Iglein, Iglein in der Hand

Evelyne Noser kümmert sich um die stacheligen Tiere, die unter der Hitze ganz besonders leiden.

Päppelt seit bald 40 Jahren Igel auf: Evelyne Noser, 61, mit einem ihrer Schützlinge. Foto: Michele Limina

Päppelt seit bald 40 Jahren Igel auf: Evelyne Noser, 61, mit einem ihrer Schützlinge. Foto: Michele Limina

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Unglaublich, dass ein so kleines Tierchen dermassen laut schmatzen kann. Der Igel, 200 Gramm schwer nur, macht sich über das Tellerchen mit Katzenfutter her. «Igel können richtig gut schmatzen», bestätigt Evelyne Noser. Sie muss es wissen, seit bald 40 Jahren päppelt sie die stacheligen Tiere auf, seit zehn Jahren führt sie die Igel-Auffangstation in Ebikon, die einzige im Kanton Luzern.

In den letzten Wochen arbeitete die Igelschützerin praktisch rund um die Uhr. Denn die Trockenheit und die Hitze setzen den Igeln besonders zu: Sie finden kein Wasser, es fehlt ihnen an Nahrung, Insekten bleiben fern, und die Würmer und Schnecken verkriechen sich tief im Boden. Das Natel piepst, wieder kommt eine Meldung über die 24-Stunden-Notrufnummer: Jemand hat zwei abgemagerte Igel gefunden – Noser wird sich auch um diese kümmern.

«Igel-Mami», das hört sie nicht zum ersten Mal – und es stört sie auch nicht, «solange ich nicht auf das Igel-Mami reduziert werde». Die 61-Jährige ist Ehefrau und Mutter, Frauchen von Miro, einem aufgeweckten Trüffelhund, sie singt im Chor und wirkt an Leichtathletik-meetings als Kampfrichterin. Und sie war Primarlehrerin, seit wenigen Tagen ist sie pensioniert. Frühpensioniert, auch der Igel wegen.

Video: Zu Besuch auf der Igelstation

Hier werden die Tiere gepflegt. Video: Michele Limina

In den vergangenen fünf, sechs Jahren habe ihr Einsatz für die geschützten Wildtiere extrem zugenommen. Weil viele Menschen sensibilisiert sind und reagieren, wenn sie ein Tier in Not finden. Darauf angesprochen, dass man selber seit Jahren keinen Igel, das heisst, keinen lebenden Igel mehr gesehen habe, sagt sie: In gewissen Gegenden seien die Igel tatsächlich nicht mehr vorhanden. Der Grund? «All die gepützelten Gärten!» Igel bräuchten einen kühlen, sicheren Unterschlupf, im feuchten Kompost oder im modrigen Laub fänden sie Nahrung. Noser appelliert an die Gartenbesitzer, einen Teil ihrer Grünfläche verwildern zu lassen.

Ihr eigener Garten ist tatsächlich wild, «zu wild», sie komme einfach nicht zum Gärtnern. Dieses Jahr hatte Noser keinen einzigen «igelfreien» Tag, die letzten Ferien, «vier, fünf Tage in Freiburg im Breisgau», liegen Jahre zurück. Warum sie das tut? «Weil ich Tiere mag. Weil sonst kaum jemand den Igeln hilft.» Ganz die Lehrerin, nimmt Noser einen Stift aus dem Etui zur Hand und zeichnet einen Igel auf ein Blatt Papier. Sie erklärt: Ein gesunder Igel hat einen ebenmässig runden Rücken. Der untergewichtige Igel hat eine Einkerbung zwischen Kopf und Leib, die sogenannte Hungerfalte.

Auf keinen Fall Milch, das kann tödlich sein

Geschwächte Tiere liegen apathisch auf der Wiese, sie torkeln, reagieren nicht auf Berührung. Sicher ist, ein Igel «sünnelet» nicht, wie manche Leute vermuten. Höchste Alarmstufe sei, wenn Fliegen um den Igel schwirren. Fliegen legen Eier auf ihm ab – hinter den Augäpfeln, in den Ohren, in offenen Wunden –, die innert Stunden zu Maden werden. Der erschöpfte Igel wird von innen aufgefressen, Krähen picken ihm die Augen aus. Der Igel krepiert stumm.

Noser schont einen nicht, sucht auf dem Smartphone nach Fotos: Igel, von Maden befallen, Igel mit offenen, eitrigen Wunden, ein Igel ohne Hinterbein, «en ganz arme Chäib». Junge Igel mit verbissenen Gesichtchen – es war die Katze. Grausige Bilder, den Gestank dazu darf man sich nicht vorstellen: Sie gehören zu Evelyne Nosers Alltag. Unzählige Igel musste sie vom Tierarzt einschläfern lassen – in der Regel behandeln Tierärzte Igel gratis. Ihrer jedenfalls sei sehr kulant – ob beim Röntgen oder Operieren. Röntgen, operieren? Es ist der Igelschützerin bewusst, dass diese Tierliebe manchen zu weit geht. Was sie jedoch nicht akzeptiert, ist der Spruch: «Das ist doch die Natur.» Denn: «Sind Rasenroboter oder Fadenmäher Teil der Natur?» Diese Gartengeräte seien wahre Igelkiller, sie «zerschnetzelten» die Stacheltiere geradezu. Der grösste Feind des Igels ist das Auto. Auch auf der Luzernerstrasse unterhalb ihres Hauses würden regelmässig Igel totgefahren. Noser verurteilt die Autofahrer nicht pauschal, es sei schwierig, abzuschätzen, ob sich der Igel einrolle oder weiterrenne.

Was können wir alle tun? Solange die Trockenheit anhält, soll man den Igeln Wasser und trockenes Katzenfutter in den Garten, unters Gebüsch, stellen. Auf keinen Fall Milch, das kann für den erschöpften Igel tödlich sein. Und der Wassernapf darf nicht zu tief sein, es sei nämlich auch schon passiert, dass entkräftete Tiere ertrunken seien.

Igel überall

Im Haus der Nosers findet man Igel aus Stoff, aus Glas, aus Ton, aus Holz – am stacheligen Dekor hat auch die Familie Freude. Denn: «Diese Igel stinken nicht.» Die kranken Tiere pflegt Evelyne Noser deshalb in der Waschküche. Dahin verirrten sich Mann, Sohn und Tochter höchst selten.

Im Schopf stehen spezielle Igelkäfige, sie ähneln Kaninchenställen. Der Boden ist mit Zeitungen bedeckt, ein Holzhäuschen mit Stroh dient als Rückzugsort, 20 Igel leben momentan hier. Etwa 300 Igel pflegt Noser im Jahr, im besten Fall überlebten zwei Drittel. Viel, viel Arbeit, ausmisten, putzen, füttern. Regelmässig werden die Tierchen gewogen, über jedes wird Protokoll geführt. Nicht mal das «Igel-Mami» kann die Patienten unterscheiden, markiert deren Stacheln deshalb mit Nagellack in verschiedenen Farben. Namen gibt sie ihnen längst nicht mehr, und sie will auch nicht, dass die Igel allzu zutraulich werden. Es sind Wildtiere – früher oder später werden sie wieder in die Freiheit entlassen.

Think hippie thoughts ????????????????

Ein Beitrag geteilt von Mr.Pokee the Hedgehog (@mr.pokee) am

Gerade sorgt ein winziges Weissbauchigelchen namens Mr. Pokee rund um die Welt für «Jöö»-Rufe. Die Luzernerin kennt die Fotos: Mr. Pokee liegt rücklings auf einer Sonnenblume, in einem Donut, oder er steckt in einem Glace-Cornet. Noser sieht darin reine Effekthascherei. «Igel haben es am liebsten, wenn man sie in Ruhe lässt.»

Igel fauchen, wenn ihnen etwas nicht passt. Und sie sind verfressen, sie mögen Katzenfutter, gerne in wechselnder Geschmacksrichtung: Rind, Huhn oder Lamm – Krabben, Thon oder Lachs eher nicht, Fischiges ist ihnen nicht vertraut. Und sie sind fordernd, klappern so lange und so laut mit dem Napf, bis Fressen kommt. Und dann schmatzen sie, dass es eine Freude ist.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 12:07 Uhr

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