Ich wurde versetzt, juhuu!

Warum es so toll ist, wenn Freunde ­Verabredungen platzen lassen.

Zeit für sich  dank dem abgesagten Treffen. Foto: iStock/jacoblund

Zeit für sich dank dem abgesagten Treffen. Foto: iStock/jacoblund

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einer meiner liebsten Freunde versetzt mich regelmässig. 17.41 Uhr, er: «Hoi! Kleine Warnung: Könnte sein, dass es etwas später wird. Falls das ungünstig ist für dich, wäre ich auch am Freitag noch frei.» 17.49 Uhr, ich: «Macht nichts, etwas später ist tipptopp! Freitag sollte aber auch passen.» 19.19 Uhr, er: «Also, ich bin etwas groggy, aber um 21 Uhr wäre ich wieder topfit!» 19.20 Uhr, ich: «Groggy ist aber nicht gut.» 19.22 Uhr, er: «Nein, muss mich nur kurz ausruhen, kennst mich doch. Ausser, dir ist Freitag lieber.» 19.31 Uhr, ich: «Für mich ist beides super!» 20.45 Uhr, er: «Dann Freitag, okay?»

Juhuu! Spätestens um 19.19 Uhr hatte ich sowieso nicht mehr mit ihm gerechnet und mich aufs Sofa gefläzt, um «Shopping Queen» im Replay zu schauen. Jetzt quietsche ich innerlich, wie jedes Mal, wenn ich unverhofft um eine Verabredung herumkomme. Da muss einer nur den leisesten Anschein machen, möglicherweise einen Rückzieher machen zu wollen, und sofort steige ich darauf ein: «Nein, nein, Verschieben ist überhaupt kein Problem.» Das tönt so selbstlos, ist aber total egoistisch. Und ein bisschen erbärmlich obendrein.

Es ist ja nicht so, dass ich wahnsinnig beschäftigt wäre und nicht auch noch morgen Abend für mich haben könnte. Oder übermorgen. Oder dass meine Ego-Zeit wertvoller wäre als Freunde zu treffen (siehe «Shopping Queen»). Fast immer bin ich danach ganz beseelt: Das sollten wir viel öfter machen! Sehen wir uns bald wieder? Und ich meine das ganz ehrlich so. Aber nur in diesem Moment.

Intelligente Menschen können auf Freundschaften pfeifen

Mit Sport ist es ähnlich, man weiss ja, dass es einem guttut und man danach so richtig zufrieden ist. Aber davor ist es mühsam. Weil man weiss, dass das, was kommt, anstrengender ist als daheim auf dem Sofa zu sitzen. Man wird sich mit den Freunden richtig in Echtzeit unterhalten müssen, nicht nur zeitversetzt via Whatsapp, man wird nicht nur Belangloses quasseln können. Es sind ja Freunde, die einem besonders wichtig sind.

Oder etwa doch nicht? Sonst würde man sich über Absagen kaum so freuen. Oder ist das etwa ein Qualitätsmerkmal? Weil man sich seiner Zuneigung so sicher ist, dass sich keiner gleich gekränkt fühlt, wenn der andere einen mal versetzt? Vielleicht so, wie es ein Zeichen echter Verbundenheit ist, mit jemandem schweigen zu können, ohne sich dabei unwohl zu fühlen? Hauptsache, man weiss, dass man einander hat?

Das Internet hat aber nur Erklärungen, warum wir so oft absagen (zu wenig Zeit, zu viel Stress, zu sehr in der virtuellen Welt gefangen und weil es dank Handys so einfach geht), und Tipps für jene, die darunter leiden. Tu ich aber nicht! Ist das nicht schräg?

Nicht unbedingt, sagt eine britische Studie. Leute, die gerne allein seien, seien einfach nur überdurchschnittlich intelligent. Sie hätten intuitiv realisiert, dass es nicht mehr überlebensnotwendig sei, Sozialkontakte zu pflegen, anders als anno dazumal, als man ganz froh war, ein paar Leute um sich zu haben, wenn plötzlich ein wildes Tier aufkreuzte oder das Feuer ausging. Die wirklich Intelligenten nutzten ihre freie Zeit deswegen am liebsten für Ego-Programme, ganz ohne Kompromisse.

Nein, bei mir muss es etwas anderes sein. Ich will ja meine Freunde sehen. Es muss nur nicht zwingend heute sein.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 30.11.2019, 19:17 Uhr

Artikel zum Thema

Warum wir trotz mehr freier Zeit weniger Freizeit haben

Kommentar Über das Phänomen, dass sich ungeachtet aller Erleichterungen viele Menschen gestresster denn je fühlen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Nur für die ganz Harten: Kälteresistente Teilnehmende schreiten ins 4 Grad kalte Wasser des Blausee im Berner Oberland. Das Blausee Schwimmen findet zum vierten Mal zugunsten der von Alt-Bundesrat Adolf Ogi gegründeten Stiftung «Freude herrscht» statt. (1. Dezember 2019)
(Bild: Alessandro della Valle) Mehr...