Igittigitt, das ess ich nicht!

Die Abscheu gegen manch ein Lebensmittel kann vor Keimen schützen – aber auch in die Irre führen.

Selbst vor Süssem ekeln wir uns, wenn es die Form eines Kothaufens hat. Foto: Krazy Kitchen Mom

Selbst vor Süssem ekeln wir uns, wenn es die Form eines Kothaufens hat. Foto: Krazy Kitchen Mom

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Es kann die edelste Schokolade sein, wenn sie die Form eines Hundehaufens hat, essen wir sie nicht. Eklig! Das sei eine natürliche Reaktion, sagte Paul Rozin kürzlich in einem Vortrag an der ETH Zürich. «Unser Gehirn ist darauf geeicht, dass etwas, das aussieht wie ein Kothaufen wohl auch Kot ist», sagte der Psychologe von der University of Pennsylvania.

Sich vor manchen Nahrungsmitteln zu ekeln ist zum Teil angeboren, zum Teil anerzogen – und sinnvoll. Jedenfalls dann, wenn wir deshalb verunreinigte Nahrungsmittel meiden, etwa Essen, das mit Exkrementen in Kontakt gekommen ist. Es könnte mit Krankheitserregern verseucht sein.

«Das Problem ist kein technisches, sondern ein psychologisches.»Paul Rozin

Deshalb würden wir auch nie Toilettenwasser trinken. «Es ist längst möglich, Abwasser so aufzubereiten, dass es bedenkenlos zu trinken ist», sagte Rozin. Dennoch ekelt uns die Vorstellung, wo die Tropfen schon überall gewesen sein könnten. «Das Problem ist kein technisches, sondern ein psychologisches», so Rozin.

Selbst Hahnenwasser ist für manch einen verdächtig. Schliesslich spült die gleiche Flüssigkeit auch unsere WCs sauber. Ist das Wasser damit nicht irgendwie unreiner als solches aus Flaschen, deren Etikette Bilder von Bergen und Slogans von «natürlichen Quellen» zieren? Das ist ein Grund für das paradoxe Konsumverhalten. Zwar wird Hahnenwasser streng kontrolliert, ist billiger und umweltfreundlicher. Dennoch sei in den letzten Jahrzehnten der Verbrauch von Flaschenwasser gestiegen, schrieb Luka Johanna Debbeler von der Universität Konstanz zusammen mit Kollegen in einer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift «Science of the total Environment».

Hahnen- und Flaschenwasser schmeckt gleich und ist rein

Das Team befragte mehr als 500 Freiwillige, aus welchen Gründen sie Hahnen- oder Flaschenwasser trinken. Das Ergebnis: Diejenigen, die Flaschenwasser bevorzugen, nahmen an, es sei reiner und schmecke besser. Das mit dem Geschmack konnte die Psychologin Debbeler mit einem Versuch schnell widerlegen. Den knapp 100 Testpersonen gelang es nicht, von vier Trinkwasserproben die zwei aus Flaschen herauszufinden. «In der Schweiz ist es auch aus gesundheitlicher Sicht völlig egal, ob jemand Hahnen- oder Flaschenwasser trinkt», sagt Urs von Gunten, Wasserexperte an der Eawag und Professor an der ETH Lausanne.

Beim Ekel gehen die Abwehrmechanismen gegen möglicherweise Verunreinigtes aber noch weiter. Die Nahrung muss gar nicht direkt verschmutzt sein. «Es reicht, wenn etwas Ekeliges unser Schnitzel berührt hat, eine Kakerlake zum Beispiel, dann essen wir es nicht mehr», erklärte Rozin das «Prinzip der Ansteckung». Logische Argumente helfen nicht weiter. Schliesslich ist ein Insekt, das in den Topf gefallen ist und mitgekocht wird, steril. Es könnte also keine Krankheitskeime übertragen. Dennoch, eine Suppe, aus der man zuvor ekliges Getier fischen muss, mundet meist nicht.

Das geht nicht nur Wohlstandsbürgern so. Versuche von Rozins Team belegten, dass der Glaube, eine Verunreinigung könne sich auf das Essen übertragen, weltweit verbreitet ist. Selbst Naturvölker wie die in Tansania als Jäger und Sammler lebenden Hadza weisen Essen zurück, wenn es mit etwas für sie Ekligem Kontakt hatte. Die Hadza verzehren beispielsweise kein Hyänenfleisch. Deshalb verweigern sie in der Regel ihre Mahlzeit, wenn diese mit dem unliebsamen Fleisch in Berührung gekommen ist.

«Aber wenn heute bei einer Gentech-Pflanze nur ein einziges Gen neu verändert ist, lehnen viele Konsumenten die Produkte daraus ab.»Paul Rozin

Ein anderes Problem ist die Abscheu gegenüber unbekannten Nahrungsmitteln. Daran können Lebensmittelhersteller scheitern, wenn sie Neuheiten auf den Markt bringen wollen. Wird ein innovatives Produkt beispielsweise als «unnatürlich» empfunden, sind Testpersonen misstrauisch. «Dabei gibt es keinen Grund, warum natürliche Lebensmittel besser sein sollten als künstliche», sagte Rozin. «Die Leute denken beispielsweise, Mais sei ein natürliches Lebensmittel», fügt der Psychologe an. Dabei habe die Kulturpflanze zahlreiche genetische Veränderungen durchgemacht im Vergleich zur ursprünglichen Wildpflanze, einer Grasart. «Aber wenn heute bei einer Gentech-Pflanze nur ein einziges Gen neu verändert ist, lehnen viele Konsumenten die Produkte daraus ab», sagt Rozin.

Dass neue Technologien bei Nahrungsmitteln nicht gut ankommen, bestätigen Versuche, die Christina Hartmann von der ETH Zürich mit ihrem Team durchgeführt hat. Mehr als 300 Testpersonen mussten angeben, ob sie Fleisch oder Fisch von gentechnisch veränderten Tieren essen würden oder Fleisch, das mit einem essbaren Film aus Nanoteilchen überzogen wurde oder aber Nahrungsmittel mit künstlichen Lebensmittelzusätzen. Das Ergebnis der Befragung: Die Bereitschaft, das Hightech-Essen zu probieren, war generell gering. Am ekligsten empfanden die Probanden die künstlichen Zusätze, am ehesten hätten sie das Fleisch mit dem essbaren Film gekostet.

Pingelige Esser mögen keine Bananen mit braunen Flecken

Das Team von der ETH Zürich hat dabei auch eine selbst entwickelte «Nahrungsmittel-Ekel-Skala» eingesetzt, also einen Test, der durch Fragen ermittelt, welche Personen sich besonders stark ekeln und welchen es nichts ausmacht, auch mal braunfleckige Bananen zu verzehren. «Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal, wie pingelig sich jemand beim Essen und Trinken verhält», sagt Hartmann.

Bereits bekannt war, dass Frauen eher zu den heiklen Essern gehören als Männer. «Das ist auch in anderen Ländern und Kulturen der Fall», sagt Hartmann. Die Theorie ist, dass Frauen sich so zum Beispiel, wenn sie schwanger sind, vor Infektionen schützen.

Kinder lehnen Unbekanntes ab

Von Kindern weiss man, dass sie erst alles in den Mund stecken, aber sobald sie laufen lernen, unbekannte Nahrungsmittel ablehnen. «In dem Alter lernen die Kinder dann von den Erwachsenen, Neues zu probieren», sagt Hartmann. Dabei gilt: «Kinder benötigen bis zu 15 positive Erlebnisse, um ein neues Nahrungsmittel zu akzeptieren», sagt Hartmann – und Zwang helfe da nicht weiter. Erst im Jugendalter werden sie von alleine wieder offener für unbekannte Gerichte.

Paul Rozin empfiehlt, neue Nahrungsmittel wie Insekten zuerst jungen Männern anzubieten. Für sie seien Snacks aus Krabbeltieren erst einmal eine Mutprobe. Über die Zeit kann sich das Ekelempfinden einer Gesellschaft wandeln. Zum Beispiel wurden bis nach dem zweiten Weltkrieg Teigfladen mit zerdrückten Tomaten und geschmolzenem Käse kaum ausserhalb von Neapel verzehrt. Heute isst die ganze Welt Pizza.

Erstellt: 16.03.2019, 22:42 Uhr

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