Im Land des Lächelns

Markus Somm über seine erste Woche in Amerika.

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Minus 30 Grad Celsius in Chicago, bis zu minus 37 Grad in Detroit, wenn der Wind bläst, und immerhin minus 17 Grad in der Region Boston, wo wir wohnen: Amerika ist diese Woche zu Eis erstarrt. Zahlreiche Schulen wurden geschlossen, in Chicago auch Museen, unter anderem der Zoo, um die Tiere zu schonen, und in den Medien wies man uns im Stundentakt darauf hin, wie wir uns zu ver­halten hätten. «Gehen Sie so selten wie möglich nach draussen. Tragen Sie Schal, Mütze, Handschuhe, lange Unterhosen und wasserdichte Stiefel. Lassen Sie Ihren Hund im Warmen und achten Sie auf Frostbeulen, sobald Sie welche an sich entdecken!» Während eine Nation sich einpackte, als ginge es auf eine Polarexpedition, störte der Gouverneur von Kentucky, Matt Bevin, diesen feierlichen Moment der klimatologischen Erschütterung, indem er in einem Interview kritisierte, dass die Schulen wegen der Kälte ihren Betrieb einstellten. Natürlich ist er ein Konservativer. «Was ist mit Amerika los?», sagte er: «Wir werden weich.»

Zwar gab er nachher an, dies ein wenig als Scherz gemeint zu haben, doch es war längst zu spät, und eine Empörungsmaschinerie setzte sich in Gang, die ihn niederfräste wie ein Schneepflug. Lehrer protestierten, ihre ­Gewerkschaften sowieso, besorgte Ärzte gaben Auskunft, ­demokratische Politiker schüttelten den Kopf, und die Journalisten machten sich lustig über einen, der in so manchem ihrem Lieblingsfeind Trump gleicht: Bevin war ein tüchtiger Unternehmer, bevor ihn die rechte Tea-Party-Bewegung in die Politik katapultierte, seither macht er von sich reden mit Unsinn und vernünftigen Dingen zugleich.

Dass er auch jetzt etwas Bedenkenswertes vorbrachte, dass man nämlich den jungen Menschen ein fatales Zeichen gebe, wonach jeder Notstand mit einer einfachen Massnahme wie dem Schliessen einer Schule aus der Welt geschaffen werden könne – das alles ging unter in einem arktischen Sturm einer polarisierten Öffentlichkeit. Bevin, der Dumpfmumpf von der Republikanischen Partei. Haben wir es nicht schon immer gewusst?

Was man in Amerika an ­Offenheit erfährt: Es ist rührend, es ist beglückend.

Seit einer Woche leben wir hier, wo wir bereits vor Jahren längere Zeit verbracht haben, bis Anfang Sommer werden wir bleiben – und insoweit ist diese kurze Kontroverse um geschlossene Schulen das Einzige, was wir bisher an Polarisierung in diesem wohl durchaus gespaltenen Land erfahren haben. Im Gegenteil, wenn man mit den Leuten spricht, fällt das T-Wort äusserst selten, wenn auch zuzugeben ist, dass die meisten Amerikaner nicht so gerne über Politisches reden, besonders wenn sie einen nicht kennen. Stattdessen bleiben die Amerikaner die wohl freundlichsten und zivilisiertesten Menschen dieses Planeten. So gut wie nie erlebt man hier, dass man unhöflich angegangen wird, selbst wenn man Fehler begeht. Jedermann ist hilfsbereit, jedermann lässt sich gerne auf ein Gespräch ein.

Ein Volk von Einwanderern weiss, wie schwer es dem Neuling fällt, sich zurechtzufinden. Wenn die Kinder das erste Mal in der Schule auftauchen, werden sie von ihren neuen Lehrern und Kameraden mit einer Begeisterung empfangen, wie man sich das in der Schweiz nur schwer vorstellen kann, wo man so tut, als ob jeder seit Jahrhunderten hier hockt. Was man in Amerika an ­Offenheit erfährt: Es ist rührend, es ist beglückend. Zwar hat unser jüngster Sohn in seiner Klasse bereits klargestellt, dass die Schweizer Pizza der amerikanischen, da viel zu umfangreich, überlegen sei, doch das hat seiner Beliebtheit keinen Abbruch getan, zumal er die schweizerische Pizza etwas unkonventionell als die «höfliche» unter den Pizzas bezeichnet hat. Und wer viel erzählt und die Leute zum Lachen bringt, hat hier schon gewonnen – in Amerika, diesem kommunikativen Land, wo jeder Busfahrer, so macht es den Eindruck, sofort in einem Film auftreten könnte: «Hi, mein Name ist Ferry, wie das Boot» begrüsste der Fahrer des Schulbusses unsere Kinder, und dann sang er die ganze Zeit während der Fahrt; dabei schaukelte er mit dem ganzen Körper und drehte das Steuerrad leicht hin und her. War er etwa betrunken?, fragten sich unsere ­Kinder bange. Nein, nur sehr originell.

Ansonsten gähnte der Schulbus vor Leere. Unsere Kinder sind fast die einzigen, die diese kluge öffentliche Einrichtung nutzen. Alle übrigen werden von ihren Eltern mit dem Auto von der Schule abgeholt, was bemerkenswert ist für den Ort, wo wir wohnen, eine durch und durch ­demokratische, reiche Hochburg, wo alle sich um die Klimaerwärmung Sorgen machen. Inzwischen wurden auch in Matt Bevins Kentucky ein paar Schulen geschlossen.

Erstellt: 02.02.2019, 22:23 Uhr

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