«Federer ist näher an einem Helden als Ronaldo»

Der Philosoph Dieter Thomä weiss, was moderne Helden ausmacht. Und hält Roger Federer für einen Grenzfall.

Roger Federer spendiert den Ballmädchen und Balljungen an den Swiss Indoors traditionellerweise Pizza. Foto: Keystone

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Was hat Greta Thunberg, was andere nicht haben?
Die totale Konzentration auf ihr Thema. Man sieht es sogar ihrem Gesicht an, dass sie nicht noch fünf andere Dinge am Laufen hat. Ihre Kampagne funktioniert allerdings auch deshalb, weil der Klimawandel bei vielen immer mehr an Bedeutung gewinnt, was man ja am aktuellen Wahlergebnis ablesen kann.

Ein 16-jähriges Mädchen taugt also als moderne Heldin?
Ich würde sie eher als Heldin in der Probezeit bezeichnen.

Was macht echte Helden aus?
Sie müssen in uns eine bestimmte Saite anschlagen, wie zum Beispiel die Sorge ums Klima. Gleichzeitig stechen sie heraus, weil sie ihre Sache mit absoluter Entschiedenheit verfechten und uns dazu drängen, den Kurs zu ändern. Das hat Greta drauf.

Und was nicht?
Helden müssen bereit sein, Gefahren auf sich zu nehmen und sich im Extremfall für ein übergeordnetes Ziel zu opfern.

Ihr Leben zu opfern?
Genau. Es sind ja schon Leute auf der Strasse totgeprügelt worden, als sie anderen zu Hilfe eilten. ­Diese Risikobereitschaft scheint mir bei Greta noch ausbaufähig, genauso wie die Nachhaltigkeit ihres Einsatzes.

Reicht es nicht, dass sie mit Hasskommentaren eingedeckt wird?
Auch das gehört zum Heldsein: Solche Menschen polarisieren, weil sie für Werte einstehen, und diese sind in unserer individualistischen Gesellschaft selten mehrheitsfähig. Selbst diejenigen, die wir im Nachhinein als Licht­gestalten wahrnehmen, zum Beispiel Nelson Mandela oder Martin Luther King, waren in ihrer Zeit umstritten.

Sporthelden wie Roger Federer oder Cristiano Ronaldo sind aber durchaus massentauglich.
Spitzensportler sind bloss Ersatzhelden. Sie stechen mit der fast vollkommenen Ausübung einer Fähigkeit heraus, aber leisten nichts für die Gemeinschaft. Sie nehmen auch kein schweres Schicksal auf sich. Ich habe allerdings eine grosse Schwäche für Federer, und darum ist er für mich ein Grenzfall.

Das heisst?
Mir scheint, er verbindet die Perfektion des Tennisspiels mit einer grossen persönlichen Integrität. Deshalb hat er das Zeug, auch ausserhalb des Sports ein Vorbild zu sein, was ihn näher an einen Helden rückt als Ronaldo.

Wer sind Ihre persönlichen Helden?
Ich finde Wilhelm Tell grossartig, wie ihn Schiller in seinem letzten Drama auftreten lässt. Er ist ein ziemlich wilder Kerl, der den Alleingang liebt und sagt: «Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.» Am Ende geht es ihm aber nicht um den Sieg in eigener Sache, sondern darum, einen Bund zu errichten – und er wird zum Gleichen unter Gleichen. In der Gegenwart bewundere ich all jene, die dort die Stellung halten, wo es ungemütlich wird, ob dies nun ein ostdeutscher Dorfbürgermeister ist oder eine ungarische Bürgerrechtlerin. Generell nehme ich Helden in jeder Grösse, solche, die sich mit ganzen Staaten anlegen, und solche, die Menschen in der Not retten.

Schillers Wilhelm Tell. Foto: Getty

Sanitäter oder Feuerwehrleute retten Menschen in Not. Sind sie Helden?
Die befinden sich auf einer Zwischenstufe zwischen normalen Menschen und Helden. Es gehört schlicht zu ihrem Job, Leben zu retten und sich in Gefahr zu begeben; dafür sind sie auch ausgebildet. Aber ich gehe davon aus, dass Polizisten, Feuerwehrleute oder Bergretter oft vor Situationen stehen, in denen selbst ihnen nicht klar ist, ob sie noch ihre Pflicht erfüllen oder schon eine Heldentat vollbringen.

Woher kommt unsere Sehnsucht nach Helden?
Der Philosoph Immanuel Kant hat gesagt, dass der Mensch «aus krummem Holz geschnitzt» sei. Wir sind also nicht perfekt, wir haben Ecken und Kanten, Schwächen und Grenzen. Gleichzeitig träumen wir aber davon, nicht nur «krumm» und gebrechlich zu sein, sondern etwas Besonderes zu vollbringen. Wir sind gewissermassen ins Gelingen verliebt. Und so bewundern wir diejenigen, die das Zeug zur Grösse haben.

Wir können an diesen Superhelden nicht wachsen. Wir denken nicht: Wenn der es geschafft hat, kann ich es vielleicht auch mal probieren.Philiosoph Dieter Thomä

Boomen deshalb Blockbuster mit Superhelden?
Natürlich, gleichzeitig empfinden wir aber ein Unbehagen, weil in unserem Verständnis alle Menschen gleich sein sollten und der Solidaritätsgedanke eigentlich auch keine herausragenden Figuren verträgt. Vielleicht haben wir das Heldentum auch deshalb in die Scheinwelt des Kinos verbannt. Leider zementieren wir damit bloss die Kluft zwischen uns und den Helden. Wir sitzen im Publikum und werden beim Popcorn-Essen immer dicker, während auf der Leinwand ein schlanker Alleskönner die Welt rettet.

Was ist daran verkehrt?
Wir können an diesen Superhelden nicht wachsen. Wir denken nicht: Wenn der es geschafft hat, kann ich es vielleicht auch mal probieren. Es gibt aber eine Anbindung der Superhelden an reale politische Entwicklungen, und vielleicht sollte man sich daran erinnern, wenn man ins Kino geht.

Erfolgreiche Unternehmer wie Jobs sind am Schluss immer die eigenen Nutzniesser. Philosoph Dieter Thomä

Nämlich?
Viele sind zu einer Zeit entstanden, in der sie ihren Beitrag zu ganz konkreten politischen Herausforderungen leisten sollten. Superman ist von den amerikanischen Juden Jerry Siegel und Joe Shuster erfunden worden, um den Kampf gegen Hitler anzuspornen. Wonder Woman von William Moulton Marston und seiner Frau Sadie, weil sie in den 1940ern die Emanzipation vorantreiben wollten.

Sind Helden eigentlich eitel?
Eben nicht. Für sie zählt die Sache, nicht das Ego. Das unterscheidet sie von Scheinhelden wie Donald Trump oder Kim Kardashian, die ihre Follower jeden Tag zählen müssen und bei allem, was sie tun, auf Bewunderung setzen.

Was ist mit Visionären wie Steve Jobs oder Elon Musk?
Ich sehe in Technologiepionieren keine wirklichen Helden. Sie verfolgen zwar innovative Ideen, aber sie wollen immer auch Geld verdienen.

Das heisst: Der Kapitalismus bringt keine Helden hervor?
Nein, erfolgreiche Unternehmer wie Jobs sind am Schluss immer die eigenen Nutzniesser.

ermutigen uns, selbst etwas zu bewegen. Ihre Botschaft ist: Wenn ich das kann, dann könnt ihr das möglicherweise auch. Greta ist in diesem Sinn ein sehr gutes Beispiel, auch wenn sie erst in der Probezeit ist. Philosoph Dieter Thomä

Sie plädieren für einen neuen Helden: den Verteidiger der Demokratie. Sind Helden in einem demokratischen System nicht fehl am Platz?
Überhaupt nicht. Die Demokratie funktioniert nicht einfach so. Sie ist kein Automatismus, sondern eine ständige Baustelle, weil sie von der Beteiligung der Bürger erfüllt ist, die sie leben. Ich stelle fest, dass wir uns zu sehr daran gewöhnt haben, dass der Laden läuft. Wenn die Wahlbeteiligung wie am letzten Wochenende auf unter 50 Prozent sinkt, ist das der Ausdruck einer gewissen Verdrossenheit. Wir haben also durchaus Helden nötig, welche die demokratischenErrungenschaften verteidigen.

Sind dafür nicht Politiker zuständig?
Politiker üben erst einmal nur ein Amt aus. Viele enttäuschen un­sere Erwartungen, weil sie nur Sachzwänge verwalten. Sie bewegen sich in einem Korsett aus Regulierungen und Absprachen. Deshalb glaube ich nicht, dass die Demokratieverteidigung an Politiker delegierbar ist. Es ist ein Zusammenspiel aus Volk, sozialen Gruppen und Parteien, die sich für ihre Belange einsetzen. Haben viele das Gefühl, es würden Themen verschlafen, dann schlägt die Stunde von demokratischen Helden wie Greta.

Greta Thunberg mit ihrem berühmt gewordenen Schild. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Wer ist sonst noch typisch für diese Spezies?
Edward Snowden. Er war ein kleiner Sicherheitsangestellter, der öffentlich gemacht hat, dass die US-Geheimdienste ihre Bürger überwachen. Er hat dabei keine finanziellen Interessen verfolgt, sondern tat dies, um die USA zu einer besseren Demokratie zu machen. Dafür hat er auch einen sehr hohen persönlichen Preis bezahlt.

Besteht nicht bei jedem Helden das Risiko, dass er seinen Status missbraucht?
Ich würde eher sagen: Nicht jeder Held ist demokratisch.

Was ist daran schlimm?
Viele Machthaber, die sich wie Wladimir Putin als Helden inszenieren, treten das demokratische Gemeinschaftsgefühl mit Füssen. Putins autoritäre Botschaft an seine Untertanen ist: Lehnt euch zurück, ich habe die Sache im Griff, ihr seid eh zu dumm oder zu schwach dazu. Demokratische Helden indes wollen nicht, dass die anderen einfach nur Beifall klatschen.

Sie spornen uns an?
Genau, sie ermutigen uns, selbst etwas zu bewegen. Ihre Botschaft ist: Wenn ich das kann, dann könnt ihr das möglicherweise auch. Greta ist in diesem Sinn ein sehr gutes Beispiel, auch wenn sie erst in der Probezeit ist.



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Erstellt: 29.10.2019, 11:02 Uhr

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Der deutsche Philosoph Dieter Thomä hat offensichtlich eine Schwäche für Helden. Jedenfalls hat er dieser polarisierenden Spezies bereits mehrere Bücher gewidmet: «Väter. Eine moderne Heldengeschichte», «Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds» und aktuell «Warum Demokratien Helden brauchen» (Ullstein). Thomä ist Professor an der Universität St. Gallen und schreibt regelmässig für diverse Zeitungen.

Foto: Juergen Bauer

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