mohammed am Unterkiefer, drückt ihm den Mund auf und stopft ihm eine Zehnernote in den Mund. «Du hast deine Religion für Geld verkauft.» Ein anderer sagt ihm: «Wie willst du sterben? Sollen wir deinen Schädel zerstören, oder sollen wir dich köpfen?» Ein Kollege, der mit Mohammed die Moschee betrat, kontaktierte von der Toilette aus die Polizei per SMS. Diese befreite die beiden nach 90 Minuten. Morgen Montag beginnt am Bezirksgericht Winterthur der Prozess gegen die zehn Männer. Die Beschuldigten sind der Winterthurer Salafisten­szene zugehörig. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. Die Vorwürfe haben sie in den Einvernahmen als völlig übertrieben dargestellt.

Er meidet öffentliche Plätze, fühlt sich beobachtet

Bei einem Treffen in Zürich erzählt Mohammed nochmals von den Szenen in der Moschee. Er kämpft mit den Tränen, muss unterbrechen. Es geht nicht. «Ich habe hart daran gearbeitet, die Vorfälle zu vergessen», sagt er. «Ich war in Aleppo und im libyschen Bürgerkriegsgebiet. Aber das Schlimmste in meinem Leben passierte in Winterthur.» Er spricht mit leiser Stimme, legt oft Denkpausen ein. Heute geht es Mohammed schlecht. Der Mann, Anfang 30, hat Mühe, den Tritt im Alltag wiederzufinden. «Was in der An’Nur-Moschee passiert ist, hat mich aus der Bahn geworfen.»


Die An’Nur-Moschee: Treffpunkt von Extremisten


Auf Observationsvideos sieht man verschiedene Moscheebesucher: Unter ihnen sind auch mutmassliche Straftäter und Angeklagte im Prozess vor dem Winterthurer Bezirksgericht. Video: Privat


Öffentliche Plätze meidet er. In der Stadt fühlt er sich beobachtet. Immer wieder dreht er sich um. Zweimal, da ist Mohammed sicher, wurde er verfolgt. Von wem, weiss er nicht. Erst als er am Bahnhof zur Polizei ging, liessen sie von ihm ab. Sechsmal hat er seit dem Vorfall in Winterthur die Wohnung gewechselt. Zu gross die Angst, dass Leute aus dem Jihadistenumfeld seine Adresse herausfinden.

Gläubige suchen nach Spionen

Er ist in psychiatrischer Behandlung, schluckt Tabletten, um mit der Belastung umzugehen. Den Kontakt zu seinen früheren arabischen Freunden hat der Nordafrikaner abgebrochen. Zu gross ist die Angst, dass einer über Umwege einen der Beschuldigten kennt. «Ich muss mich vor Rache schützen», sagt er.

Um zu verstehen, weshalb Mohammed in der An’Nur-Moschee als «Verräter» gilt, muss man weiter zurückblenden. In der unterdessen geschlossenen Moschee wurden Jugendliche und junge Erwachsene radikalisiert. Mehrere schlossen sich der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und dem Irak an. Am 21. Oktober 2016 rief ein neuer äthiopischer Imam in einer Predigt dazu auf, Muslime, die nicht am gemeinsamen Freitagsgebet teilnehmen, zu töten. Journalist Pelda schrieb über die Predigt, die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren. Seither suchten die Gläubigen nach Spionen.

Whistleblower wird von den Behörden abgestraft

Der Nordafrikaner erzählt seine Geschichte in perfektem Deutsch. Einen Teil seiner Kindheit verbringt er in Bonn, wo seine Mutter doktoriert. Mit 21 Jahren zieht er in die Schweiz, um zu studieren. Als gläubiger Muslim besucht er die An’Nur-Moschee, die einzige in Winterthur, in der die Predigten auf Arabisch gehalten werden. Bald merkt er, dass in der Moschee junge Gläubige dazu verführt werden, für den IS in den «Heiligen Krieg» zu ziehen. Er leitet Informationen weiter, die schliesslich dazu führen, dass die Moschee geschlossen wird. Im Kampf gegen den Islamismus in der Schweiz ist er so eine zentrale Figur.

Ihnen wird Freiheitsberaubung, Drohung, Nötigung, Körperverletzung und anderes vorgeworfen: Zwei Beschuldigte vor der Eingangstür der An’Nur-Moschee. Bild: Privat

Als Whistleblower erhält er von den Schweizer Behörden aber keine bevorzugte Behandlung. Im Gegenteil, er sollte sogar ausgeschafft werden. Dabei wurde ihm auch eine Verurteilung wegen Urkundenfälschung zum Verhängnis, wie er freimütig einräumt. Er sagt, die Botschaft seines Heimatlandes habe ein Stipendium zwei Jahre lang nicht ausbezahlt. Um trotzdem an das Geld zu kommen, reichte er bei der Botschaft ein fingiertes Dokument ein. Mohammed rekurrierte gegen diesen Entscheid und ist jetzt vorläufig aufgenommen, ein Status, der jedes Jahr überprüft werden muss. Er darf nicht ins Ausland reisen und kann deshalb seine Eltern, die in Kairo wohnen, nicht besuchen.

Dass er, der im Kampf gegen ­den Islamismus so viel riskiert hat, von den Behörden nicht besser ­behandelt wird, enttäuscht ihn. Er bezeichnet das als «die grösste ­Ungerechtigkeit, die mir in meinem Leben widerfahren ist». Trotzdem will er alles dafür tun, um in der Schweiz bleiben zu können. Obwohl er hier die schlimmsten 90 Minuten seines Lebens durchgemacht hat.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 30. September 2018 in der SonntagsZeitung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.10.2018, 10:01 Uhr

Artikel zum Thema

Wie sich junge Muslime in Winterthur radikalisierten

Video Die Jugendgruppe der Winterthurer An’Nur-Moschee wurde indoktriniert und unter Druck gesetzt. Einige der Mitglieder stehen nächste Woche vor Gericht. Mehr...

In Winterthurer Hotel vom Jihad überzeugt

Sarah O. (20) traf sich vor fünf Jahren im Hotel Töss mit Salafisten. Kurz darauf schloss sie sich in Syrien dem IS an. Nun wurde sie verhaftet. Was geschah? Mehr...

Foltermethoden in der Winterthurer An'Nur-Moschee

Zwei Männer wurden in der mittlerweile geschlossenen Moschee angeblich misshandelt und mit dem Tod bedroht – sie sollen Verräter sein. Das Polizeiprotokoll ist besorgniserregend. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...