«Ich spiele Gitarre wie ein Klempner»

Rock-Legende Mark Knopfler über «wahre Musiker», sein berühmtes «du di pi duu» und eine Ohrfeige für Mick Jagger.

«Ich habe nie Musik für Geld gemacht, wenn ich nicht wollte. Und ich fang sicher nicht jetzt damit an»: Mark Knopfler, 69. Foto: Getty Images

«Ich habe nie Musik für Geld gemacht, wenn ich nicht wollte. Und ich fang sicher nicht jetzt damit an»: Mark Knopfler, 69. Foto: Getty Images

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An einem zugigen Vormittag in der englischen Hauptstadt: Vor der Tür seines Studios stehen Sportwagen, drinnen empfängt Mark Knopfler, 69, tiefenentspannt an einem Schreibtisch sitzend. Maulfaul sei der Musiker, war zu lesen. Ist er gar nicht. Er ist nur sehr, sehr ruhig – ausser bei den ewigen Fragen nach den Dire Straits. Da muss er dann doch lachen.

Mr. Knopfler, Sie singen auf Ihrem neuen Album von Kinderträumen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Von was haben Sie selbst als Junge geträumt?
Ich wollte Kapitän sein oder zumindest Chef von irgendwas. Und ich wollte eine Gitarre. Aber erst später, als Teenager, wusste ich dann auch, dass ich eigene Lieder darauf spielen wollte, dass ich Songwriter werden wollte. Wie alt sind Sie?

Ich bin 38.
Dann wissen Sie, dass sich vieles anders verhält, als man sich das erst gedacht hat. Journalismus ist vielleicht nicht das, was Sie sich darunter vorgestellt haben.

Bei Ihnen verhielt es sich anscheinend so, Sie waren selbst einmal Journalist. Warum haben Sie aufgehört?
Ich hielt mich nicht für tough genug. Aber ich treffe mich immer noch regelmässig in Soho zum Frühstück mit zwei Freunden, die ich damals mit 18 am Journalisten-College kennen gelernt habe. Da sitzen wir dann zusammen, drei alte Typen. Der eine war Herausgeber des «Melody Maker». Der andere wurde Politikchef bei der «Times». Er ist jetzt in Rente, immer noch ein unglaublicher Gedanke für mich.

Sie sind Musiker, Sie müssen nicht in Rente gehen.
Ich bin kein Musiker. Ich bin Songwriter, ich will nicht kleinlich sein, aber das ist etwas anderes.

Oh, sorry.
Meine Begleitband besteht aus Musikern, grossartigen Musikern. Schauen Sie auf diese Liste, diese Leute spielen hier im Studio nachher eine grosse Filmmusik ein. Klarinetten, Fagotte, Trompeten. Hier steht er: Ian Thomas, ein Schlagzeuger durch und durch. Er ist so gut, ein ganz anderes Level als ich.

Sie werden regelmässig in die Liste der besten Gitarrenspieler der Welt gewählt.
Mein Spiel ist ordentlich. Aber es hat unter meinem Leben als Songwriter gelitten. Ich würde gerne besser werden, bräuchte aber einen Lehrer, wahrscheinlich einen Jazz-Gitarristen, der damit klarkommt, dass ich wie ein Klempner spiele. Er müsste mir etwas Unorthodoxes beibringen, mich vor ein Problem stellen, eines, das mich üben lässt. Und eine Woche später schauen wir, was daraus geworden ist.

Sie fühlen sich überschätzt, wenn ich Sie einen Musiker nenne?
Absolut überschätzt. Es ist einfach etwas anderes. Fragen Sie meinen Schlagzeuger.

Vielleicht haben Sie gerade ganz nebenbei den Unterschied verraten zwischen Ihrem früheren Leben als Bandleader und dem heutigen als Solist, der nach Belieben Musiker anheuert.
Was meinen Sie?

Kennen Sie die Geschichte, als Mick Jagger nachts in seinem Hotelzimmer gefeiert und Charlie Watts angerufen hat?
Nein, erzählen Sie.

Jagger fragte: «Ist da mein Drummer?» Watts hat aufgelegt, hat seinen Anzug angezogen, ist zu Jaggers Zimmer gegangen und hat geklopft. Als der betrunkene Jagger ihm öffnete, hat Watts ihm eine gescheuert und gesagt: «Nenn mich nie wieder deinen Drummer.» Sie hingegen können sich das heute leisten, ohne sensible Egos zu verletzen.
Okay, trotzdem war es vielleicht nicht richtig, Ian als «meinen Schlagzeuger» zu bezeichnen. Der Mann ist Professor an der Royal Academy.

Meine erste CD war von den Dire Straits.
Mein Beileid.

Und es war eine der ersten CDs überhaupt. Sie waren in den Achtzigern nicht nur eine der erfolgreichsten Bands, sondern auch digitale Pioniere.
Das war purer Zufall, für mich war «Brothers in Arms» einfach nur ein weiteres Album. Aber Philips hatte das Format gerade eingeführt und wollte es gross vermarkten. Und wir waren gross.

Ich war klein, konnte kaum Englisch und dachte, «Brothers in Arms», also Waffenbrüder, bedeutete: Brüder, Arm in Arm.
Es ist verblüffend. Man schreibt einen Song, nimmt ihn auf, veröffentlicht ihn, und dann führt er ein eigenes Leben.

Ich dachte, «Brothers in Arms» sei eine Art Familienlied, über Ihren Bruder und Sie, die beiden Gitarristen der Band.
Nein, es handelt eigentlich von der Allianz der Russen mit der Junta in Argentinien im Falklandkrieg gegen Grossbritannien. Beide Seiten nutzten das Lied in den Achtzigern für ihre Zwecke.

Ihre Band ist damals auf endlose Touren gegangen.
Wir konnten unsere Instrumente spielen, das wussten die Leute, deswegen wollten sie uns live sehen.

Heute erzielen die meisten Musiker ja den Grossteil ihrer Einkünfte damit, Konzerte zu spielen . . .
Einige von ihnen spielen.

Wie?
Einige von ihnen spielen.

«Die Musik, die man als Kind oder als Student gehört hat, bleibt einem für immer»: Mark Knopfler bei einem Auftritt der Dire Straits, 1985. Foto: Getty Images

Ach so, Sie meinen: Nicht alle spielen selber? Zumindest geben sie alle Shows.
Sie geben Shows, genau.

Jedenfalls waren die Dire Straits zu einer Zeit aktiv, als man noch genug Geld mit Platten und CDs verdiente. Warum haben Sie sich trotzdem diesen monströsen Stress mit Hunderten Auftritten angetan?
Weil wir verrückt danach waren!

Und doch hat es Sie fertiggemacht. Sie hätten damals die Kontrolle über den Tourplan an sich reissen können, Sie waren der unumstrittene Star.
Das hätte ich vielleicht tun sollen. Aber wenn man etwas liebt, wenn da dieses gewaltige Bedürfnis ist, dann macht man es einfach. Deshalb bleiben heute so viele Musiker auf der Strecke. Ein Freund arbeitet in Los Angeles bei einer Plattenfirma, er erzählte mir von einem jungen Musiker, der eine Tour mit 39 Konzerten spielen sollte. Der sagte: «Was, 39 Konzerte? Ich mach das hier doch nicht, um zu arbeiten!» So einen kann man sofort abschreiben.

Ihr Bruder hat die Band einst im Streit verlassen, Sie haben sich nie mehr vertragen.
Menschen haben nun mal unterschiedliche Vorstellungen davon, welchen Weg sie gehen und mit wem sie arbeiten wollen.

Sie haben sich nicht einmal zusammengerauft, als die Dire Straits dieses Jahr feierlich in die Rock 'n' Roll-Hall of Fame aufgenommen wurden.
Ich war nicht wirklich interessiert. Aber ich habe etwas anderes Spannendes gemacht. Ich habe nicht nur ein neues Album aufgenommen, sondern auch ein Musical geschrieben. Ich habe versucht, zwei Pferde gleichzeitig zu reiten.

Die Frage nach der Hall of Fame mögen Sie nicht beantworten, oder?
Doch, sicher. Die Organisatoren haben angerufen und Ansagen gemacht, die mir nicht gefallen haben: Wir haben dazu diesen und jenen eingeladen, das habt ihr zu machen, und danach redet ihr noch mit den Journalisten. Aber mir sagt niemand, was ich zu tun habe.

Eine Reunion hätte viel Geld gebracht.
Ich habe auf Bauernhöfen gearbeitet und Lastwagen beladen, aber ich habe nie Musik für Geld gemacht, wenn ich nicht wollte. Und ich fang sicher nicht jetzt damit an.

Letzter Versuch: Sie träumen nicht doch heimlich von einer Wiedervereinigung?
Oh nein. Auf keinen Fall.

Als Solist gehen Sie kommendes Jahr wieder auf Tour, mit Begleitband.
Aber nicht mehr so intensiv wie früher. Ich spiele nicht mehr jeden Abend, heute gönne ich mir nach drei Konzertabenden einen freien Tag, opamässig.

Sie werden sicher wieder Sachen Ihrer ehemaligen Band ins Programm aufnehmen. Nervt es nicht, immer wieder die alten Lieder zu spielen?
So was kann leicht passieren. Aber nicht mir. Ich habe diese Lieder geschrieben, ich mag sie sehr gerne, und ich versuche auch, sie so gut wie möglich zu spielen. Aber fragen Sie mal die Musiker, für die ist es wahrscheinlich anders.

Denken Sie an die alten Zeiten, wenn Sie die alten Lieder spielen?
Natürlich. Und ich denke über die Lieder nach. «Brothers in Arms» zum Beispiel. Es beginnt mit «du di pi duu». Dieses Eins-zwei-drei-vier, das war ursprünglich nur improvisiert. Ich habe danach immer mal wieder versucht, die Noten zu ändern. Aber nichts funktioniert, es ist einfach nicht der Song. Wenn ich jetzt mit diesen vier Noten anfange, freut sich der ganze Saal, weil sie so wiedererkennbar sind. Sie gehören zur Architektur des Liedes.

Zur Architektur Ihrer Werke gehört, dass sie lang sind. Sehr lang.
Ja, aber ich passe mich mittlerweile dem Zeitgeist an. Gestern früh spielte ich akustisch «Romeo and Juliet» fürs Radio und liess den kompletten Mittelteil weg. Ich habe es gekürzt von . . . ich weiss nicht, jedenfalls war es viel zu lang, auf drei, vier Minuten. Und wissen Sie, was? Das hat niemand gemerkt.

Auf das berühmte Solo am Ende von «Sultans of Swing» lassen Sie live aber immer noch gute zehn Minuten warten.
Soll ich es gleich am Anfang bringen? Es ist schon seltsam: Wenn ich diese paar schnellen Noten nicht spiele, ist es nicht «Sultans of Swing», zumindest nicht für die Fans. Und dafür haben sie ja die Karten gekauft.

Sie sind keine Jukebox. Bob Dylan macht doch auch, was er will.
Bob spielt aber auch immer «Like a Rolling Stone» und «All Along the Watchtower».

Vor sechs Jahren waren Sie gemeinsam mit Dylan auf Tour. Wie lange werden die Menschen diese Art Musik noch hören?
Wenn es heute Menschen gibt, die meine alten Lieder hören, dann wird es auch in Zukunft noch Menschen geben, die sie hören.

In den USA hat Hip-Hop 2017 zum ersten Mal Rockmusik als beliebtestes Genre verdrängt.
Alles kommt wieder. Die Menschen ändern sich nicht, es ist wie mit Kaugummi. Den hat es in den Fünfzigern, Sechzigern und so weiter gegeben, in unterschiedlichen Formen, aber er ist nie verschwunden.

Sind Sie selbst ein nostalgischer Hörer?
Schon. Die Musik, die man als Kind oder als Student gehört hat, die bleibt einem für immer. Ich habe früher Cliff Richard gehört, ich weiss nicht, ob Ihnen das bewusst ist, aber er war ein Rocker! Ich habe vor ein paar Wochen mit ihm gespielt, da hat sich für mich ein Kreis geschlossen.

Alte Liebe.
Ja, die wird man nicht mehr los. Genauso meine Liebe zu Gitarren, die passt auch nicht mehr richtig in die Zeit. Ab und zu treffe ich noch Rudy Pensa, er hat einen Gitarrenladen in New York, den schönsten der Welt. Wir kennen uns seit 40 Jahren. Und über was reden wir, wenn wir uns treffen? Immer noch über Gitarren. Ich denke, das lässt sich nicht mehr reparieren.

Über den Gitarrenbauer John Monteleone haben Sie sogar ein Lied geschrieben.
Ich habe eine Monteleone, die in 30 Jahren noch schöner klingen wird als heute. Aber diese Kunst hat keinen Platz in der modernen Welt. Monteleone findet keinen Lehrling, die Kids haben nicht mehr die nötige Geduld. Es hat sich so viel verändert.

Früher war alles besser?
Auf jeden Fall waren die Sitten andere, ich denke an die scheinheilige Finanzbranche. Vor 40 Jahren waren die Banken sicher vertrauenswürdiger. Finden Sie nicht?

Ich bin 38.
Aber vielleicht erinnern Sie sich, wie Sie klein waren. Als ich ein Junge war, da gingen die Damen in der Gemeinde zur Bank und liehen sich Geld, vielleicht für ein Gartenhäuschen. Sie gingen zum Bankdirektor, damals ein angesehener Mann. Sie fragten ihn nicht einmal nach den Bedingungen. Aber irgendwann bekamen die Leute Briefe, in denen sie über das Minus auf ihrem Konto und die irren Zinsen informiert wurden. Die Musikindustrie hat auch mitgemacht. Irgendwann wollten die Plattenfirmen den Künstlern ihre Tantiemen erst ausbezahlen, wenn die danach fragten.

Und Musiker vergassen das natürlich.
Sehr oft sogar.

Vor dem Studio stehen gleich mehrere Sportwagen. Gehört einer davon Ihnen?
Der Porsche 944. Den habe ich 1988 gekauft. Aber in London bin ich heute meistens mit dem Roller unterwegs, der Verkehr bringt dich um.

Mit dem Roller?
Mit einem der grösseren, einem 300er.

Sie sangen «It was his Cobra I wanted, the car was the one», Ihr neues Album heisst «Down the Road Wherever». Dieses Motorthema ist ein Rock 'n' Roll-Klassiker – einer, der nun vom Aussterben bedroht ist.
Stimmt, das ist keine sehr romantische Entwicklung.

«Heavy Fuel», also Schweröl, für Alkohol, das einsame Herumsteuern, der Blick in den Rückspiegel – diese Metaphern werden zukünftige Generationen mit ihren selbstfahrenden E-Autos nicht mehr verstehen. Würden Sie heute anders texten?
Nein, was soll ich tun, ich bin ein Kind meiner Zeit, ich selbst fahre immer noch gerne Motorrad, zumindest auf dem Land. Ich bereue eher eine andere Art von Texten.

Welche denn?
Ich habe viele Lieder, in denen ich jemanden porträtiere, der vielleicht in einem Dilemma steckt oder so, Character Songs. Ich wollte clever sein. Heute finde ich manchmal den einfachen Weg besser, den souligen. Denken Sie an den alten Klassiker «You are my Sunshine».

Sie hätten wohl eher eine Geschichte erzählt, vielleicht: «Clara was his Sunshine».
Genau. Heute denke ich: Vergiss den Sarkasmus und die Ironie. Sei nicht zu clever.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2018, 21:11 Uhr

Der Kopf der Dire Straits

Bekannt wurde Mark Knopfler mit seinem unverkennbaren Gitarrensound, der die Gruppe Dire Straits prägte («Money for Nothing, «Brothers in Arms»). Die Band, die sich 1995 auflöste, zählt mit 120 Millionen verkauften Alben zu den erfolgreichsten der letzten Jahrzehnte. Danach startete er eine Solokarriere. Soeben erschienen ist sein neuestes Album «Down the Road Wherever». Knopfler, 69, ist zum dritten Mal verheiratet und ­Vater von vier Kindern.

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