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Der doppelte Beschiss am Patienten

Macht das Beispiel Hirslanden Schule, werden sich die Kosten nochmals ­erhöhen.

Einmal mehr droht wegen des Fehlverhaltens von einigen wenigen ein bürokratischer Albtraum. Anders als für Medikamente gibt es bisher für Implantate keine behördliche Zulassung, sondern es sind private Stellen, die deren ­Sicherheit, oder mindestens deren Konformität mit den international geltenden Normen, bewerten. Die Schweiz hat in dem Bereich 1999 das System der Europäischen Union (EU) übernommen. Das war Teil der bilateralen Verträge. ­Seither reicht die CE-Zertifizierung einer einzigen Stelle aus, damit ein Implantat in der ganzen EU wie auch in der Schweiz zugelassen wird.

Doch das effiziente und einfache System ist missbraucht und Patienten sind beschissen worden. Das hat ein vom International ­Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) ­koordiniertes Netzwerk von Journalisten, zu dem auch Reporter der SonntagsZeitung gehören, mit den «Implant Files» eindrücklich nachgewiesen.

Welches Leid für die ­Betroffenen und welche Gefahr für fehlbare ­Firmen mangelhafte Implantate darstellen, zeigte sich in der Schweiz ­Anfang der Nullerjahre. Damals ging Sulzer Medica fast in Konkurs, weil sie verschmutzte Hüft- und Kniegelenke ver­kaufte. Tausende Patienten mussten ein zweites Mal operiert werden. Als Konsequenz aus dem Skandal verlor Sulzer ­Medica schliesslich die Unabhängigkeit.

Noch ­frischer in Erinnerung ist der Skandal um einen französischen Hersteller, der Industrie-Silikon für Brustimplantate verwendete. Deswegen hat jetzt die Zulassungsstelle TÜV Rheinland eine Klage von fast sieben Millionen Franken am Hals. Die Zürcher Firma Nobel Biocare bekam in Japan Probleme, weil ihre Dentalimplantate falsch ­ eingesetzt wurden. Inzwischen hat der einstige Börsenstar seine Unabhängigkeit verloren.

Das Wehklagen der Branche ist gross.

Als Konsequenz all dieser Skandale hat die EU vor zweieinhalb Jahren ihre Vorschriften ­verschärft und eine neue Verordnung in Kraft gesetzt. Bis Ende Mai 2020 läuft eine Übergangsfrist, dann gilt es ernst: Alle Medizintechnikprodukte müssen neu getestet und zertifiziert werden. Das Wehklagen der Branche ist gross, die Zertifizierungen verlaufen chaotisch, und allenthalben werden Forderungen nach einer Fristverlängerung laut. Eine halbe Milliarde ­Franken soll der zusätzliche Aufwand betragen – und es gibt viel zu wenige Zulassungsstellen.

In dieser Situation reagiert die Hirslanden-Gruppe und anerkennt die CE-Zertifizierung nicht mehr als Gütesiegel. Künftig will sie zu Qualitätszwecken selber nachprüfen. Wenn dies Schule macht, werden sich der bürokratische Aufwand und die damit verbundenen Kosten nochmals ­erhöhen. Bezahlen muss natürlich der Patient, denn der kann kaum auf ein Implantat verzichten. Er wird darum doppelt beschissen.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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