«In der Kirche gibt es eine Art Omertà, wie bei der Mafia»

François Ozon präsentierte an der Berlinale «Grâce à Dieu», einen brisanten Film über Missbrauchsopfer in Lyon.

Alexandre (Melvil Poupaud, rechts) versucht zuerst, Widerstand innerhalb der Kirche von Kardinal Barbarin (François Marthouret) aufzubauen. Bild: PD

Alexandre (Melvil Poupaud, rechts) versucht zuerst, Widerstand innerhalb der Kirche von Kardinal Barbarin (François Marthouret) aufzubauen. Bild: PD

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Der Prozess läuft gerade. Angeklagt ist unter anderen Kardinal Philippe Barbarin, als Erzbischof von Lyon der höchste Würdenträger der französischen Kirche. Ihm wird das Nichtverfolgen sexueller Übergriffe gegen Minderjährige vorgeworfen. Konkret: Er habe die pädophile Vergangenheit des Priesters Bernard Preynat vertuscht, der sich an 85 Kindern vergangen haben soll. Aufgedeckt wurde der Fall dank der hartnäckigen Arbeit einiger Opfer. Drei von ihnen stellt der französische Regisseur François Ozon ins Zentrum seines neuen Films.

Glauben Sie an Gott, Monsieur Ozon?
Ich hatte eine religiöse Erziehung, war Katechet, kenne dieses Milieu sehr gut. Aber ich habe den Glauben verloren als Jugendlicher, als ich meine Sexualität entdeckte. In der Kirche gab es keinen Platz für Homosexuelle.

Mit diesem Film werden sie sich keine Freunde machen in der katholischen Kirche.
Denken Sie? Ich bin mir nicht so sicher. Vor der Berlinale-Premiere hatte ich einige Testvorführungen. Selbstverständlich gab es Zuschauer, die sagten: Wieso nur Missbrauch in der katholischen Kirche aufzeigen, das gibt doch auch in anderen Religionen, in der Schule, im Turnunterricht? Aber es gibt auch gute Katholiken, die froh sind um den Film. Ich hörte von Bischöfen, die ihn auf ihrer Website empfehlen wollen.

Weshalb?
Weil es unterdessen so etwas einen Generalverdacht gibt, oberflächlich betrachtet hat man das Gefühl, jeder Priester sei pädophil. Das ist natürlich Blödsinn. Aber es hat mit diesem Schweigen zu tun, das immer noch Doktrin ist. Viele Katholiken sind wütend, weil die Kirche das Problem nicht offensiv angeht. Denen gebe ich eine Stimme.

Iher Geschichten sind sonst eher verschlungen. Hier stellen Sie den Film geradlinig in den Dienst der Sache.
«Grâce à Dieu» hat sich dorthin entwickelt. Auf der Internetseite der Bewegung «La parole libérée» bin ich per Zufall auf einen Text von Alexandre gestossen, der mich sehr berührte. Das ist der erste, der Anklage erhob, aber er hatte als guter Katholik zuerst zwei Jahre lange versucht, die Dinge innerhalb der Kirche zu ändern. Von da aus habe ich weiter recherchiert. Ursprünglich wollte ich einen Dokumentarfilm drehen.

«Ich habe festgestellt: Die Realität ist eine sehr gute Drehbuchautorin.»

Weshalb wurde es dann doch ein Spielfilm?
Weil ich merkte, dass die Leute, die mir so intime Dinge erzählt hatten, nicht unbedingt Lust haben, diese vor der Kamera zu wiederholen. Sie wussten auch, dass ich Spielfilmregisseur bin und erwarteten, dass ich eine französische Version von «Spotlight» drehe. Das kam für mich allerdings nicht in Frage, nichts gegen diesen Film, der den Oscar gewonnen hat vor zwei Jahren, aber darin ging es eher um die Rolle der Journalisten beim Aufdecken von Fällen in der Kirche von Boston. Ich aber wollte in Lyon wirklich die Opfer und ihre Familien ins Zentrum rücken.

Wie viel Freiheit haben Sie sich genommen?
Die Fakten habe ich nicht verändert. Alles, was die Kirchenmenschen sagen, haben sie wirklich gesagt, für das gibt es Dokumente. Verändert habe ich hier und dort die Familienverhältnisse der Opfer, da gab es Dinge, die sie nicht preisgeben wollten, was ich respektierte. Und ich habe die Zeiten ein wenig gestrafft. Insgesamt habe ich aber festgestellt: Die Realität ist ein sehr guter Drehbuchautor.

Man hätte es nicht besser erfinden können?
Ja.Dass Alexandre bei der ersten Konfrontation mit dem fehlbaren Priester akzeptiert, dessen Hand zu nehmen und mit ihm gemeinsam zu beten, hätte kein Drehbuchautor zu erfinden gewagt .

Wieso hat Alexandre das gemacht?
Das wollte ich genau wissen: «Du hast ihm wirklich die Hand gereicht?», fragte ich. Er antwortete: «Oui, oui.» Er ist an diese Gegenüberstellung gegangen in der Meinung, der Priester werde alles abstreiten, oder es verharmlosen. Der Priester hat ihm dann fast den Wind aus dem Segel genommen, indem er sagte: «Ja, es ist passiert, ich gestehe alles». Alexandre dachte, er könne mit ihm beten, weil die Kirche nun die Konsequenzen tragen würde. Aber hélas, das hat sie nicht getan.

Der Priester hat tatsächlich alles sofort gestanden?
Ja. Aber er wusste: In der Kirche gibt es eine Art Omertà, wie bei der Mafia. Das Erzbistum von Lyon verurteilte zwar die Tat des fehlbaren Priesters, auch in den Mails, die Alexandre bekam. Aber die Kirche handelt nicht im Entferntesten nach dem, was in den Mails steht. Sie tat einfach nichts, liess den Priester sogar weiter Kinder unterrichten. Alexandre wurde praktisch gezwungen, die Geschichte zur Anklage zu bringen.

Sie zeigen die Vergewaltigungen andeutungsweise.
Das war eine wichtige Frage. Wie weit will man gehen? Ist es nötig, so etwas zu präsentieren? Wir haben beschlossen, mit sehr konkreten Andeutungen zu arbeiten, ganz einfach auch, um die Tragweite herauszuarbeiten. Ich habe in Gesprächen mit Opfern gemerkt, dass sie sich unverstanden fühlen. Immer bekamen sie zu hören: Wieso bist du nicht davon gerannt? Wieso hast du nichts deinen Eltern erzählt, ein Wort hätte genügt? Wieso hast du nicht geschrien? Aber das kindliche Gehirn versteht nicht, was da abläuft. Und der Priester ist eine Autoritätsperson, zu der man aufschaut.

Im Zentrum stehen drei Opfer, aber das wird erst im Lauf des Films klar.
Zuerst wollte ich den Film nur über Alexandre drehen. Aber dann fand ich zwei weitere Figuren, die sozusagen die Stafette übernahmen. Es war natürlich etwas ungewöhnlich, nach 45 Minuten von der einen Person zur anderen zu wechseln. Die Produzenten waren beunruhigt, wollten, dass ich alles umschreibe. Da sagte ich dezidiert nein, das war unmöglich, es entsprach nicht der Realität. Ich habe nach anderen Filmen gesucht, die so etwas machen, aber keinen gefunden. Den Produzenten habe ich es dann als TV-Serie auf der Leinwand verkauft, jede Episode ist einer Person gewidmet. Das hat funktioniert.

Dieses Konzept erlaubt einen vielfältigeren Blick auf die Geschichte.
Eben. Aber wenn man in den Drehbuchkurs geht, in der Filmschule, lernt man nicht, dass die Hauptfigur verschwinden soll, nach 45 Minuten. Gut, Hitchcock hat es in «Psycho» gemacht. Aber das war ja nicht der Effekt, den ich erzielen wollte.

Was erwarten Sie vom Film?
Er ist, fast gegen meinen Willen, sehr politisch geworden. Die Prozesse hätten eigentlich 2018 stattfinden sollen. Wir dachten, wenn wir Ende Februar rauskommen, ist alles geregelt. Aber so ist es nicht. Die Justiz arbeitet bekanntlich langsam. Und nun sind wir mittendrin im Sturm. Ich hoffe, der Film schärft das Bewusstsein für solche Probleme. Film ist nicht da, um eine Botschaft durchzugeben, es ist keine Propaganda. «Grâce à Dieu» stellt Fragen, hört ja sogar mit einer auf.

Es ist diejenige vom Anfang: Glauben Sie an Gott?
Nein. Aber Alexandre im Film antwortet nach gewissem Zögern: Ja. Damit kann ich gut leben.

«Grace à Dieu» läuft ab dem 20. 2. in der Romandie, später im Frühjahr in der Deutschschweiz

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2019, 17:08 Uhr

Ozons andere Seite

Der französische Regisseur François Ozon, 51, dreht jedes Jahr einen Film, bekannt ist er für schrille Komödien wie «8 femmes» oder subtile Charakterstudien wie «Sous le sable». In «Grâce à Dieu» stellt er sich schnörkellos in den Dienst der Sache, präsentiert das Aufarbeiten der Ereignisse konsequent aus Opferperspektive. Ein wuchtiger Film, vielfältig verflochten mit der Realität. Deshalb wartet man gespannt auf den nächsten Schritt der Justiz: Das Urteil im Prozess gegen Kardinal Barbarin wird am 7. März erwartet.

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