Ich spüre was, was du nicht spürst

Fast jeder Dritte ist überdurchschnittlich sensitiv. Firmen können davon profitieren.

«Sensitivität ist eines von mehreren normalen Persönlichkeitsmerkmalen», sagt Entwicklungspsychologe Michael Plüss. Bild: Shutterstock

«Sensitivität ist eines von mehreren normalen Persönlichkeitsmerkmalen», sagt Entwicklungspsychologe Michael Plüss. Bild: Shutterstock

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Überempfindlich, anspruchsvoll, verweichlicht, nicht belastbar – es fallen einem spontan allerhand negative Synonyme ein beim Stichwort «hochsensibel», obwohl man es auch positiv interpretieren könnte: als feinsinnig, feinfühlig oder empathisch. Dass die Hochsensi­bilität gerade als Hype unter den Leiden des modernen Menschen gilt, ist dem Image auch nicht gerade zuträglich. Beinahe im Wochenrhythmus erscheinen populärwissenschaftliche Bücher, Ratgeber und Erfahrungsberichte zum Thema auf dem deutschsprachigen Markt – 15 waren es alleine in den letzten drei Monaten.

Gleichzeitig formieren sich auffällig viele Betroffene. Beim Zentrum Selbsthilfe, der Fachstelle für Selbsthilfe in der Region Basel, gab es bis vor sieben Jahren noch niemanden, der sich für eine Hochsensiblen-Selbsthilfegruppe interessierte. 2011 bildete sich die erste; seither wurde jedes Jahr eine neue gegründet. «Ich glaube aber nicht, dass es mehr Hochsensible gibt. Es liegt eher daran, dass nun der Spot auf das Thema gerichtet ist und sich erst jetzt viele verstanden fühlen», sagt Brigitte Küster Schorr.

Weder eine Krankheit noch eine besondere Begabung

Die psychologische Beraterin leitet das Institut für Hochsensibilität in Altstätten SG und hat mehrere Sachbücher geschrieben. Rund zehn Jahre ist es her, seitdem sie sich im Buch «Zart besaitet» von Georg Parlow wiedererkannt hat. Seither hat sie fast alles zum Thema gelesen, so, wie es fast alle Hochsensiblen tun, die eine Erklärung dafür suchen, warum sie fühlen, wie sie fühlen.

Die Forschung hinkt dem Hype hinterher: Es gibt weltweit nur gerade drei Dutzend wissenschaft­liche Studien zu Sensitivität bei Erwachsenen, ein wenig umfangreicher ist die Forschung bei Kindern. So kommt es immer wieder zu falschen Annahmen. Zum Beispiel, dass es sich dabei um eine Krankheit handle. «Das stimmt nicht», sagt Michael Plüss. Der gebürtige Basler ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Queen Mary University in London und einer der wenigen Forscher auf dem Gebiet. «Sensitivität ist eines von mehreren normalen Persönlichkeitsmerkmalen. Es handelt sich weder um eine Krankheit noch um eine aussergewöhnliche Begabung, obwohl eine hohe Ausprägung von Sensitivität durchaus Vorteile haben kann.»

Wahrnehmung wie durch einen Verstärker

Trotzdem werden Hochsensible gerne in die esoterische Schub­lade gesteckt, zusammen mit Rutengängern, Medien oder Telepathen. «Nichts gegen Esoterik, aber damit hat die Hochsensibilität nichts zu tun», sagt auch Brigitte Küster. Ihre warme Stimme hat etwas Beruhigendes, obwohl sie sagt: «In mir drin ist es immer laut.» Das war schon immer so. In der Schule konnte sie kaum mithalten, weil sie sich schlecht konzentrieren konnte, als Jugendliche fiel sie häufig in Ohnmacht. «Damals führte man das auf Kreislaufprobleme zurück, inzwischen weiss ich, dass sich mein Körper wegen zu vieler Reize ausgeklinkt hat.»

Hochsensible nehmen alles wie durch einen Verstärker wahr: Geräusche, Gerüche, Wettereinflüsse. Das ist laut der amerikanischen Psychologin Elaine Aron, die den Begriff Hochsensibilität Ende der Neunzigerjahre geprägt hat, eines von vier Merkmalen des Wesenszuges. Zudem sehen, hören oder spüren Hochsensible Dinge, die anderen nicht auffallen: die Stimmung des Gegenübers, die Naht des Shirts auf der Haut; oft haben sie einen höheren Sinn für Ästhetik. Sensitive grübeln lange über Dinge nach, neurologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass ihr Hirn Reize intensiver verarbeitet. Schliesslich empfinden sie Emotionen – negative wie posi­tive – stärker und länger als andere.

Hochsensible spüren Dinge, die andere nicht wahrnehmen, und werden oft als Esoteriker abgestempelt. Foto: Fredrik Broden/Renee Rhyner

Die 56-jährige Kindergärtnerin Carmen Schmid, die in Wirklichkeit anders heisst, kennt das alles. Dass sie hochsensibel ist, behält sie lieber für sich, nur ihre Familie und engere Bekannte wissen davon. Auf den Sensibelchen-Stempel kann sie gerne verzichten, den hatte sie als Kind lange genug. Auch sie fand sich in einem Buch über Hochsensible wieder und verstand plötzlich, warum sie sich beim Lädele oder im Job alle paar Stunden kurz ausklinken muss, warum sie bei einem Konzert manchmal die Augen schliessen muss, wenn die Angespanntheit des Orchesters sie so sehr ablenkt, dass sie die Musik kaum mehr hört, warum sie sich bei schönen Erlebnissen oft so sehr freut, dass sie weinen könnte.

Ob man selber sensitiv ist, lässt sich anhand eines 12-teiligen Fragenkatalogs herausfinden, den Michael Plüss, basierend auf Elaine Arons ursprünglich 27 Punkten, entwickelt hat. Es sind Fragen wie: Finden Sie es unangenehm, wenn Sie viel um die Ohren haben? Nehmen Sie Feinheiten in Ihrer Umgebung wahr? Die Chance ist gross, sich wiederzuerkennen: Laut Plüss weist fast jede dritte Person eine hohe Sensitivität auf. Weitere 30 Prozent sind grundsätzlich weniger sensibel, die übrigen 40 Prozent befinden sich in der Mitte. Zur Veranschaulichung bezeichnet Plüss die Sensitiven als Orchideen: Sie reagieren stark auf äussere Bedingungen und trumpfen so richtig auf, wenn diese optimal sind – ganz anders als der Löwenzahn, der relativ unbeeindruckt von jeglichen Umständen – positiven wie negativen – vor sich hin wächst. Die Normalsensiblen gelten als Tulpen, die Übergänge sind fliessend.

Arbeit im Grossraumbüro wird zum Albtraum

«Der Fragebogen ist jedoch nicht perfekt», gibt Plüss zu bedenken. Frauen fühlten sich von den Formulierungen womöglich stärker angesprochen, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass sie bei den Sensitiven in der Mehrzahl sind. Man sei nun daran, objektive Massstäbe zu finden, etwa mithilfe der Gehirnforschung. «Wir wissen auch, dass die Genetik einen grossen Einfluss darauf hat, wie sensitiv man ist.»

Von einer neurologischen Studie weiss man etwa, dass Hochsensitive eine erhöhte Aktivität der Spiegelneuronen aufweisen und somit empathischer sind. Erkenntnisse wie diese lässt der Betriebswirtschafter Patrice Wyrsch in seine Doktorarbeit zu Sensitivität im Unternehmenskontext einfliessen, die er an der Uni Bern verfasst. «Wir gehen davon aus, dass Firmen davon profitieren, wenn die Belegschaft aus verschiedenen Sensitivitätsgruppen besteht, denn jede hat Vor- und Nachteile», sagt Wyrsch. Hochsensible verhalten sich prosozialer und haben ein gutes Gespür, wenn es irgendwo harzt. Allerdings leiden sie auch stärker unter negativen Spannungen. Sie kommen oft auf kreativere Lösungen, weil sie länger und assoziativer über Dinge nachdenken. Für die Umsetzung der Ideen wiederum verfügen Wenigsensitive über Vorteile, weil diese fokussierter sind als Sensitive, die sich nicht selten unentschlossen verhalten.

Ausgerechnet die heutige Arbeitswelt ist für Hochsensible aber oft problematisch. Beispielsweise kommen sie mit Grossraumbüros meist noch schlechter klar als Normalsensible. Wegen der zu vielen Einflüsse sind sie schneller abgelenkt und anfälliger auf Burn-outs. Viele machen sich daher selbstständig und ­legen sich so ihre ideale Arbeitsumgebung selber ­zurecht.

«Es ist nicht nur am Arbeitgeber, für eine möglichst optimale Umgebung zu sorgen, auch Hoch­sensitive sollten einen Beitrag leisten.»Patrice Wyrsch

Sogar das Bundesverwaltungsgericht beschäftigte sich Ende letzten Jahres mit dem Thema. Eine nachweislich hochsensible Sachbearbeiterin hatte ihren Arbeitgeber gebeten, teilweise im Homeoffice oder im Einzelbüro arbeiten zu dürfen, da sie im neuen Grossraumbüro nicht zurechtkam. Weil dies nicht möglich war, wurde der Frau gekündigt. Widerrechtlich, wie das Bundesverwaltungsgericht befand.

«Es ist aber nicht nur am Arbeitgeber, für eine möglichst optimale Umgebung zu sorgen, auch Hoch­sensitive sollten einen Beitrag leisten», sagt Patrice Wyrsch. Lärmschutz- und Musikkopfhörer oder Mittagspausen, in denen man für sich sein könne, würden viel bewirken. Man werde nicht zwingend krank, nur weil man sensitiv sei. Das sieht auch Michael Plüss so: Wenn sich jemand stark über seine Sensitivität identifiziere und sie scheinbar als Ausrede benutze, sei er immer skeptisch. «Die meisten kommen mit ein paar guten Strategien problemlos durch den Alltag.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 20:01 Uhr

Sind Sie hochsensibel?

Testen Sie sich selbst.

Zum Fragebogen von Elaine Aron (Englisch): hsperson.com/test

Eine deutsche Version des Testes für Erwachsene:
hochsensitive.wordpress.com/tests

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