Der Schuldenrausch bedroht die Weltwirtschaft

Staaten, Firmen und Privathaushalte leben auf Pump – die steigende Verschuldung hat gravierende Folgen.

Auf wackligem Fundament: In China können viele Firmen
ihre Schulden nicht bezahlen. Foto: AFP

Auf wackligem Fundament: In China können viele Firmen ihre Schulden nicht bezahlen. Foto: AFP

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Die Schuldenbombe tickt. Sie ist das Erbe der Finanzkrise von 2008. Danach sollte alles anders werden. Das Versprechen lautete: weniger Schulden, weniger Exzesse, solide Finanzen. Die Realität sieht anders aus. Gewaltige Zahlen präsentiert das Washingtoner Institut für International Finance in seinem jüngsten «Global Debt Monitor». Der internationale Schuldenberg wächst und wächst und erreichte im ersten Halbjahr den Rekordwert von 250,9 Billionen Dollar. Dies entspricht 320 Prozent des weltweiten Bruttoinlandprodukts. Kommende Woche, mit dem Ende des Jahrzehnts, dürfte laut dem Washingtoner Institut die 255-Billionen-Dollar-Marke fallen. Eine gigantische Schuldenspirale von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten, einzigartig und gefährlich für das gesamte Finanzsystem.

Am Anstieg der Staatsschulden um 2,8 Billionen auf 68,4 Billionen Dollar sind primär die USA und China schuld. Sie sind für rund 60 Prozent des Anstiegs verantwortlich. In diesem Jahr gab es in China mit 18,6 Milliarden Dollar den höchsten Stand an Ausfall­raten bei Unternehmensanleihen, meldete die «Financial Times» vergangene Woche. Die Schulden­statistik Chinas gilt als undurchsichtig. Zum Gesamtbild passt, dass auch die Schwellenländer mit 71,4 Billionen Dollar am Schuldentropf hängen. Die Privathaushalte tragen mit 46,5 Billionen Dollar zum gigantischen Schuldenberg bei.

Mindestens so alarmierend ist die horrende Unternehmensverschuldung ausserhalb des Finanzsektors, die mittlerweile 74,2 Billionen Dollar erreicht hat. Der ­Finanzsektor selbst kommt auf 60,6 Billionen. Zudem wird wieder gezockt: So werden fremd­finanzierte Mega-Übernahmen gestemmt. Leben auf Pump ist so selbstverständlich, als hätte es nie Finanzkrisen gegeben. Zur Jahrzehntwende liegt die Verschuldung der Welt um 43 Prozent höher als bei Ausbruch der Finanzkrise.

Auch halb tote Unternehmen bekommen Kredite

Die Gründe liegen auf der Hand. Die Pleite der Bank Lehman Brothers in den USA 2008 zwang die wichtigsten Notenbanken der Welt zum Eingreifen. Die Finanzmärkte wurden durch massive Liquiditätsprogramme und radikale Zinssenkungen bis hin zu Nullzins- oder Negativzinspolitik stabilisiert, um die Weltkonjunktur anzukurbeln.

Doch was als Krisenmanagement gedacht war, entwickelte sich zum Dauerzustand. Die Zentralbanken fluten bis heute die Märkte mit Billionen und sorgten für Rekordstände an den Börsen. Investoren können sicher sein, dass Notenbanker kaum Zinserhöhungen wagen, die angesichts der Schuldenberge verheerende Folgen für die Schuldner aller Couleur hätten.

Schulden und Kredite sind nicht grundsätzlich schlecht. Wenn die Investitionen stimmen, Innovation und Wachstum generiert wird, können Schuldenstände abgebaut werden. Doch eine Überschuldung ist riskant. Finanzakteure und Konzernlenker werden angesichts des billigen Geldes überheblich und suchen den eigenen Vorteil.

Immer mehr Unternehmen geben eigene Anleihen aus und starten enorme Aktienrückkaufprogramme in Milliardenhöhe – häufig auf Pump. Fremdkapital wird fast zum Nulltarif eingekauft. Der eigene Aktienkurs wird hochgetrieben, die Aktionäre werden beglückt und die eigenen Boni erhöht. Nach Berechnungen des deutschen «Handelsblatts» haben in den letzten zwölf Monaten allein in den USA die 500 grössten Unternehmen für Aktienrückkäufe und Dividenden satte 1,3 Billionen Dollar ausgegeben.

Diese Summen fehlen für Investitionen in die Unternehmen. Zudem gehen die Topmanager immer mehr Risiken ein und wagen mit horrenden Summen Firmenübernahmen. Ob eine Firma erstklassig ist oder ein sogenanntes hoch verschuldetes Zombie-Unternehmen, scheint sekundär. Auch schwache Gesellschaften können sich ohne Probleme refinanzieren, weil renditehungrige Investoren reihenweise parat stehen.

China muss seine Banken vor der Pleite retten

Warnungen vor den Gefahren der Schuldenbomben gibt es durchaus. Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff kritisierte erst kürzlich die Kreditschwemme in China, die zu «unzähligen Zombiekonzernen» führen werde, zumal die chinesischen Statistiken «unzuverlässig» seien. Zudem gehören in China viele Grosskonzerne dem Staat, und es fehlt an Transparenz.

Peking musste in diesem Jahr drei regionale Banken retten, Hengfeng, ­Baoshang und die Jinzhou-Bank. Die Credit Suisse riet bereits Anfang des Jahres Investoren dazu, die Kreditaufnahme von US-Firmen «genau im Auge zu behalten». Laut der US-Notenbank hatten sich amerikanische Firmen bereits bis Ende 2018 mit 9,7 Billionen Dollar verschuldet. Davon entfielen 6,2 Billionen auf eigene Anleihen. Auch minderwertige Ramsch­anleihen sind wieder in, sie liegen aktuell bei 1,2 Billionen Dollar. Zudem werden Milliarden in Firmen wie Wework, Uber, Tesla oder Netflix gepumpt, die auch nach Jahren keine Gewinne erwirtschaftet haben. Immer handelt es sich um Fremdkapital, das irgendwann zurückbezahlt werden muss.

Der Internationale Währungsfonds stuft Anleihefonds in Höhe von 1,7 Billionen Dollar als Risikofaktor ein. Gefahr droht dann, wenn etwa aufgrund überraschender Veränderungen hohe Volatilität an den Finanzmärkten entsteht, Anteilseigner eine Verkaufswelle starten und Fonds in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Risikofaktoren wie Rezession, Handelskrieg oder Cyberattacken sind Realität, aber viele Investoren ignorieren diese Gefahren. Ernste Liquiditätsprobleme bei Unternehmen können zu Pleitewellen und Vertrauensverlust führen, die sich auf das gesamte Finanzsystem negativ auswirken.

Schweizer Firmen sind bei den Schulden zurückhaltend

Janet Yellen, Ex-Chefin der US-Notenbank, warnte bereits vor einem Jahr vor einer steigenden Unternehmensverschuldung und verwies dabei auf Finanzprodukte, bei denen Firmenkredite gebündelt, verbrieft und verkauft werden. Viele Investoren hätten solche Papiere gekauft, so Yellen. Bei einem Abschwung könnte die hohe Verschuldungsrate gewisser Unternehmen zu vielen Pleiten führen und die Krise verlängern. Auch der Vermögensverwalter Blackrock stuft Unternehmensanleihen als «riskanter als noch vor ein paar Jahren» ein.

Schweizer Konzerne sind bei Verschuldungsstrategien eher zurückhaltend. Sie nutzen tiefe Zinsen für eine günstige Refinanzierung und sind in «robuster Verfassung», heisst es im Kredithandbuch 2019 der Credit Suisse, für das 68 Emittenten untersucht wurden. Die Nettoverschuldung der betreffenden Firmen stieg aber um gut ein Fünftel auf 115 Milliarden Franken. Die fünf grössten Konzerne bei der Kapitalaufnahme sind ABB, LafargeHolcim, Nestlé, Novartis und Roche. Durch Teilverkäufe in Milliardenhöhe haben aber ABB oder Novartis die eigenen Kassen wieder gut gefüllt.

Die Schweizer Privathaushalte erreichen dagegen bei den Hypothekarschulden einen Spitzenplatz. Vor einem Jahr erreichte die Schuldenlast ein Rekordhoch und knackte die Billionengrenze. Die tiefen Zinsen locken zum Hauskauf.



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Erstellt: 29.12.2019, 18:03 Uhr

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