Illegales Gift aus der Landi tötet Hunderttausende Bienen

Ein mit einem verbotenen Stoff versetztes Insektizid gelangte in den Verkauf – nun wird ein Strafverfahren eröffnet.

Wo sonst noch gespritzt wurde, weiss niemand: Beim Vorfall im Aargau verendeten 24 Völker (Symbolbild). Foto: BZ

Wo sonst noch gespritzt wurde, weiss niemand: Beim Vorfall im Aargau verendeten 24 Völker (Symbolbild). Foto: BZ

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Ein Aargauer Imker hat der Polizei jüngst einen mysteriösen Vorfall gemeldet. Innert Tagen sei die Hälfte seiner Bienen verendet, 600'000 insgesamt, 24 Völker. Es gebe Hinweise darauf, dass die Tiere mit Fipronil vergiftet wurden. Das ist ein in der Schweiz und der EU verbotenes Insektengift.

Damit war klar: Der Fall ist brisant. Die Aargauer Kantonspolizei hat ihn dem Bundesamt für Landwirtschaft gemeldet. Dieses zog Spezialisten des Forschungsinstitutes Agroscope zu Hilfe. Dann wurden das Kantonale Labor Zürich und das Aargauer Amt für Verbraucherschutz involviert. Nun wird laut den Zürcher Chemiebehörden ein Strafverfahren eröffnet. Denn die Laboranalysen zeigen, dass sich tatsächlich das verbotene Fipronil als unerkennbare Beimischung in einem legalen und eigentlich unproblematischen Insektizid befand, wie Armin Feurer vom Aargauer Chemiedienst bestätigt.

Dieses legale Spritzmittel heisst Pirimicarb. Ein ahnungsloser Landwirt hatte es in einem Landi- Agrarcenter gekauft und auf seinen Äckern zur Bekämpfung von Blattläusen eingesetzt. Dass er damit ein Bienensterben in seiner Nachbarschaft auslöst, konnte er nicht ahnen.

Es sei «sehr wahrscheinlich», dass in anderen Gebieten der Schweiz weitere Bienenvölker verendet seien.

Die Behörden gehen davon aus, dass schweizweit viel mehr von dem kontaminierten Spritzmittel im Umlauf ist. Das Bundesamt für Landwirtschaft ordnete deswegen eine dringliche Rückrufaktion an. Laut dem Zürcher Kantonslabor geht es um insgesamt 2000 Packungen des hoch konzentrierten Insektizids. Diese Menge reicht zum Spritzen von 3300 Hektaren aus. Das entspricht der Fläche von 180 Bauernhöfen oder 4700 Fifa-genormten Fussballfeldern.

Wie viel von dem verseuchten Mittel bereits auf Gemüsekulturen oder Obstplantagen landete, weiss niemand – weder das Landwirtschaftsamt noch die kantonalen Behörden noch die Fenaco, die Betreiberin der Landi.

Anhaltspunkte hat Anja Ebener, Geschäftsführerin des Bienengesundheitsdienstes. Es sei «sehr wahrscheinlich», dass in anderen Gebieten der Schweiz weitere Bienenvölker verendet seien – wegen des kontaminierten Mittels. Imker melden laut Ebener solche Vorfälle oft nicht, aus Angst vor Streit mit dem benachbarten Bauern. Andere kämen gar nicht auf die Idee, dass der Tod ihrer Bienenvölker durch ein Spritzmittel verursacht sein könnte.

Der Rückruf des Mittels wurde nicht breit bekannt gemacht

Im Fall des Aargauer Bauern müsse man «von grossem Glück reden», dass es nicht zu einer «viel grösseren Katastrophe gekommen» sei. Die Menge des dort ausgebrachten Wirkstoffs hätte laut Ebener «viel mehr Bienenvölker töten können». Das sei nur deshalb nicht geschehen, weil das Gebiet topografisch eng abgegrenzt sei.

Der Fall rückt die Bewilligungspraxis des Bundes in ein schiefes Licht: Das verseuchte Spritzmittel wurde von der kaum bekannten indischen Chemiefirma Sharda Cropchem hergestellt. Die Bewilligungsinhaberin für den Verkauf in der Schweiz ist eine reine Briefkastenfirma ohne Mitarbeiter, wie Recherchen der SonntagsZeitung zeigen. Die Adresse lautet auf eine Zürcher Treuhandfirma. Die Bewilligung hatte das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) erteilt.

Verantwortlich für die Rückrufaktion ist in der Schweiz nun de facto niemand: Die Landi als Wiederverkäuferin sieht sich nicht in der Pflicht. Deren Sprecher Andrea Hohendahl sagt: «Der Rückruf ist Sache der Erstvertreiberin.» Und das ist die verwaiste Briefkastenfirma.

Ebener kritisiert, dass es in den meisten Kantonen nur sehr kleine Stichprobenkontrollen gebe. Sie fordert, dass Spritzmittel viel häufiger auf fremde Stoffe überprüft werden sollen.

Sonderbar ist, dass das BLW weder den Fall, der amtsintern viel Aufsehen erregte, noch den Rückruf einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.



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Erstellt: 19.10.2019, 21:27 Uhr

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