Ich schmolle, also bin ich

Die Generation «Schneeflocke» ist chronisch verletzt, beleidigt und konfliktunfähig – die Folgen davon sind längst spürbar.

Fragil und zerbrechlich: In den USA ist wegen der kollektiven Empfindsamkeit die Rede von der «Generation Snowflake». Bild: Getty Images

Fragil und zerbrechlich: In den USA ist wegen der kollektiven Empfindsamkeit die Rede von der «Generation Snowflake». Bild: Getty Images

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Nur Minuten nach Bekanntgabe von Karl Lagerfelds Tod am Dienstagmorgen wurde Instagram von Beileidsbekundungen geflutet. Die Bestürzung war riesig, und doch gab es inmitten des rasend schnell anschwellenden Betroffenheitsstroms solche, die keineswegs trauerten. Stimmen, die stattdessen fragten, wieso eigentlich niemand sage, dass Karl Lagerfeld die Frauen regelmässig diffamiert und die Sängerin Adele zum Beispiel einst «ein bisschen fett» genannt habe. Das sei beleidigend und gehöre verurteilt.

So pietätlos das wirken mochte, es passte. Denn beleidigt zu sein, ist zum Volkssport geworden; irgendwer fühlt sich heute immer herabgewürdigt, gering geschätzt und natürlich: verletzt. Es ist ein regelrechter Wettbewerb darum entbrannt, wer sich heute wieder «verletzt» nennen darf, denn man ist nicht nur sensibel, man ist hochsensibel, und zwar vor allem dann, wenn es um einen selbst geht. In den USA ist wegen der kollektiven Empfindsamkeit die Rede von der «Generation Snowflake» – also «Schneeflocken», weil die so zart und fragil sind.

Das studentische Geheul war so laut, dass man einknickte und den General woanders auftreten liess.

Tatsächlich geht es aber nicht bloss um empfindsame junge Menschen bis 30. Die «Schneeflocken» sind längst überall. In den vergangenen Wochen waren die Männer beleidigt wegen einer Rasierklingenwerbung und weil Männlichkeit vom amerikanischen Fachverband der Psychologen als toxisch bezeichnet worden war. Die Sadomaso-Szene fühlte sich diskriminiert, weil die Tierschützer mit dem Slogan «Kein Tier hat Lust, gequält zu werden» Werbung machte. In Deutschland war die vegane Gemeinschaft verschnupft, weil die Fernsehköchin Sarah Wiener auf ihrer Facebook-Seite einen kritischen Artikel über die Zusammensetzung von Mandelmilch gepostet hatte. In England zeigten sich die berufstätigen Frauen ohne Kinder empört, weil gemäss einer Untersuchung nicht sie, sondern die berufstätigen Mütter am meisten belastet sein sollen. Lara Gut-Behrami ist immer mal wieder beleidigt, wenn nicht wunschgemäss über sie berichtet wird.

Und fast jedes Semester geraten an irgendeiner Universität Studierende ausser sich, weil missliebige Rednerinnen und Redner eingeladen werden, zum Beispiel US-General David Petraeus an der ETH Zürich 2017. Das studentische Geheul war so laut, dass man einknickte und den General woanders auftreten liess.

An Unis wird die Auseinandersetzung verhindert

Es gibt bereits ein Verb für diese Art von Protest seitens der Studierenden, die sich allein dadurch, dass jemand eine andere Meinung hat, beleidigt fühlen und daher einen Auftritt dieser unliebsamen Person verhindern wollen: «No-platforming» – jemandem keine Bühne geben. Oder, anders gesagt: jemanden daran hindern, Ansichten zu äussern, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen. Weil das verletzend ist. Und offenbar Rechtfertigung genug, deswegen ein Sprechverbot zu ­fordern.

Damit geht es, ausgerechnet an Unis, nicht mehr um den akademischen Diskurs von Rede und Gegenrede, nicht mehr um eine Debatte oder eine Auseinandersetzung, um einen Wettstreit um das beste Argument oder einfach ums Zuhören. Es geht auch nicht um Neugierde oder um Offenheit oder um die Bereitschaft, den eigenen Horizont zu erweitern. Es geht schlicht nicht mehr um ­Inhalte – sondern vor allem um Gefühle.

Hypersensibilität ist zum Alleinstellungsmerkmal geworden, zu einer erstrebenswerten Charaktereigenschaft, die wie ein Banner mit stolzgeschwellter Brust vor sich her getragen wird. Und in deren Namen von vornherein jegliche Kritik unmöglich gemacht wird, im Sinne von: Nur schon, dass du mich sensibel nennst, verletzt mich, mit dir rede ich nicht, du Grobian!

Helikoptereltern impfen es ihren Kindern ein

Dass es seither den Begriff «Mikro-Aggression» gibt, verwundert nicht: Selbst die harmloseste Bemerkung kann verletzend sein und eine ganze Gruppe, sei sie noch so klein, diskriminieren, wobei es keine Rolle spielt, ob es absichtlich passiert oder nicht, entscheidend ist, dass sich jemand dadurch verletzt fühlt. Oder fühlen könnte.

Verantwortlich gemacht für das Zelebrieren der chronisch empört bebenden Unterlippe und der grassierenden Dünnhäutigkeit wird die Generation Snowflake. Also die bis zu 30 Jahre jungen Erwachsenen, die festgezurrt im Suva-geprüften Kindersitz mit Helm auf dem Kopf und sonnenschutzfaktoroptimierter Kleidung beim täglichen Hin- und Herchauffieren im SUV ihrer Eltern vor allem eines mit auf den Weg bekamen: Ihr seid so einzigartig wie zerbrechlich. Eben wie: Schneeflocken.

Konfliktunfähige Kinder der Babyboomer

Der Begriff stammt aus dem 1996 erschienenen Roman «Fight Club» von Chuck Palahniuk; in der gleichnamigen Verfilmung sagt Brad Pitt: «Ihr seid nichts Besonderes. Ihr seid keine herzigen und einzigartigen Schneeflocken. Ihr seid Biomasse, die verrottet – wie alle anderen auch.» Der Ausdruck existierte allerdings bereits vorher; in den Siebzigerjahren wurden damit abschätzig weisse Männer bedacht oder schwarze Männer, die sich weiss gebärdeten. Und noch früher, Mitte des 19. Jahrhunderts, war es ein Übername für jene Amerikaner, die von der Unterlegenheit der Schwarzen überzeugt waren und gegen die Abschaffung der Sklaverei opponierten.

Populär wurde der Begriff aber letztlich durch Palahniuk. Ab 1999 schlich er sich langsam in die Alltagssprache ein – meist verwendet von Rechten, die sich damit über die Empfindsamkeit von Linken oder deren Beharren auf politische Korrektheit lustig machten. «Snowflake» wurde als Schimpfwort im Englischen so notorisch, dass es 2016 offiziell vom britischen Collins Dictionary aufgenommen wurde. Es handle sich dabei um «junge Erwachsene der 2010er-Jahre, die als weniger widerstandsfähig gelten und schneller dazu neigen sollen, in ihren Gefühlen verletzt zu sein als vorherige Generationen», lautete die Definition.

Zur Lebensuntüchtigkeit erzogen

Im Grunde aber können die nicht sehr schmeichelhaft beschriebenen jungen Erwachsenen nichts dafür. Der renommierte Harvard-Professor und Autor Steven Pinker etwa erklärte unlängst im «Telegraph», an der um sich greifenden Hypersensibilität sei die politische Korrektheit schuld, denn die schade mittlerweile mehr, als dass sie nütze. Und er nimmt die Eltern der «Schneeflocken» in die Pflicht, konkret die Babyboomer, die ihren Nachwuchs vor sämtlicher Unbill beschützt haben, so lange und so sehr, bis er nun nicht mehr konfliktfähig ist.

Zum selben Schluss kommen auch Greg Lukianoff und Jonathan Haidt in ihrem Ende letzten Jahres erschienenen Buch «The Coddling of the American Mind». Lukianoff, Anwalt, und Haidt, Psychologieprofessor an der New York University, sind zutiefst besorgt über das Heranwachsen einer Generation, die derart verzärtelt sei, dass sie nicht mehr mit Tief- oder Rückschlägen umgehen könne, zu fragil sei, um mit den Widrigkeiten des ganz normalen Alltags fertig zu werden, ja, dass da aus falsch verstandener Sensibilität eine ganze Generation recht eigentlich zur Lebensuntüchtigkeit erzogen werde.

Nach der Wahl Donald Trumps wurde nur geschluchzt

Die Reaktionen auf das Buch waren selbstverständlich: beleidigt. Dabei bezweifeln Lukianoff und Haidt nicht, dass Jugendliche in den USA wie in Europa und der Schweiz tatsächlich vermehrt mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, sie unterstellen ihnen keineswegs Simulantentum – die beiden Autoren sehen im Anstieg der Erkrankungen vielmehr den Beweis ihrer These: dass sich fehlende Widerstandsfähigkeit und fehlende Frustrationstoleranz in einer Überforderung mit all den grösseren und kleineren Problemen, die das Leben halt so mit sich bringt, äussere. Wer bereits eine andere Meinung als Affront empfindet, sich durch die leiseste Kritik verletzt fühlt und die Welt in Gut und Böse einteilt, wer nicht gelernt hat, Kompromisse zu schliessen oder auch mal auf die Zähne zu beissen, hat es schwer draussen in der Welt.

An amerikanischen Universitäten gibt es längst «Safe Spaces», also spezielle Räume, in die sich Zartbesaitete mit Gleichgesinnten zurückziehen können, um sich nicht den verstörenden Äusserungen Andersdenkender aussetzen zu müssen. Vor gewissen Literaturvorlesungen werden «Trigger-Warnungen» herausgegeben, auf dass nicht durch eine Gewalt­szene in einem Roman Traumata ausgelöst würden. Und am Tag, nachdem Donald Trump gewählt worden war, verteilten amerikanische Elite-Unis Ausmalbücher und organisierten Therapiehunde zum Streicheln, um die aufgewühlten Studierenden zu beruhigen. Denn da war keine Wut, da war keine Kampfeslust, da war keine Rebellion – da war nur Schluchzen. Lukianoff und Haidt sprechen von «erlernter Hilflosigkeit».

Nicht weniger als die Infantilisierung einer Gesellschaft

Das mag amüsant oder alarmistisch klingen, nach amerikanischer Hysterie gar, bloss: Die Folgen davon sind längst überall spürbar, auch hier. Kritik etwa soll bitte nur positiv formuliert werden, auch unter Erwachsenen. Kinder, die zu einem Geburtstagsfest eingeladen sind, erhalten alle ein Geschenk, damit sich keines benachteiligt fühlt. Und als letztes Jahr die Statistik zeigte, dass mittlerweile jede fünfte Lehre im Kanton Zürich abgebrochen wird, erklärte Werner Scherrer, der Präsident des Zürcher KMU- und Gewerbe- sowie des Zürcher Lehrbetriebsverbandes, die hohe Abbruchquote unter anderem damit, dass Lernende heute weniger Biss hätten und weniger stressresistent seien.

Was Lukianoff und Haidt beschreiben und worin das eigentliche Problem der «Schneeflocken» besteht, ist nicht weniger als die Infantilisierung einer Gesellschaft, die zwar dauernd davon redet, dass die Weltlage komplizierter und anspruchsvoller sei als je zuvor – sich aber nicht dafür rüstet, sondern es vorzieht, zu schmollen.

Erstellt: 23.02.2019, 18:43 Uhr

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