«Ich nehme Donald Trump sehr, sehr ernst»

Michael Moore über «Fahrenheit 11/9», die Chancen einer Wiederwahl des US-Präsidenten und Schweizer Waffen im Schrank.

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Michael Moore gibt nicht auf. Die Ikone des amerikanischen Klassenkampfs hat einen neuen Film gedreht. Im Kino war es vorher still geworden um den Mann, der 2016 als einer der wenigen die Wahl von Donald Trump vorhergesagt hatte. Jetzt widmet er dem US-Präsidenten ein furioses Pamphlet – und nennt es, in Anlehnung an seinen grössten Kinoerfolg, «Fahrenheit 11/9». Auskunft dazu gibt er in einer schummrigen Bar von Toronto.

Mister Moore, setzen Sie allen Ernstes die Anschläge vom 11. September 2001 mit der Wahl von Donald Trump gleich?
Wieso denken Sie das?

Wegen des Titels, damals «9/11», jetzt «11/9».
Ich will das nicht hochspielen. Es ist mir einfach aufgefallen, dass Donald Trump am 9. November offiziell als Präsident bestätigt worden ist. Aber in Europa funktioniert der Titel ja sowieso nicht, da werden die Daten umgekehrt geschrieben, nicht wahr?

Stimmt. Aber Sie wählten den Titel doch nicht nur wegen der spiegelverkehrten Daten.
Gut, dann sage ich es deutlich: Am 11. September töteten Terroristen nahezu 3000 Menschen in den USA. Traurig. Aber der wahre Erfolg dieser Anschläge war, dass der damalige Präsident George W. Bush danach in den Kongress ging und begann, die Freiheit der Bürger abzubauen. Das war alles, was es brauchte, um die Verfassungsrechte einzuschränken. Drei Flugzeuge, die einschlugen.

«Tyrann, Lügner und Rassist»: In seinem jüngsten Dokumentarfilm «Fahrenheit 11/9» nimmt sich Michael Moore US-Präsident Trump vor. (Trailer: Toronto International Film Festival)

Und heute ist das wieder so?
Es deutet vieles darauf hin, dass Trump einen Anlass sucht, um die demokratischen Rechte weiter einzuschränken. Da müssen wir die Schutzschilder hochfahren. Unser Präsident mag Leute wie Wladimir Putin und Benjamin Netanyahu, die ihr Land mit harter Hand regieren, neuerdings liebt er sogar Kim Jong-un aus Nordkorea. Trump ist ein Autokrat, er glaubt an die totalitäre Art des Regierens.

Er lässt sich doch nicht auf das reduzieren!
Oh doch, ich reduziere ihn liebend gerne: Er ist ein Milliardär. Punkt. Und ein CEO. Diese Menschen handeln nie wie Demokraten. Denen geht es immer nur um den eigenen Gewinn. Sie sagen: Das ist meine Spur auf der Autobahn, alle anderen weg da.

Die USA sind nun mal ein kapitalistisches Land.
Ja, aber die allermeisten Politiker zeigen doch etwas Demut und ein paar Manieren. Trump nicht. Das macht ihn auch erfrischend: Er hat keine Scheu, die Fratze des Kapitalismus zu zeigen.

Es sieht aber so aus, als ob jede Kritik an seiner Person Trump eher nützt als schadet. Könnte das nicht auch auf Ihren Film zutreffen?
Wie meinen Sie das?

Trump scheint die Kritik von Medien richtig aufzusaugen und davon zu profitieren. Er denunziert sie einfach als «Fake News».
Oh, ich weiss, dass er schon ein wenig Angst vor mir hat. Darum zeige ich in «Fahrenheit 11/9» ja auch Passagen, wo er ziemlich nette Dinge über mich sagt. Dass er mich furchtlos findet und Ähnliches.

Schmeichelt Ihnen das?
Nein. Aber es gibt schon ein paar Überschneidungen: Eigentlich bin ich ein wütender, weisser Mann aus dem Mittleren Westen. Ich gehöre zur Wählerschaft, die ihn starkgemacht hat. Und es gibt ein paar Menschen, die auf mich hören. Wirklich angegriffen hat er mich nur ein einziges Mal, nachdem ich 2017 ein Theaterstück über ihn auf die Bühne gebracht hatte. Und seine Kritik war erst noch halbherzig. Er hat sogar gewartet, bis das Stück nicht mehr gespielt wurde. Gut, vielleicht wollte er mir nicht helfen, weil er wusste, dass ich nach seiner Aggression viel mehr Zuschauer bekommen würde.

Vielleicht hatte er gerade andere im Visier?
Ja klar, für ihn ist es einfacher, die sogenannten Eliten anzugreifen. Aber ich denke, ich bin gefährlicher für ihn, als Sie das sehen.

Ich glaube einfach, er profitiert von jeder Medienaufmerksamkeit, die er kriegen kann. Auch wenn man ihn lächerlich macht.
Das mache ich ja ganz bewusst nicht. Es gibt in meinem Film keinen einzigen Witz über seine Frisur. Ich nehme ihn sehr, sehr ernst. Und Angst hat er vor mir, weil ich Fragen stelle, die keiner stellt. Haben Sie einmal überlegt, wer das Leck im inneren Kreis des Weissen Hauses sein könnte, die Person, die anonym den Artikel in der «New York Times» geschrieben hat?

Keine Ahnung.
Er war es selber. So ernst nehme ich ihn.

Wieso sollte er das tun?
Die Quintessenz des Artikels ist doch: Da sitzen ein paar Erwachsene im Weissen Haus, die schauen, dass alles gut kommt, trotz der Kindereien des Präsidenten. Wer will am vehementesten, dass wir so etwas glauben? Donald J. Trump und kein anderer.

«Hillary hat mich im Stich gelassen. Die Demokraten haben mich im Stich gelassen.»

Das denken Sie wirklich?
Vielleicht stimmt es nicht. Aber mich stört, dass die Medien nicht einmal die Möglichkeit erwägen. Bei der Geschichte über den Porno-Star Stormy Daniels war es dasselbe. Da besteht eine gute Wahrscheinlichkeit, dass er sie selber den Medien gesteckt hat. Er hat doch am meisten davon profitiert. Denken Sie an die zornigen, weissen Männer. Wir können davon ausgehen, dass die Mehrheit seiner männlichen Wählerschaft auch von solchen Dingen träumt. Die sind begeistert von der Vorstellung, dass er Sex mit einem Pornostar hatte. Als Stormy Daniels in der Nachrichtensendung «60 Minutes» auftrat, um darüber zu sprechen, war das genau der Moment, in dem sich seine Umfrageergebnisse wieder verbesserten.

Sie haben 2016 Trumps Wahlsieg vorausgesagt. Wird er die Wiederwahl 2020 schaffen?
Ich kann die Zukunft nicht lesen.

Aber Sie bekamen recht mit Ihrer ersten Prognose.
Ja, aber nur, weil ich in Flint, Michigan, lebe, und sah, was dort geschah. Es war bald klar, dass die Demokraten die Region von Anfang an abgeschrieben hatten. Hillary Clinton war nie da, Trump dagegen war überall präsent. Er hat den Lebensnerv dieser Leute getroffen. Viele davon waren enttäuscht von Obama und der bisherigen Regierung, die sie allein gelassen hatte. Sie wollten Trump als Molotow-Cocktail benutzen. Das könnte ähnlich ablaufen beim nächsten Mal.

Einige Menschen denken, er werde schon vorher aus dem Amt gejagt.
So ein Blödsinn. Klar, das höre ich auch ständig: Bald gibt es ein Impeachment-Verfahren. Der Sonderermittler wird ihn zu Fall bringen, er wird über die Russen stolpern. Oder noch so eine abstruse Theorie: Seinen Söhnen droht eine Gefängnisstrafe und um diese zu verhindern, wird er einen Deal eingehen und zurücktreten. Wer so denkt, soll weiterträumen.

Was also?
Ich habe wirklich wenig Hoffnung. Ich denke, Trump ist smarter als seine Opposition. Er hat Hillary Clinton ins Leere laufen lassen. Genauso die Demokraten. Und die «New York Times». Er ist einfach geschickt.

Geschickter als die «New York Times»?
Also bitte. Die haben am Morgen nach der Wahl getitelt, Trump habe nur eine 15-Prozent-Chance, um zu gewinnen. Wie kann man nur so falschliegen? In diesem Sinn bin ich wirklich ein zorniger, weisser Amerikaner: Hillary hat mich im Stich gelassen. Die Demokraten haben mich im Stich gelassen. Die sogenannt liberalen Medien auch. Für welches Medium arbeiten Sie in der Schweiz?

Die SonntagsZeitung.
Ach so. Ja.

Kennen Sie die?
Nein, aber wir kennen uns, nicht wahr?

Wir haben schon einmal miteinander gesprochen, nach Ihrem Film «Bowling for Columbine».
Genau, und ich habe Sie bestimmt gefragt, ob Sie ein Gewehr im Schrank haben wie alle Schweizer Männer. Haben Sie eines?

Damals ja. Jetzt nicht mehr. Ich konnte es abgeben, altershalber.
Verrückt. Aber deswegen haben Kanada und die Schweiz nach den USA die meisten Toten mit Feuerwaffen, obwohl ihr nicht besonders gewalttätig seid. Sondern einfach weil ihr so viele Waffen herumliegen habt. Hier in Kanada gibt es mehr Jäger als Hockeyspieler. Wenn du zum Beispiel Depressionen hast, ist es um vieles einfacher, die Waffe zu nehmen und dich umzubringen. Aber all dies kommt nicht an die Zahlen heran, die wir in den USA haben. Wir sind die schlimmsten Waffennarren.

Gegen Ende des Films vergleichen Sie Trump mit Hitler.
Macht Ihnen das Angst als Europäer?

Ich finde es ein starkes Stück.
Schauen Sie, ich bin immer noch Satiriker. Und Trumps Worte aus Hitlers Mund zu hören, war einfach zu verlockend.

Mehr steckt nicht dahinter?
Doch, natürlich. Schauen Sie genau, was ich zeige. Deutschland war das kultivierteste Land der Welt, voller grandioser Intellektueller und Künstler. Und doch konnten dort die Faschisten die Macht ergreifen. Wenn ich also über Deutschland spreche, dann geht es mir nicht um Hitler und die Nazis. Sondern um die Titelseite jener jüdischen Wochenzeitung aus Frankfurt, die nach der Machtergreifung sinngemäss schrieb: Naja, es wird nicht so schlimm werden mit Hitler.

«Der nächste Faschismus kommt mit einem Lächeln im Gesicht und einer TV-Show.»

Das war so?
Da stand, Hitler sei zwar ein verrückter Kerl, aber die Menschen um ihn herum hätten ihn schon im Griff. Die Quintessenz war: Beruhigt euch mal, Leute. Ihr macht da eine zu grosse Sache daraus. Es wird schon gut kommen. Das höre ich auch bei Trump immer.

Sie dagegen glauben, wir stehen vor einer faschistischen Machtübernahme?
Es besteht zumindest die Möglichkeit. Ein Buch aus den 1980er-Jahren hat mich inspiriert, «Friendly Fascism» von Bertram Gross. Lesen Sie es. Dann werden Sie sehen: Der nächste Faschismus kommt nicht mit Viehwagen und Konzentrationslagern. Sondern mit einem Lächeln im Gesicht und einer TV-Show.

Sie sind so pessimistisch?
Manchmal komme ich mir wirklich vor wie die Protagonisten im Film «Matrix». Hoffnung gibt es nicht. Aber vielleicht finden wir einen Ausweg, das berühmte Portal.

Und das wäre?
Neue Menschen, die sich in der Politik engagieren, wie diese Kids, die die Schiesserei von Parkland, Florida, überlebt haben und jetzt gegen die Waffenlobby kämpfen. Oder diese muslimische Single-Mutter aus Detroit, die für Michigan in den Kongress ziehen wird. Oder die zornigen Wählerinnen, die zu den Halbzeitwahlen am ­6. November gehen werden. Ich glaube, es standen noch nie so viele Frauen zur Wahl. Die müssen den Unterschied machen.

Dann sind Sie doch zuversichtlich?
Auf keinen Fall. Auch 2016 waren alle sicher, dass Hillary gewinnen würde. Das Problem ist: Wenn man zu siegessicher ist, will sich keiner abrackern. Niemand will die Kohlen aus dem Feuer holen. Das unterscheidet uns von der anderen Seite. Die arbeiten hart. Und die glauben an etwas, zum Beispiel an Gott. Aber an wen glauben wir? Bruce Springsteen? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2018, 17:50 Uhr

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