In den Alpen lagern versteckte Schätze

Es gibt keinen Bergbau in der Schweiz – dabei hätte er grosses Potenzial.

In Sessa TI wurde von 1847 bis 1955 Gold geschürft. In den letzten Betriebsjahren wurden 500 kg des Edelmetalls gefunden. (Foto: Keystone)

In Sessa TI wurde von 1847 bis 1955 Gold geschürft. In den letzten Betriebsjahren wurden 500 kg des Edelmetalls gefunden. (Foto: Keystone)

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Die Alpen sind wertvoll. Nicht zuletzt wegen ihres atemberaubenden Panoramas und der frischen Bergluft strömen jedes Jahr Hunderttausende Touristen ins Land. Doch sind die alpinen Erdschichten auch im wahrsten Sinne des Wortes gehaltvoll, sehr gehaltvoll sogar. Robert Moritz, Professor für Geowissenschaft der Universität Genf, erklärt warum: In den Alpen des Waadtlandes, des Tessins und in Graubünden sind Gold, Zink, Fluorit, Barium und Wolfram zu finden.

Das Potenzial der Alpen, was Edelmetalle und die sogenannten seltenen Erden betrifft, ist noch kaum angekratzt. «Wir wissen nicht viel darüber, was über 100Meter Tiefe hinaus passiert», sagt Nicolas Meisser, Mineralogie-Kurator am kantonalen Museum für Geologie der Universität Lausanne.

Wolfram ist in Tälern im Wallis vorhanden

Es sei aber sehr wahrscheinlich, dass die meisten der in der Hochtechnologie verwendeten Metalle hierzulande vorhanden sind. «Es ist sehr gut vorstellbar, dass es Rhenium, Tellur, Wismut, Antimon oder Germanium zu finden gibt», sagt Professor Robert Moritz dazu. Aber noch seien die Vorkommen an seltenen Erden in der Schweiz nur sehr fragmentarisch abgebildet.

Es liegt auf der Hand, warum derzeit die seltenen Erden als Boom-Metalle gehandelt werden. Von Magneten in Windkraftanlagen bis hin zu Handy-Displays oder Elektroautobatterien finden sie sich in so gut wie allen modernen technologischen Produkten. ­«Diese Ressourcen sind für unsere neue ökologische und digitale Gesellschaft unerlässlich geworden», bestätigt Guillaume Pitron, Autor und Bergbauexperte.

Auch wenn noch wenig über die genauen Vorkommen der Metalle in der Schweiz bekannt ist, gibt es erste Erkenntnisse: Wolfram ist in den Tälern von Anniviers und Hérens im Wallis vorhanden. «Es wurden noch keine tiefen Löcher gegraben», sagt Nicolas Meisser, «aber da das Gestein geologisch dem österreichischen Standort Mittersill ähnlich ist, ist es möglich, dass es sich um eine grosse Lagerstätte handelt.» Dieses seltene ­Metall von extremer Härte ist in der Luft- und Raumfahrt sowie der Rüstungsindustrie sehr gefragt.

Frühere Bergbauprojekte scheiterten

Daraus könnte die Schweiz Kapital schlagen. Der Wolfram-Markt ist unter Druck, China beherrscht mehr als 80 Prozent davon. Geopolitische Veränderungen untergraben die Stabilität des Handels. So droht China im Rahmen des Handelsstreits mit den USA, den Verkauf von seltenen Erden an die USA zu stoppen. Um die Versorgung sicherzustellen, sind andere Lösungen gefragt.

Deshalb erwachen alte Träume plötzlich zu neuem Leben. Bereits in den späten Nullerjahren wurden in der Schweiz Projekte zur Förderung seltener Erden gestartet, die jedoch allesamt irgendwann versandeten. Der Rückgang der Rohstoffpreise hat die Anleger vorsichtig gemacht. Im Wallis etwa wurde das Projekt Aurovallis unter der Leitung der kanadischen Gruppe Aurania eingestellt.

«Die Bohrungen am Mont Chemin haben zur Entdeckung eines wirtschaftlich zwar interessanten, aber auf den ersten Blick zu wenig konzentrierten kontinuierlichen Goldvorkommens geführt», sagt Keith M. Barron, Direktor des in Toronto ansässigen Unternehmens. Weitere Bohrungen wären erforderlich, um festzustellen, ob mehr zu holen ist, als es auf den ersten Blick scheint.

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«Wir haben auch interessante Mengen an Wolfram, Fluorit und Barium gefunden», fügt Barron hinzu. In Graubünden stiess ein Goldminenprojekt auf breite Ablehnung. 2012 lehnte die Bevölkerung ein Projekt in Disentis ab, kurz bevor der Abbau hätte beginnen sollen. Besonders die Tourismusindustrie steht dem Bergbau äusserst skeptisch gegenüber.

Lohnen würde sich der Abbau. Die in den Alpen vorkommenden Adern haben einen hohen Gold­gehalt. «Wir messen mehrere Gramm pro Tonne, was im weltweiten Vergleich ein hoher Wert ist», erklärt Meisser. Diese Gesteine enthalten auch nur sehr wenige Schadstoffe. Arsen etwa ist recht selten, was das Unfallrisiko beim Abbau begrenzt. Ein Problem gibt es aber beim Abbau: Das Gold ist über sehr grosse Flächen verteilt, was die Arbeit erschwert.

Dennoch könnten die Träume von Minen in den Alpen Realität werden, glaubt Mineraloge Meisser. «Es gibt in der Schweiz vier oder fünf Gebiete, die infrage kommen», sagt er. «Die Einheimischen könnten solchen Projekten zustimmen, wenn sie den wirtschaftlichen Nutzen auf die Waagschale legen, einschliesslich der anfallenden ­Lizenzgebühren», sagt auch Professor Robert Moritz.

Von Eisenbergwerken bis zu Steinbrüchen

Der Bergbau ist in der Schweiz prinzipiell nichts Neues. Bis ins 19. Jahrhundert wurden Salz, Eisen, Blei, Zink und Kohle ge­fördert. Die letzten Eisenberg­werke wurden in den 1960er-­Jahren geschlossen, namentlich in Sargans SG.

Während unter der Erde in der Schweiz aktuell kein kommerzieller Abbau stattfindet, gibt es im Tagbau Dutzende von Kalkstein-, Sand- und Lehmbrüchen. «Mit dem Boom der Schweizer Bauwirtschaft und dem Ausbau des Strassen- und Schienennetzes besteht ein riesiger Bedarf an Baustoffen», ergänzt Nicolas Meisser.

Auch ethische Aspekte sprechen dafür, den Bergbau in der Schweiz wiederzubeleben – Stichwort Kinderarbeit im Kongo oder die Verschmutzung von Flussläufen im Amazonasgebiet. Auch dass China bei den seltenen Erden die Vorherrschaft für sich beansprucht, liegt zumindest teilweise daran, dass das Thema Umweltverschmutzung dort noch keine grosse Rolle spielt.

Europas Bergbaupotenzial kann sich sehen lassen

«Es wäre ratsam, einen Teil der Bergbauindustrie hierher zurückzuholen, um die sozialen und ökologischen Auswirkungen besser zu kontrollieren», sagt Robert Moritz. Auch die Umweltbelastungen durch den Transport der in der Ferne abgebauten Materialien sind erheblich.

Die Voraussetzungen dafür sind zumindest teilweise vorhanden: Das Bergbaupotenzial in Europa kann sich nämlich sehen lassen. Nickel wird in Finnland ­abgebaut, Eisen in Schweden und in Norwegen findet sich Kupfer. Die europäischen Böden weisen zudem auch Lithium in grossen Mengen auf.

Know-how und qualifizierte Arbeitskräfte für die Förderung kann es also in der Nähe geben. «Eine Gesellschaft, die regionale Esswaren bevorzugt, sollte über die Ernährung hinaus darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, für die Wirtschaft benötigte ­Metalle aus Chile, Afrika oder ­China zu importieren», sagt ­Robert Moritz.



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Erstellt: 23.06.2019, 21:26 Uhr

Bergbau geht auch umweltschonend

Minen sind in den Augen der meisten in erster Linie schmutzig und gefährlich. Immer wieder gibt es Horrormeldungen über Unglücke. Zu Beginn des Jahres etwa verursachte der Bruch eines mit Rückständen gefüllten Damms der Vale Group eine Katastrophe in Brasilien. Der Fluss des freigesetzten toxischen Schlamms führte zu erheblichen Schäden für Mensch und Umwelt. Innerhalb der letzten 35 Jahre erlebte auch Europa in Ungarn, Rumänien und Norditalien drei grosse Bergbaukatastrophen. Kein Wunder, dass die Schweizer dem Thema skeptisch gegenüberstehen. Doch es gibt auch positive Beispiele.

«Es gibt Standorte, die sehr wenig Verschmutzung verursachen», sagt Nicolas Meisser, Mineralien-Experte beim kantonalen Museum für Geologie der Uni Lausanne. Als Beispiel nennt er Mittersill in Österreich. «Dort entsprechen die Sicherheits- und Umweltverträglichkeitsnormen den Schweizer Normen.»

Diese unterirdische Wolfram-Mine liegt rund 30Kilometer vom berühmten Skigebiet Kitzbühel entfernt, in der Nähe eines Nationalparks. Von der Extraktion der seltenen Erde bis zum Transport ist in Mittersill eine grosse Anzahl von Arbeitsschritten automatisiert. ­Tourismus und Landwirtschaft werden nicht beeinträchtigt. Das Metall wird unterirdisch zum Laufband transportiert, was die Staubemissionen begrenzt und weniger Transport per LKW nötig macht. Den «chemischen Fussabdruck» haben die Betreiber ebenfalls ­erheblich reduziert, so arbeiten etwa die Hydraulik­systeme isoliert von anderen Bereichen, was Verschmutzungen reduziert.

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