Im politischen Zoo

Markus Somm über die Folgen des 9. November 1989.

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Dr. Toni Häfliger, der stellvertretende Chefredaktor, hörte sorgfältig zu, als das Schweizer Radio die Ergebnisse dieser historischen Volksabstimmung meldete, und machte sich Notizen, als ich schon in sein Büro gestürmt kam, in die Luft sprang und jubelte: «35,6 Prozent! Jetzt ist aber Schluss mit der Beton-Schweiz!» – «Sei doch ruhig, ich muss zuerst hören, was geschehen ist», schnitt er mir das Wort ab, und obwohl sein Gesicht bleich war wie ein Leichentuch, tat er so, als wäre er noch neutral – so jedenfalls kam es mir vor, damals ein linker Student, der in den Ferien und an den Wochenenden für das «Aargauer Volksblatt» arbeitete, eine Lokalzeitung in Baden, einst das führende Blatt der mächtigen CVP im Kanton. Nie hatte ich erlebt, dass ­Dr. Häfliger, ein sanfter Katholik, mich so angeherrscht hatte.

Es war der Sonntag, der 26. November 1989, und Volk und Stände hatten sich zu einer Initiative zu äussern, die so frech war, dass man sie am liebsten verboten hätte. Doch damals hielten sich die herrschenden Kreise an die Regeln der direkten Demokratie, wenn auch widerwillig, und so stimmten wir darüber ab, ob die Schweiz ihre Armee abschaffen sollte. Die Forderung war so radikal und wirkte so unschweizerisch, weil so unkonservativ, dass die halbe Welt sich wunderte und Journalisten hierher pilgerten, um das exotische Volk zu besichtigen, das solches unternahm. Ausflug in den politischen Zoo. Vor gut zwei Wochen war die Berliner Mauer gefallen – und auch wenn die GSoA, jene Organisation von Verrückten, das so nie eingeräumt hätte, war das der entscheidende Grund, warum so viele Stimmbürger diese verrückte Volksinitiative gutgeheissen hatten. Wäre ein paar Jahre später darüber abgestimmt worden, hätte die GSoA sehr viel weniger Leute angesprochen.

Doch die Mauer hatte sich geöffnet, der Kalte Krieg war beendet worden, und damit schien auch eine neue Schweiz entstanden zu sein, was die Linke paradoxerweise erfreute, deren Sozialismus ja verloren hatte, während die siegreichen Bürgerlichen, so muss man es dreissig Jahre später sagen, sich von diesem Triumph nie mehr erholen sollten. Man verlor den Kopf, nicht nur Dr. Häfliger, hier in der Schweiz, dieser Hochburg der liberalen Kräfte in Zeiten des linken und rechten Totalitarismus, die im 20. Jahrhundert so viele Länder verwüstet hatten. Wenn wir heute auf 1989 zurückblicken, dann hat die Schweiz die Befreiung vom Sozialismus, die im Osten stattfand, nicht gut genutzt. Unsere Eliten und unser Land, die das 20. Jahrhundert im Vergleich zu den meisten in Europa sehr viel besser, auch anständiger, bewältigt hatten, zogen die falschen Schlüsse.

Der Untergang als Abwechslung

Statt – bei aller Selbstkritik – sich vor Augen zu führen, was uns erfolgreicher und glücklicher gemacht hatte, lösten wir uns auf. Es wurde chic, das solid bürgerliche Land geistig zu liquidieren, als hätten wir einen Bankrott erlitten – und wären nicht gerade grandios bestätigt worden. Was das Land stark und immun gegen tödliche Ideologien gemacht hatte: liberale, direktdemokratische und dezentrale Strukturen – man war bereit, sie zur Disposition zu stellen.

Dass die Linke solches tat, mag dabei weniger überraschen, sie waren bis zu diesem Zeitpunkt eine machtlose Minderheit geblieben, dass aber die Bürgerlichen sich für insolvent erklärten, als der Aktienkurs des Landes so hoch wie nie zuvor stand: Das scheint schwer erklärbar zu sein. Wunder der Konfusion. Etwas gelangweilte, blasierte Manager verlangten jetzt plötzlich nach ­Total-Reform und bezeichneten dies als «Mut zum Aufbruch», wo wir es mehr mit dem Mut zur Ignoranz zu tun hatten. Sie verstanden nichts mehr von dem Land, das sie gross gemacht hatte. Andere, die es besser wissen sollten – Bundesräte, Professoren, Diplomaten, – warben nun für den Beitritt des Landes zur EU, was unsere Institutionen, denen wir so vieles verdankten, auf immer beschädigt ­hätte. Man nahm es in Kauf – was verständlich gewesen wäre, wenn diese Institutionen uns zum Armenhaus Europas verdammt hätten. Das aber war nicht der Fall.

Woran lag es, dass die herrschenden Kreise das Land so gedankenlos aufgaben, das sie so lange so gut und tüchtig regiert hatten? Warum Bern in die Luft sprengen, wenn anderswo nur grössere Ruinen locken? Vielleicht gibt es nichts Schlimmeres als den permanenten Erfolg. Man sehnt sich nach dem Untergang – als Abwechslung.

Und Dr. Häfliger? Vermutlich schrieb er noch einen scharfen, unversöhnlichen Kommentar. Sicher auch, weil ihm der Volontär auf die Nerven ging.

Markus Somm ist Autor der SonntagsZeitung.



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Erstellt: 09.11.2019, 23:43 Uhr

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