«Ich musste einfach auch das Innere meines Kopfes erforschen»

Nobelpreisträger Jacques Dubochet über seine Psychoanalyse, den Anruf aus Stockholm, die Migranten, denen er das Rechnen beibringt – und den Sinn des Lebens.

«Eine Malerin als Frau war eine wunderbare Erweiterung meiner Existenz»: Jacques Dubochet. Foto: Keystone

«Eine Malerin als Frau war eine wunderbare Erweiterung meiner Existenz»: Jacques Dubochet. Foto: Keystone

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Ein Interview folgt dem anderen. Es scheint ihm Spass zu machen, die richtigen Worte zu finden. Mit 75 Jahren wird der Waadtländer Jacques Dubochet, der diese Woche zusammen mit dem Amerikaner Joachim Frank und dem Briten Richard Henderson den Chemienobelpreis erhalten hat, in den Fokus der Medien katapultiert. Für gewöhnlich geben sich Wissenschaftler in dieser Situation diskret. Der Bürger von Morges VD am Genfersee scheint die Aufmerksamkeit aber zu geniessen. Als er über wichtige Stichworte seines Lebens redet, offenbart Dubochet ein Faible für linke Werte, ein Engagement im Kampf gegen die Klimaerwärmung und den Willen, sich immer auf die Seite der Mittellosen zu schlagen.

Ruhm
Als mich die Leute von Stockholm angerufen haben, sagten sie: Sie werden eine öffentliche Person. Einerseits stimmt es, dass ich dieser Tatsache keine grosse Bedeutung beimesse. Ich war immer schon sehr aktiv. Ich war eine der treibenden Kräfte des Lehrgangs Biologie und Gesellschaft der Universität in Lausanne. Die Idee dahinter ist, dass unsere Studenten ebenso gute Bürger wie Biologen werden. Gemünzt auf die Medialisierung: Was riskiere ich? Ich versuche, mich zu Themen zu äussern, von denen ich etwas verstehe. Ein Beispiel: Ich kenne die Probleme der Klimaerwärmung nicht besser als andere, nur weil ich das Rezept für vitrifiziertes Wasser gefunden habe. Ich habe mich damit befasst, deshalb weiss ich, wovon ich rede. Ich bin Mitglied der Vereinigung Klima-Grosseltern Schweiz. Die Idee dahinter ist, dass wir durch unser Alter eine etwas andersartige Legitimation haben: Wir haben nicht mehr viel zu gewinnen.

Legasthenie
Es gibt verschiedene Formen von Legasthenie. Die verbreitetste Form macht, dass man Schwierigkeiten hat, die verbale Sprache – die uralt ist, mit der Schriftsprache – die im Vergleich ganz jung ist – zu verbinden. Einen Text ins Schriftliche umzusetzen ist von einer ausserordentlichen Komplexität. Es gibt heute viele neurologische Arbeiten zu diesem Thema, aber damals war das anders. Ich war sehr schlecht in Orthografie und im Wörtchenlernen. Bei den Naturwissenschaften war es einfacher. Damals schon war für mich vital: Verstehen war meine Art, keine Angst zu haben. Mit der Zeit hatte ich aber sogar in Mathematik schlechte Noten – und ich flog vom Gymnasium. Meine Eltern steckten mich in ein Internat in Trogen im Appenzell. Dies bedeutete die erste Entgleisung meines Lebens. Der Umzug hat mein Leben auf den Kopf gestellt. In Trogen lernte ich erstmals, mir selbst ein wenig zu vertrauen. Ich erinnere mich an meinen Vortrag über Raketen. Dem Lehrer hat er gefallen. Von diesem Augenblick an hatte ich gute Noten. Meine Eltern holten mich daraufhin zurück, und ich absolvierte meine Matura im Waadtland. Ich marschierte im Schnellzug durch und ging dann an die ETH Lausanne. Ich war immer noch Legastheniker und werde es immer sein, aber ich wusste, wie ich damit umgehen musste. Ein Legastheniker macht Fortschritte, indem er andere Methoden anwendet. So musste ich mein Leben lang mit der DNA arbeiten. Jedes Mal wenn ich mich an die Doppelhelix erinnern muss, mache ich eine drehende Handbewegung.

Politisierung
Meine Politisierung begann im Militär. Ich wurde Offizier, Oberleutnant. Sicher weil ich in diesem Moment nicht wirklich wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. In der Armee begegnete ich einem Soldaten aus Genf, der enga­gierter Kommunist war. Dann kam der Mai 1969. Was damals abging, war magnetisierend. Natürlich fand ich mich dann in diesem linken Gedankengut wieder. Es ging mir aber schnell vor allem um Ökologie und um die Umwelt. Wir haben eine Diskussionsrunde lanciert, die sich diesen Themen widmete und sich Groupe 2001 nannte. Heute noch verfolge ich mit viel Sympathie, was Daniel Cohn-Bendit sagt und schreibt. Ich sitze im Gemeinderat von Morges in den Reihen der Sozialisten. Ich bin Ökologe. Nicht weil ich die Natur schön finde, sondern weil ich mich auskenne. Es bedeutet vielmehr, dass ich die Natur als wichtig erachte. Man muss sie erhalten, die Klimaerwärmung ist ein fundamentales Problem.

Kopernikus
Wenn die Nacht einbrach, versuchte ich, mir als Kind bewusst zu werden, wo ich war. Ich stellte mir vor, wie sich die Welt dreht und wie ich an diesem Ort in den Schatten eintrat. Ich hielt mir vor Augen, dass sich die Welt bis am nächsten Tag weiterdreht und es deshalb wieder tagen würde. Die Nacht ist nicht bedrohlich, wenn man weiss, wie es funktioniert. Mein ganzes Leben basiert auf diesem Bedürfnis, die Dinge zu verstehen – inklusive zu verstehen, wie ich selbst funktioniere. Ich habe mich Jahre später einer Psychoanalyse unterzogen, und ich glaube nicht, dass ich davor weniger Angst hatte als der Durchschnitt. Aber ich musste einfach auch das Innere meines Kopfes erforschen.

Vitrifizierung
Das Wasser ist eine amorphe Flüssigkeit. Wenn man sie kühlt, vereist sie, indem sie kristallisiert. Dieser Vorgang zerstört die Struktur der Moleküle, die man untersuchen möchte. Die Herausforderung bestand darin, diese Moleküle sehr schnell abzukühlen, in dem man sie immobilisiert: die Vitrifizierung. Ich habe mir eine Art ultraschnelle Sorbetmaschine vorgestellt. Reines Wasser zu vitrifizieren, galt als unmöglich. Das zu erreichen, hat die Forschung revolutioniert. Die Methode funktioniert, aber eigentlich wissen wir nicht genau weshalb. Eine vollständige Theorie über das vitrifizierte Wasser, das wir erhalten, gibt es derzeit noch nicht.

Nobelpreis
Ob man so etwas erwartet? Ich war nie ein Wettkampftyp, aber ich war ein ambitionierter Forscher, der davon träumte, ein grosser Wissenschaftler zu werden. Als wir – der Amerikaner Joachim Frank, der Brite Richard Henderson und ich – diese Entdeckung machten, wussten wir, dass es sich um etwas Bedeutendes handelt. Die Entwicklung der Kryomikroskopie in den vergangenen 35 Jahren hat es bestätigt. Henderson hat mich vor drei Jahren in einer seiner Publikationen als den «Vater der Kryo-mikroskopie» bezeichnet. Es kam vor, dass man mich fragte: «Dieser Nobelpreis, wann ist es endlich so weit?» Aber es gibt so viele bedeutende Entdeckungen. Etliche Leute verdienen ihn. Letztes Jahr dachte ich daran – dann wurde nichts daraus. Diesmal war ich daheim. Das Telefon läutet, ich nehme ab, eine Dame stellt sich vor und sagt: «Ich habe eine wichtige Nachricht für Sie aus Stockholm. Sie erhalten den Nobelpreis.» Daraufhin brach die Verbindung ab. Als sie nochmals anrief, habe ich mich bei ihr für die Unterbrechung bedankt. So hatte ich die Möglichkeit durchzuatmen. Meine Frau war da, und wir sind einander in die Arme gefallen.

Christine
Nächstes Jahr feiern wir unseren 40. Hochzeitstag. Eine Malerin als Frau zu haben, war eine wunderbare Erweiterung meiner Existenz. Mein Schönheitssinn liegt in der Natur und anfänglich nicht in der Malerei. Christine macht aber abstrakte Kunst. Durch sie musste ich lernen, nachzuvollziehen, was sie empfindet. Anfangs war ich dazu nicht in der Lage, genauso erging es ihr angesichts meiner wissenschaftlichen Theorien. Wir haben allerlei Ausstellungen und Museen besucht. Das hat mir extrem viel gebracht.

Migranten
Was soll ich im Ruhestand tun? Unsere zwei Kinder sind erwachsen. Ich habe begonnen, minderjährige Migranten vom Zentrum in Malley in Mathe zu unterrichten. Es sind Kinder zwischen 14 und 15 Jahren. Es ist wunderbar, diese Leute, die weiss ich woher stammen, die zu Fuss geflüchtet sind und nun hier sind und durch die Arithmetik versuchen, ins Leben zurückzufinden. Die erste Schülerin, die ich hatte, geht seit kurzem zur Uni. Dann entwickelte sich das, und nun beherbergen wir seit zwei Jahren eine Somalierin bei uns.

Sinn
Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage interessiert mich nicht. Es gibt keinen Sinn. Ich bin Atheist. Ich bin nicht Wissenschaftler, um dem Leben einen Sinn zu geben. Ich bin es geworden, um meinem Leben einen Sinn zu geben. Die Lösungen, die ich finde, müssen auch für andere gültig und hilfreich sein. Haben Sie das verstanden? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 21:37 Uhr

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