Im Königreich der Angst

Wie wir das Erbe der alten Griechen verraten.

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Vergangene Woche verbrachte ich in Magna Graecia, einer Region im tiefsten Süden Italiens. Vor 3000 Jahren gründeten die Griechen hier Kolonien, lange vor dem Aufstieg Roms und ein Jahrtausend bevor unsere Vorfahren in die heutige Schweiz einwanderten. Das waren die Helvetier, ein Stamm aus dem Dunkel der Vorgeschichte. Nur deshalb namentlich bekannt, weil sie von Julius Cäsar in der heutigen Westschweiz angesiedelt worden waren.

Im Winter ist Magna Graecia, berühmt für seine alten Tempel und Amphitheater, ein trostloser Ort. Die Touristen sind verschwunden, die Tomaten- und Weizenplantagen abgeerntet, ab Mitte Oktober setzt beständiger Regen ein. Die Kälte und die Nässe dringen durch die Jacke in die Kleider, auf die Haut, schliesslich in die Gedanken.

Wir recherchieren aktuell in den Flüchtlingslagern der Region für einen Jesus-Film. In unserer Adaption des Evangeliums sollen – historisch korrekt, denn Jesus und seine Apostel waren die Underdogs des römischen Imperiums – alle Rollen von den Verlierern der heutigen Weltwirtschaft gespielt werden: von den durch die Getreideimporte in Konkurs gegangenen süditalienischen Bauern, von arbeitslosen Jugendlichen und den in Italien gestrandeten Flüchtlingen aus Afrika.

Wegen des Dublin-Abkommens können die Flüchtlinge das Land nicht verlassen

Letzeren geht es besonders übel. Sie überdauern den süditalienischen Winter in aufgegebenen Rohbauten, in den Ruinen ehemaliger Bauernhäuser, in Holzbuden unter freiem Himmel. Ihre Flucht nach Europa hat sie ein Vermögen gekostet, die Rückkehr ist unmöglich, oft wäre sie tödlich. Wer das Glück hatte, auf dem Weg nach Europa den libyschen Sklavenhaltern zu entkommen, arbeitet im Sommer für ein paar Euro pro Tag auf den Tomatenfarmen. Im Winter aber bleibt ihnen nichts, als sich zu verstecken.

Denn wo die Griechen einst die Demokratie erfanden, hat der italienische Innenminister Matteo Salvini ein Königreich der Rechtlosigkeit und der Angst etabliert. Die offiziellen Auffanglager wurden aufgelöst, wegen des Dublin-Abkommens können die Flüchtlinge das Land nicht verlassen. Sie stecken fest, können weder nach vorwärts noch zurück. Da in Italien auch der Flüchtlingsstatus gerade abgeschafft wird, sind sie das, was man im Mittelalter «vogelfrei» nannte.

Salvini, der von einer «kontrollierten ethnischen Säuberung» Italiens spricht, fällt im heutigen Europa gar nicht weiter auf. Während die Österreicher sich aus dem UNO-Migrationspakt zurückziehen, machen wir Schweizer, Nachfahren der Helvetier, uns daran, mit der Selbst­bestimm­ungs­­initiative die Menschenrechte und damit die letzten Schutzmechanismen für Flüchtlinge auszuschalten.

So verraten wir das Erbe der alten Griechen nicht nur. Wir werfen es weg, ohne Not. Oder um es biblisch zu sagen: Man wird uns einst daran erkennen, wie wir mit den Ärmsten, den Schutzlosesten umgegangen sind. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 00:05 Uhr

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