Im kalten Krieg

Markus Somm über Trumps verfehlte Handelspolitik.

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Anfang Woche hat die chinesische Zentralbank den Yuan abgewertet oder besser: liess zu, dass die eigene Währung an Wert einbüsste. Obschon dies offiziell natürlich nicht so dargestellt wurde, dürfte Chinas Regierung, die auch die Zentralbank beherrscht, damit die USA unter Druck setzen wollen. Faktisch verbilligen sich so die chinesischen Exporte, was den höheren Zöllen, die die USA neuerdings verlangen, den Schrecken nimmt. Erst eine Woche zuvor hat Donald Trump weitere Massnahmen gegen China angekündigt, nachdem er seit Monaten sowohl Rhetorik als auch Taten verschärft hatte. Trump ist scheinbar überzeugt, dass China ein gefährlicher Rivale ist, der nur mit gefährlichen Mitteln zum Einlenken gebracht werden kann. Der Handelsstreit wütet, längst ist ein kalter Krieg zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt ausgebrochen – mit allen Unwägbarkeiten.

Wer ihn gewinnt, ist unklar. Zwar sind die USA nach wie vor die Mächtigeren in diesem Konflikt, denn Chinas undemokratisches Regime ist auf Gedeih und Verderb auf Wachstum angewiesen. Doch womöglich läuft Trump die Zeit davon, während China alle Zeit der Welt zu haben glaubt – es ist ein Land, das nicht in Quartalen und Wahlzyklen denkt, sondern in Jahrtausenden. Offenbar ist Peking der Meinung, man könne die Herrschaft des wilden Mannes im Weissen Haus aussitzen. Tatsächlich könnte das Kalkül aufgehen. Stürzt die Weltwirtschaft, und insbesondere Amerika, 2020 in eine Rezession, dann sind Trumps Chancen, wiedergewählt zu werden, sehr gering, wenn nicht ruiniert. Trump riskiert sehr viel. Noch nie ist ein amerikanischer Präsident im Amt bestätigt worden, wenn sein Land in einer wirtschaftlichen Krise steckte. Schon «normale» Präsidenten sind an diesem politischen Naturgesetz gescheitert, und Trump zählt definitiv nicht zu den «Normalen».

Wenn es eine Politik gibt, wo Trump so gut wie alles falsch macht, dann ist dies seine Aussenhandelspolitik – sowohl in taktischer als auch in inhaltlicher Hinsicht. Ein chinesischer Kollege, der seit langem in Amerika lebt, hat mir erzählt, wie Trump, der Grobian, im genauso groben, aber eben verdeckt groben China ankommt: Als Mann, vor dem man sich zwar in Acht nimmt, dem man aber nie nachgeben wird, weil man das nicht kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Brutalitäten werden auch in China begangen, und nicht zu knapp, siehe Hongkong, doch man meidet das Licht der Öffentlichkeit, wogegen Trumps Twittergewitter vor aller Augen niederprasseln. Ebenso verhält es sich mit Konzessionen: Wer als chinesischer Kaiser etwas auf sich hält, und Xi Jinping, der kommunistische Kaiser, gehört zu dieser Sorte, der kann nur dann einen Kompromiss schliessen oder gar eine Niederlage einstecken, wenn niemand davon erfährt. Gesichtswahrung ist alles.

«Ökonomisch liegt Trump, ein Immobilienmann, genauso falsch.»

Erscheinen in der amerikanischen Presse Fotos, die den chinesischen Verhandlungsführer unvorteilhaft zeigen, dann ist das für die Chinesen, so der Kollege, fast so schlimm wie die Tatsache der Zollerhöhung, zumal sie davon ausgehen, dass das Weisse Haus solche üblen Bilder mit Absicht arrangiert. Von Pressefreiheit hat man zwar auch in Peking gehört, sie aber nie ernst genommen. Dass Journalisten aus eigenem Antrieb in den Augen der Chinesen Verleumdungspropaganda verbreiten – wer kann sich das in der KP vorstellen? Es wirkt zu surreal. Trump tut ­alles, dass die Chinesen sich lieber selber schädigen, als den USA entgegenzukommen. Wer sein Gesicht verloren hat, dem fehlt es für Jahrtausende, – eine Wirtschaftskrise bleibt eine Anekdote im Lauf der endlosen Geschichte.

Ökonomisch liegt Trump, ein Immobilienmann, genauso falsch. Amerikas Zölle auf chinesischen Waren zahlen vorab die Amerikaner, und ihre Industrie leidet zwar unter der chinesischen Konkurrenz, wird aber hinter Schutzmauern nicht auferstehen. Es mangelt manchen Unternehmen an Innovationskraft, Produktivität und Qualität, es fehlen im Land gut ausgebildete Handwerker und Facharbeiter, eine seit Jahrzehnten missratene Bildungspolitik verlangt ihren Preis. Fairerweise ist einzuräumen, dass Trump bloss eine alte schlechte Tradition wiederbelebt. Die USA waren seit jeher meistens sehr viel protektionistischer, als man in Europa ahnte.

Für Europa bedeutet dies alles nur Schlechtes. Zwischen die Fronten geraten, dürfte unser Kontinent maximal betroffen sein. Wenn China schwächelt, ächzt Deutschland, und wenn dieses stottert, kommt die EU zum Erliegen – und ebenso die Schweiz. Es ist Zeit, sich vom schönen Sommer zu verabschieden.



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Erstellt: 10.08.2019, 23:05 Uhr

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