«Ich verbrachte meine Tage im Pornokino»

Theater-Impresario Lukas Leuenberger über seine Rettung durch Christoph Blocher und die Flucht in Alkohol und Sex.

«Dürrenmatts Nummer stand im Telefonbuch»: Lukas Leuenberger im Park des Schosshaldenfriedhofs in Bern. Foto: Tomas Wüthrich

«Dürrenmatts Nummer stand im Telefonbuch»: Lukas Leuenberger im Park des Schosshaldenfriedhofs in Bern. Foto: Tomas Wüthrich

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Es ist ein Leben wie im Film. Aus einem Pfarrhaus stammend mit sieben Geschwistern, stieg Lukas Leuenberger 23-jährig auf zum gefeierten Theater-Impresario und Medienstar. Er stellte gigantische Spektakel auf die Beine: von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» in Ins über Schillers «Tell» auf dem Rütli bis zu Brechts «Dreigroschenoper» in Berlin mit Klaus Maria Brandauer als Regisseur und Campino (Sänger von Die toten Hosen) als Mackie Messer.

Und doch endeten viele seiner Vorhaben im finanziellen Debakel. Nach einem Privatkonkurs in den 1990er-Jahren griff ihm Christoph Blocher unter die Arme und unterstützte mehrere seiner Projekte mit Millionenbeträgen. Nach einer schweren Lebenskrise hat Leuenberger nun seine Lebensgeschichte niedergeschrieben. «Es war wie eine Therapie für mich», sagt er beim Gespräch in seiner kleinen Wohnung in der Berner Altstadt.

Ihr Aufstieg begann mit einem Telefonanruf: Mit 22 Jahren riefen Sie Friedrich Dürrenmatt an, weil Sie seinen «Besuch der alten Dame» am Original- Schauplatz in Ins aufführen wollten. Wie kam es dazu?
Seine Nummer stand im Telefonbuch, also habe ich es einfach probiert. Als dann eine tiefe Stimme am anderen Ende «Hallooo» sagte, erschrak ich. Er war es persönlich! Ich erzählte ihm dann, ich sei der Enkel jenes Pfarrers, der seinem Vater in Konolfingen nachfolgte. Das wirkte.

Wie hat Dürrenmatt auf Ihr Projekt reagiert?
Er sagte, ich solle ihn besuchen kommen und ihm die Sache vorstellen. Also fuhr ich zu ihm nach Neuenburg. Er empfing mich in seinem Arbeitszimmer mit dem mächtigen Tisch und Varlins «Heilsarmee». Er öffnete eine prächtige Flasche Bordeaux. Irgendwie hatte er Freude an dem jungen, naiven Kerl vor ihm und fand, ich solle es doch versuchen.

Im Sommer 1986 war Premiere. War Dürrenmatt dabei?
Ja. Und dann noch an zwei oder drei weiteren Vorstellungen. Ich glaube, die Aufführung hat ihm gefallen – Dorftheater halt, mal was ganz anders als eine Inszenierung im Zürcher Schauspielhaus. Damals gab es derlei Freilichtproduktionen noch nicht. Das hatte alles noch eine gewisse Arglosigkeit.

Vor allem die Ringier-Medien feierten Sie als «Wunderkind».
Völlig neu war damals auch, dass ein Theater Sponsoren hatte. Ich fuhr in der Planungsphase nach Zürich und stellte Michael Ringier das Projekt vor. So kam es zur Zusammenarbeit mit der «Schweizer Illustrierten». Ringier bezahlte die Drucksachen, machte Leseraktionen und so fort. In der Kulturszene kam dies nicht gut an. Niklaus Meienberg bezeichnete mich einmal als «Ringier-Regisseur». Mein «Jeanmaire»-Projekt hingegen hat er dann hoch gelobt.

Ihre nächste Produktion, Gotthelfs «Die Schwarze Spinne» in Trachselwald, wurde ein noch grösserer Erfolg mit 90'000 Zuschauern.
Nach der «alten Dame» wurde ich plötzlich überall eingeladen, ans Filmfestival Locarno, in den Dracula Club in St. Moritz, in die Zürcher Kronenhalle. Ich dachte, mir stehe alles offen, nichts könne mehr schiefgehen. Ich lief nur noch im Anzug rum und trank Champagner. Dabei war ich mental völlig überfordert. Ich hob ab, kannte keine Grenzen mehr. Trotz des Grosserfolgs beim Publikum wurde «Die Schwarze Spinne» finanziell zum Fiasko, weil ich die Kosten nicht im Griff hatte. Und mich ebenso wenig.

Um mich über Wasser zu halten, arbeitete ich als Verkäufer in einer Buchhandlung und bekam die Häme voll zu spüren. Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich darüber freuen, wenn jemand beruflich abstürzt. Lukas Leuenberger

Sie schafften es dann trotzdem, zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft Dürrenmatts «Herkules und der Stall des Augias» im Bundeshaus aufzuführen – vor dem Gesamtbundesrat.
Viele Kulturschaffende boykottierten die 700-Jahr Feier wegen der Fichenaffäre. Dass ich das Projekt durchzog, nahmen mir viele übel. Der designierte Nationalratspräsident Ulrich Bremi setzte sich stark für mich ein. Trotzdem stand die Aufführung lange auf der Kippe. Dürrenmatts Witwe Charlotte Kerr hatte Vorbehalte. Sie meinte, ihr Mann hätte dies nie zugelassen. Seine Kinder sowie sein Willensvollstrecker Peter Nobel sahen dies anders. So kam das Projekt schliesslich doch zustande.

1991: Dürrenmatts «Herkules und der Stall des Augias» im Bundeshaus. Foto: Keystone

Das nächste Projekt über «Jahrhundertspion» Jeanmaire wurde durch das Plakat mit dem entblössten Brigadier zu einem nationalen Skandal.
Künstlerisch war es mein bisher bedeutendstes Projekt. Urs Widmer hat den Stoff grossartig umgesetzt, Rolf Lyssy das Stück mitreissend inszeniert. Und Walo Lüönd als Jeanmaire war der grosse Glücksfall. ­Jean-­maire starb leider noch während des Entstehungsprozesses, wir hatten ihn zuvor mehrmals getroffen.

Kaum je sorgte ein Theater in der Schweiz für so viel Aufmerksamkeit, trotzdem führte es Sie in den Konkurs.
Wir waren sicher zehn Jahre zu früh mit dem Projekt. Die Anwälte von Bundesrat Kurt Furgler, Alt-Bundesanwalt Rudolf Gerber und viele mehr versuchten, das Stück zu verhindern. Das Plakat, gemalt von Gottfried Helnwein, war ein Volltreffer, schreckte aber wohl auch viele Leute ab. Anfangs waren die Vorstellungen schlecht besucht. Erst, als sich dann herumgesprochen hatte, dass man sich das Stück ansehen sollte, waren die Vorstellungen ausverkauft.

Wieder ein Riesencoup, der aber kein gutes Ende nahm.
Der Konkurs war hart. Ich sass auf einem Schuldenberg von 1,6 Millionen Franken, der zum Teil noch von der «Schwarzen Spinne» stammte. Mir war damals nicht bewusst, was ein Privatkonkurs bedeutet.

Was denn?
Um mich über Wasser zu halten, arbeitete ich als Verkäufer in einer Buchhandlung und bekam die Häme voll zu spüren. Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich darüber freuen, wenn jemand beruflich abstürzt.

Blocher gehört zu den verlässlichsten Zeitgenossen, die mir je begegnet sind.Lukas Leuenberger

Dass Sie in der Schweiz wieder grosse Projekte machen konnten, haben Sie insbesondere Christoph Blocher zu verdanken, der Sie mit viel Geld unterstützte. Wie kam es dazu?
Ich begeisterte mich für Ulrich Bräker, den «armen Mann im Tockenburg». Zu dessen 200. Todestag wollte ich im Toggenburg in einem nachgebauten Shakespeare-Theater ein Stück von ihm aufführen. Wenn man ein solches Projekt durchziehen möchte, muss man die Leute vor Ort begeistern. Also nahm ich Kontakt auf mit dem damals frisch gewählten Toggenburger Nationalrat Toni Brunner, der gerade 21 Jahre alt war. Er war wie ich angefressen von Bräker. Toni stellte dann den Kontakt her mit Christoph Blocher, um das ehrgeizige Unternehmen zu ermöglichen.

1998: Bräkers «Die Gerichtsnacht oder Was ihr wollt». Foto: Willy Spiller

Blocher hat einem konkursiten Impresario einfach Geld gegeben?
Er hat mich zuerst getestet, wollte wissen, ob ich es wirklich ernst meine. Das Projekt hat ihn dann fast eine Million Franken gekostet. Er hat mir inhaltlich nie reingeredet, hat aber sichergestellt, dass die Buchhaltung und das Controlling funktionieren, daran hatte es bei mir immer gehapert.

Wissen Sie, weshalb Ihnen Blocher das Geld gegeben hat? Bei «Tell» auf dem Rütli bürgte er für die Gesamtkosten von sechs Millionen Franken.
Ich glaube, bei ihm gilt: Entweder ist er überzeugt und voll dabei oder nicht. In dieser Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich: Bei einem Projekt ging ich immer aufs Ganze, bis zur Besessenheit. Zum Rütli-Projekt sagte er einmal im Schweizer Fernsehen über mich: «Der ist jetzt dermassen beseelt, fast besessen von seinem Projekt, dem kann man es in die Hände geben, der lässt es nicht einfach fallen.»

Ein Künstler, der sich mit Blocher zusammentut, das kommt in der Szene einem Pakt mit dem Teufel gleich.
Blocher gehört zu den verlässlichsten Zeitgenossen, die mir je begegnet sind. Weshalb soll es schlechter sein, Geld von einem Mäzen anzunehmen als vom Staat? Das habe ich nie verstanden.

Was ist das eigentliche Erfolgs­geheimnis von Sex? Dass man währenddessen an nichts anderes denkt. Nicht an gestern, nicht an morgen, kurzum an keinerlei Probleme.Lukas Leuenberger

Oft waren Sie bei Ihren Projekten mit dem ­Endprodukt nicht zufrieden. Woran lag das?
Wenn man jahrelang auf ein Projekt hinarbeitet, so hat man genaue Erwartungen. Das Resultat sieht dann aber immer etwas anders aus. Besonders enttäuschend war das beim «Tell» auf dem Rütli. 200 Jahre nach der Uraufführung durch Goethe als Theaterdirektor in Weimar musste nach meiner Logik wieder der Intendant des Nationaltheaters Weimar die Inszenierung übernehmen. Das war ein gewisser Stephan Märki, dem es dann wichtiger war, seiner damligen Partnerin eine neue Hauptrolle auf den Leib zu schreiben anstatt Schillers Stück adaäquat aufzuführen. Nach dem jahrelangen Kampf in Uri um das Rütli war dies für mich der finale Frust. Ich hatte danach monatelang Heulkrämpfe.

2004: Schillers «Wilhelm Tell» auf dem RütliFoto: Keystone

Speziell war auch, dass Christoph Blocher, der alles bezahlt hatte, nicht an die Premiere durfte.
Bundespräsident Joseph Deiss pochte auf das Protokoll, deshalb durfte sein Bundesratskollege Blocher nicht dabei sein. Die gesamte Thüringer Regierung war da und auch sonst allerlei Politprominenz. Nur Blocher, den Mäzen, wollte man nicht. Er kam dann aber später ein paar Mal zu Vorstellungen.

Sie hatten dann auch in Deutschland riesigen Erfolg, vor allem mit Brechts «Dreigroschenoper». Weshalb sind Sie nicht in Berlin geblieben?
Auch dieses Projekt war zu einem enormen Kraftakt geworden. Anders als vereinbart, fanden wir statt eines renovierten Theaters eine Baustelle vor. Es war zum Verzweifeln. Bis kurz vor der Premiere war unklar, ob wir überhaupt spielen können. Angela Merkel sagte zu mir: «Schauen Sie mal zu, dass Sie Ihre Baustelle in den Griff kriegen.» Danach war ich fix und fertig. Ich konnte einfach nicht mehr. Es musste sich etwas ändern in meinem Leben, das mir je länger, desto mehr vorkam wie ein Drama von Dürrenmatt: Immer, wenn ich etwas auf die Beine stellte, nahm es die schlimmstmögliche Wendung.

Ihre schlimmste Zeit hatten Sie vor einigen Jahren, als Sie bei Ihrem Projekt für ein Kaffeehaus im Berner Einsteinhaus auf brutale Weise ausgebootet wurden.
Ich dachte, das Projekt würde nach den nervenaufreibenden Theaterproduktionen endlich Ruhe in mein Leben bringen. Leider suchte ich mir die falschen Partner aus, die mich dann aus meinem eigenen Projekt rauskatapultierten. Das war das traumatische Ende meines Selbsthilfeprojekts. Ich wurde akut depressiv, war nahe am Suizid, habe nur noch getrunken und verbrachte fortan meine Tage im Pornokino. Ich war komplett auf Selbstzerstörung eingestellt.

Was tut ein schwuler Mannim Hetero-Sex-Kino?
Da wird nur zur Tarnung mit Hetero-Filmen geworben. Tatsächlich sind es Schwulentreffs. Ich würde sagen, 85 Prozent der Männer dort sind auf Männersex aus. Man schleicht in den Gängen Boys und Ladyboys hinterher, lungert stundenlang herum und wartet auf eine Gelegenheit. Es ist eine groteske Szenerie.

Eine Art Parallelwelt?
Was ist das eigentliche Erfolgs­geheimnis von Sex? Dass man währenddessen an nichts anderes denkt. Nicht an gestern, nicht an morgen, kurzum an keinerlei Probleme. Es ist die reine Ablenkung. Porno ist Flucht vor der Wirklichkeit, ähnlich wie die Betäubung durch Alkohol. Der Gang zum Pornokino wurde zum täglichen Wiederholungszwang. Erst kaufte ich etliche Dosen Billigbier, den Rest des Tages verbrachte ich in der Dunkelheit.

Ich habe keine grossen Pläne mehr. Ich würde nur wieder die gleichen Fehler machen, in die gleichen Fallen tappen.

Lukas Leuenberger

Und schauten sich die Filme an?
Es geht nicht um die Filme. Man sitzt da in Lauerstellung. Wehrt man sich nicht, hat man innert Kürze ein fremdes Gemächt in Griffnähe. Das Pornokino ist ein Ort herumstreunender notgeiler Herren mit offenem Hosenschlitz. Unfassbar absurd.

Wie fanden Sie da wieder raus?
Irgendwann spürte ich: Wenn das so weitergeht, springe ich entweder von der Brücke oder weise mich in eine Klinik ein. Ich musste raus aus dieser Dauerkrise. Also habe ich begonnen, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Es hat gewirkt. Von einem Tag auf den anderen habe ich nichts mehr getrunken, und auch das Pornokino war Geschichte.

Wie halten Sie sich finanziell über Wasser?
Es gibt da private Gönner, die mir ein bedingungsloses Grundeinkommen gewähren. Das ist das eigentliche Glück in meinem Leben, dass immer wieder Leute zu mir gehalten haben, gerade in schweren Zeiten.

Und was machen Sie jetzt?
Zuletzt habe ich mich gemeinsam mit dem Robert-Walser-Zentrum in Bern um das vergessene Grab des Künstlers Karl Walser gekümmert, dem Bruder des Schriftstellers Robert Walser. Von denen ist auch in meinem Buch die Rede. Solche kleinen Sachen bereiten mir Freude. Darüber hinaus habe ich keine grossen Pläne mehr. Ich würde nur wieder die gleichen Fehler machen, in die gleichen Fallen tappen.



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Erstellt: 16.11.2019, 21:11 Uhr

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Der Mann fürs Spektakel

Lukas Leuenberger wurde 1962 als siebtes von acht Kindern in der Pfarrersfamilie von Steffisburg BE geboren. Nach einer Lehre als Buchhändler wurde er mit spektakulären Theaterprojekten zur nationalen Berühmtheit. Nun erscheint seine Autobiografie.

Lukas Leuenberger: «Versuch über das verstolperte Leben», Otto von Bern Verlag (via Transit), 324 S., 28 Fr. Ab 25. November im Buchhandel erhältlich.

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