Im Chauvi-Valley

Ausgerechnet die modernste Branche der Welt, die Tech-Industrie, behandelt Frauen so schlecht wie kaum eine andere sonst. Wie ist das möglich?

Machoverhalten gehört in der Branche zum Alltag. Foto: Jeffery Salter/Redux/laif

Machoverhalten gehört in der Branche zum Alltag. Foto: Jeffery Salter/Redux/laif

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Software-Entwicklerin Silvia Rodriguez* kann es nicht fassen. Seit über 20 Jahren arbeitet sie in der Finanz-Tech-Branche, war bei IBM und der UBS angestellt, leitete in den USA beim Telecomgiganten AT&T Projekte und beriet Banken wie Julius Bär, bevor sie vor vier Jahren bei einer grossen Schweizer Firma für Bankensoftware anheuerte.

Dort sitzt sie seit zwei Jahren in einem Gremium, das Strategien mitbestimmt: «Das war harte Arbeit», sagt die 48-Jährige, «von den 400 Angestellten bin ich die einzige Frau mit etwas strategischer Kompetenz.» Ihr Leistungsausweis hindere einen Kollegen aber nicht daran, die Zusammenarbeit mit ihr zu verweigern: «Mit Frauen will er nicht arbeiten, das ist unter seiner Würde.»

Susann Künzler*, 27, seit drei Jahren Programmiererin, erhielt auf dem Geschäftsausflug eine SMS von ihrem Chef: «Ich will heute Nacht in dein Zimmer einbrechen», schrieb er. «Was macht man da?», fragt sie rhetorisch. «Er ist der Chef, wir sind Kollegen, und ich will meine Karriere nicht riskieren.»

Mütter in der Firma sind unerwünscht

«Machosprüche gehören in unserer Branche zum Alltag», stellt Priska Altorfer lakonisch fest, die seit 16 Jahren ein IT-Unternehmen führt und sich schon lange im Frauennetzwerk Donna Informatica engagiert. Dass Kunden sie für die Sekretärin halten, ist sie sich gewohnt und nicht mehr der Rede wert. Eine krasse Diskriminierung musste die fünffache Mutter aber erfahren, als ihr als Angestellte eine Woche nach der Geburt des ersten Kindes gekündigt wurde – mit der Erklärung, man wolle keine Mütter in der Firma.

«Machosprüche gehören in unserer Branche zum Alltag.»Priska Altorfer, IT-Unternehmerin

Frauen haben überall in der Berufswelt immer mal wieder mit Chauvinismus und Männerbündelei zu kämpfen. Aber selten wird Sexismus so unverhohlen ausgelebt wie in der Tech-Industrie. Er ist so üblich und verankert, dass die «New York Times» von einer «Belästigungskultur» spricht und der «Spiegel» das Silicon Valley das «chauvinistische Herz der Tech-Welt» nennt.

Fast jede Frau hat Herablassung erlebt

Das bestätigen Dutzende Fälle, die in der jüngeren Vergangenheit an die Öffentlichkeit gelangten und in denen es um verhinderte Beförderungen und erzwun­gene Küsse ging. Den Frauen reicht es. Und das hat neuerdings Konsequenzen. Uber-Chef Travis Kalanick musste abtreten, ebenso andere Uber-Manager und CEOs von Start-up-Investoren.

Alle Frauen, mit denen für diesen Artikel gesprochen wurde – über ein Dutzend (Game-)Entwicklerinnen, Start-up-Gründerinnen, IT-Unternehmerinnen, Ingenieurinnen und Informatikstudentinnen – ­lieben ihre Arbeit in der Tech-Welt, die intellektuelle Herausforderung, die schnellen ­Aufstiegschancen und das gute Salär. Und sie schätzen viele ihrer männlichen Kollegen.

Mit einer Ausnahme hat trotzdem jede von ihnen eine Geschichte zu erzählen, die von Herablassung zeugt, wie etwa dann, wenn sie trotz Abschluss in Elektrotechnik als Dummchen hingestellt werden. Die Frauen reagieren unterschiedlich darauf: mit stiller Wut oder jugendlichem Gleichmut; einige versuchen, in Frauennetzwerken Kräfte zu bündeln, andere haben resigniert.

Ein bisschen Sexismus liegt in der Struktur der Sache

Warum behandelt ausgerechnet die Tech-Szene die Frauen so mies? Weshalb dieses Machoverhalten in einer Branche, die sich selbst für superprogressiv hält und sich zudem rühmt, der Welt den Fortschritt zu bringen? Eine Branche noch dazu, deren Mitarbeitende überdurchschnittlich gebildet, intelligent und liberal denkend sind?

Zum einen, heisst es gern, sei die Welt der Technik immer eine Männer­domäne gewesen. Ein bisschen Sexismus ­liege quasi in der Natur respektive Struktur der Sache. Das Klischee, wonach Frauen ­weniger gut logisch denken und deshalb keine IT-Karriere starten könnten, hält sich hartnäckig.

Im Jahr 2015 waren hierzulande nur 14,6 Prozent der Angestellten in der Elektronik- und Computertechnik weiblich.

Naheliegender dürfte indes sein, dass nur wenige Frauen freiwillig an einem Ort arbeiten wollen, wo man nicht gut zu ihnen ist. Nur 14,6 Prozent der Angestellten in der Elektronik- und Computertechnik (ICT) hierzulande waren im Jahr 2015 laut Eurostat weiblich, womit die Schweiz unter dem EU-Durchschnitt von 16,1 Prozent liegt.

Noch deutlicher wird das Ausmass im Hinblick auf die ETH Zürich, wo der Frauen­anteil 2016 bei den Anfängern im Informatikstudium mit 10 Prozent so tief lag wie seit 2010 nicht mehr. «Das ist schlimm, wir haben gravierend an Boden verloren, und das mitten in der Digitalisierung, wo wir Einfluss nehmen sollten», sagt Priska Altorfer von Donna Informatica: «Die Zukunft findet ohne Frauen statt.»

Kult um «Genies» in Computerwissenschaften

Noch schwieriger ist es, die weiblichen Fachkräfte zu behalten. Zwei von fünf verlassen die Branche wieder, das sind doppelt so viele wie bei den Männern. Warum? «It’s the climate, stupid», fasst die amerikanische Psychologin Nadya Fouad nüchtern das Ergebnis ihrer Studie zusammen, für die sie 5300 Ingenieurinnen befragt hatte. Kommt hinzu, dass diese Branche blutjung ist und das Silicon Valley ein Ort, wo Grünschnäbel wie Tesla-Gründer Elon Musk etablierte Märkte auf den Kopf stellen.

«It’s the climate, stupid.» Nadya Fouad, Psychologin

Weshalb die Meinung herrscht, ein derartiger Erfolg basiere ausschliesslich auf einer Art angeborener Genialität, wie 2015 eine im Wissenschaftsmagazin «Science» veröffentlichte Studie bestätigte: In den Computerwissenschaften und technische Fächern herrsche ein Kult um «Genies», es werde so getan, als sei Erfolg nicht eine Frage von Fleiss und harter Arbeit, sondern von gottgebener Brillanz.

Im Valley zeichnet sich ein Kulturwandel ab

Ironischerweise leistet genau diese Denkweise Ungleichheiten Vorschub. Denn wem schreibt man solch natürliche Genialität wohl eher zu, Männern oder Frauen? Richtig. Ein weiterer Punkt, der die junge Branche zu einem Sexismus-Biotop macht, ist die Tatsache, dass in vielen Start-ups Hierarchien fehlen – und damit Strukturen und Anlaufstellen, die Frauen schützen könnten. «Wir sind alle Kollegen, haben zusammen studiert, aber gleichzeitig bin ich von ihnen abhängig. Da merkt man manchmal kaum, wenn Grenzen überschritten werden», sagt Programmiererin Künzler.

Wem schreibt man solch natürliche Genialität wohl eher zu, Männern oder Frauen? Richtig.

Seit 2013 zeichnet sich im Valley aber so etwas wie ein Kulturwandel ab. Frauen begannen, die Zahlen weiblicher Mitarbeiter in ihren Firmen zu sammeln und im Netz zu veröffentlichen. Und seit 2015 geben Riesen wie Intel, Google, IBM und Apple Millionen von Dollars jährlich für «Diversität» aus. Ziel: Der Frauenanteil soll wachsen, und wer Frauen einstellt, erhält einen Bonus.

Nicht erkanntes Problem in der Schweiz

In der Schweiz wird das Problem nicht erkannt, geschweige denn benannt Auch in der Schweiz bestreitet heute niemand mehr, dass die Branche mehr Frauen braucht. Allerdings findet keine öffentliche Diskussion statt, Sexismus in der Tech-Branche ist kein Thema. Dass heisst aber nicht, dass das Problem hier nicht genauso verbreitet ist. «Im Gegenteil», sagt Unternehmerin Altorfer.

«Ich habe in vielen Ländern gelebt und gearbeitet, aber in der Schweiz muss ich für die gleichen Rechte, wie sie IT-Männer haben, bedeutend mehr kämpfen.» Eine Aussage, die alle Gesprächspartnerinnen mit Auslanderfahrung bestätigen. Lea von Bidder, 26, Gründerin einer Tech-Firma, die sie von San Francisco aus leitet, ist überzeugt, dass «man in den USA viel aufmerksamer ist, was Sexismus angeht, und solches Verhalten mittlerweile auch sanktioniert wird».

Viele Frauen schweigen

In der Schweiz können weibliche IT-Fachkräfte kaum auf Solidarität zählen. Und viele schweigen, weil sie ihre Karrieren nicht gefährden wollen. Andere, weil nicht noch mehr junge Frauen abgeschreckt werden sollen. Ein Teufelskreis. Genauso stumm bleiben die Männer in der Branche. Vielleicht, weil sie an der schlechten Behandlung ihrer Kolleginnen nichts Schlimmes finden. Vielleicht, weil es ihnen egal ist.

In der Schweiz können weibliche IT-Fachkräfte kaum auf Solidarität zählen.

«Aus meiner Sicht ist Sexismus kein spezifisches Thema der Tech-Branche», liess der Medienverantwortliche des Branchenverbandes ICT Switzerland verlauten, in dessen 44-köpfigem Vorstand genau eine Frau sitzt. Auch der Sprecher von Swiss­ ICT findet, Sexismus sei kein Branchenproblem, sondern ein gesellschaftliches. Kurzum: Die Schweiz hinkt hinterher. Schnelle Lösungen sind keine in Sicht, weil das Problem nicht als solches erkannt, geschweige denn benannt wird.

Entlassungen sexistischer Chefs

Und so beklagt man weiterhin den tiefen Frauenanteil in der Tech-Branche, organisiert Schnuppertage für Mädchen in IT-Berufen und wundert sich, dass alles nichts hilft. Immerhin: Vor zwei Jahren startete die Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen (Svin) das Impulsprogramm «Kultur-Wegweiser», das zum Ziel hat, «zusammen mit Unternehmen Konzepte auszuarbeiten, wie Frauen in die Branche geholt und auch gehalten werden können», so Präsidentin Andrea Kennel.

Denn Entlassungen von sexistischen Chefs und Mitarbeitenden wie in den USA mögen kurzfristig Erleichterung verschaffen, langfristig sind sie aber nicht mehr als eine Symptombekämpfung. * Namen geändert (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.07.2017, 21:56 Uhr

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