Illusionen können tödlich sein

Colson Whitehead hat einen knallharten USA-Roman geschrieben. Ein Anruf beim Pulitzer-Preisträger.

«Die Welt ist rassistisch, sexistisch und homophob»: Colson Whitehead, 49. Foto: Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif

«Die Welt ist rassistisch, sexistisch und homophob»: Colson Whitehead, 49. Foto: Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif

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Dieser verdammte Optimismus, er ist uns nicht auszutreiben! Selbst nicht in diesem Moment, in dem längst klar ist, dass einer der beiden Jungs, die da gerade auf der Flucht sind, nicht lebend davonkommen wird. Aber genau darum geht es im neuen Roman des US-Autors Colson Whitehead: um die Illusion, dass in unserer Welt irgendwann die Vernunft ihren Sieg davontragen wird. Und um zwei Heranwachsende, die aus einem Erziehungsheim fliehen, in dem sie aufs Brutalste misshandelt werden. Bis sie sich für die Flucht entscheiden, auf der bald eine Schrotflinte auf sie angelegt ist.

Naiver Optimismus: War es nicht das, was die acht Jahre bestimmten, in denen Barack Obama an der Macht war? Also damals, als man dem ersten schwarzen Präsidenten den Friedensnobelpreis verlieh, kaum war er ein Jahr im Amt. Was hat damals selbst kühle Köpfe zum Glauben verführt, die Welt würde nun friedvoll und gerecht, vielleicht sogar für immer? Und wo ist der damals aufgekommene Optimismus hin, seit Donald Trump im Amt ist?

Colson Whitehead zeigt sich am Telefon ernüchtert: «Die Welt ist rassistisch, sexistisch und homophob. Ich glaube nicht, dass der Rassismus während meiner Lebenszeit aussterben wird. Oder in der meiner Kinder», sagt er. «Wahrscheinlich werden immer genügend Entschuldigungen gefunden, Leute zu hassen, sei es aufgrund von Klasse, Religion oder Rasse. Oder weil sie fürs falsche Fussballteam jubeln. Wir sind ziemlich stark darauf gepolt, Leute zu Gegnern zu machen und sie zu missbrauchen.»

Es waren die Obama-Jahre, in denen sozusagen amtlich wurde, was man zuvor schon länger hätte wissen können: dass Colson Whitehead einer der besten Gegenwartsautoren ist. 2016/17 gewann der Autor mit dem Pulitzer-Preis und dem National Book Award die wichtigsten Auszeichnungen für Literaten. Obama setzte Whiteheads «Underground Railroad» auf seine Sommer-Leseliste.

Whitehead machte seinen Abschluss in Harvard

«Endlich ein dünner Präsident!», hatte Whitehead geschrieben, als ihn die «New York Times» anlässlich der Wahl von Obama um einen Meinungsbeitrag bat. Kein Wort in dieser Satire, dass Obama der erste farbige Präsident war – und was dies für ihn als schwarzen Autor und US-Bürger bedeutete. Der bald 50-jährige Whitehead spielt auch heute noch gern mit Klischees. Als ginge es darum, sich jeder Eindeutigkeit zu entziehen: «Ich wurde als armes schwarzes Kind geboren», hat Whitehead mal in einem Vortrag gesagt: «Ich erinnere mich an die Tage, an denen ich mit meiner Familie auf der Veranda sass, singend und tanzend, unten am Mississippi.»

Gelächter im Publikum, denn so war es nicht: Whitehead stammt aus der schwarzen Mittelschicht, er machte seinen Abschluss in Harvard. Aufgewachsen ist er in New York, wo er noch heute mit seiner Frau und seinen Kindern lebt. Der Autor gehört zu einer Generation, deren Herkunft es ihnen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit erlaubte, Anwalt, Arzt oder eben Autor zu werden. Aber auch nach seinem endgültigen Durchbruch mit «Underground Rail­road», seinem grossen Roman über die Sklaverei, macht sich Whitehead keine Illusionen, er habe es ‹geschafft› und sei aufgrund seines Status unverwundbar, was rassistische Gewalt anbelangt: «Jedes Mal, wenn ich an einem Polizeiauto vorbeikomme, erinnert mich dies daran, das meine sogenannten Privilegien mir jederzeit entzogen werden können», sagt Whitehead. Zu viele Fälle von Polizeigewalt sind bekannt. «Eine unschuldige Bewegung – wenn man etwa nach der Brieftasche greift – kann tödlich sein.»

Die Lebensrealität des First-Class-Autors ist also nicht so weit von derjenigen Elwoods entfernt, dem 16-jährigen Protagonisten des neuen Romans «Die Nickel Boys». Obwohl die beiden mehrere Jahrzehnte trennt: Elwood lebt in den 1960er-Jahren und ist der Erste in seiner Familie, der ans College gehen, also den sozialen Aufstieg qua Bildung schaffen könnte. Aber just auf dem Weg zum College steigt Elwood zu einem Fremden ins Auto, das dieser geklaut hat, wie sich rausstellt. Eine Fügung von schicksalhafter Boshaftigkeit: Sie bringt den stets beflissenen Elwood ins Nickel – ein Erziehungsheim, wo der Rassismus regiert, die schwarzen Jungen im sogenannten Weissen Haus misshandelt, einige gar zu Tode gepeitscht werden.

«Ich bin nicht sicher, ob Leute, die wirklich etwas über Rassismus oder Sklaverei lernen sollten, zu meinem Buch greifen.»

Für den Missbrauch im Erziehungsheim gibt es ein historisches Vorbild: die Dozier School for Boys in Marianne, einer Kleinstadt in Florida. 2014 hörte Whitehead erstmals von den Gewaltexzessen an dieser Schule, wo wohl Hunderte zu Tode gequält wurden. Selbstverständlich war es dem Autoren ein Anliegen, dem Schicksal dieser jungen Männer mit seinem Buch eine Art Denkmal zu setzen und sein Mögliches dafür zu tun, dass solche Missbrauchsfälle ins kollektive Gedächtnis eingehen.

Obwohl Whitehead an die bewusstseinsbildende Kraft der Literatur glaubt, zeigt er sich pessimistisch, was die Macht von Kunst anbelangt, wenn es darum geht, im grossen Massstab die Köpfe der Menschen zu verändern: «Ich bin nicht sicher, ob Leute, die wirklich etwas über Rassismus oder Sklaverei lernen sollten, zu meinem Buch greifen.» Eigentlich wollte Whitehead nach «Underground Railroad» etwas Leichteres schreiben: einen Krimi, der im New York der 1960er-Jahre spielt – zu stark hatte ihn die Arbeit am Roman über die Sklaverei ausgelaugt. Von einer wochenlangen Depression hat Whitehead mal erzählt. Aber dann wurde Trump gewählt, und Whitehead sah sich «verpflichtet», das Buch über die Nickel Boys in Angriff zu nehmen. Weil er seine «Gefühle sortieren» wollte, «in einem stark gespaltenen Land zu leben». Ein Land, dessen Zustand Whitehead als «regressiv» beschreibt – und das wahrscheinlich schon immer gespalten war.

Elwood sieht sich mit Martin Luther King an vorderster Front

So zumindest lässt sich der Roman über die «Nickel Boys» lesen, in den eine Hoffnungsvariante eingeknüpft ist: Elwood berauscht sich an Aufnahmen von Martin Luther Kings Reden; Berichte im «Life»-Magazin nähren beim 16-Jährigen die Illusion, er sei an «vorderster Front» bei den Busboykotten in Batton Rouge und den Sit-ins in Greensboro mit dabei. Also Teil der Bürgerrechtsbewegung, die den Schwarzen tatsächlich mehr Rechte verschaffen sollte. Aber nicht Elwood: Er hängt im Nickel weiterhin dem Glauben an, es sei in seiner Situation richtig, nicht die Klappe zu halten, Widerstand zu leisten und den Missbrauch im Heim zur Anklage zu bringen, indem er alles in einem Heft dokumentiert. «Elwood befolgte einen Code», heisst es im Roman. «Dr. King war es, der diesen Code artikulierte, ihm Bedeutung und Gestalt verlieh.»

Die Befolgung dieses «Codes» endet für Elwood mit dem Tod. Whiteheads Roman macht damit deutlich, von welchen Ungleichzeitigkeiten emanzipatorische Bewegungen geprägt sind; die Vorstellung von einem linearen Fortschritt also letztlich immer naiver Optimismus ist. Vielmehr ergeben sich Errungenschaften im Namen von Gleichheit und Gerechtigkeit in schlingernden Bewegungen, die von Rückschlägen bestimmt sind.

Whitehead ist denn auch überzeugt, dass die Welt sich zwischen der Linken und der Rechten hin- und herbewegt. «Zurzeit ist der Nationalismus im Aufstieg, dann ebbt er wieder ab, und wir vergessen die Lektionen, warum wir so hart gekämpft haben für die Freiheit. Und dann beginnt der Kreislauf wieder von neuem.» Es wird Zeit für den nächsten Neubeginn. Darauf hofft auch Colson Whitehead.



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Erstellt: 22.06.2019, 21:27 Uhr

Colson Whitehead

Der 1969 geborene Whitehead gilt als einer der wichtigsten US-Autoren. Nicht erst seit dem Erfolg seines Sklavereiromans «Underground Railroad», der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Der Erfolgsroman wird demnächst von Oscar-Preisträger Barry Jenkins («Moonlight») als Mini-Serie verfilmt. Im Oktober kommt Whitehead mit seinem neuen ­Roman «Die Nickel Boys» für eine Lesung nach Zürich ins Kaufleuten.

Colson Whitehead: «Die Nickel Boys». Hanser, 223 Seiten,
ca. 33 Franken

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