Integrierer sind Verlierer

Kleine Staaten sollten nicht versuchen, in grossen Einheiten aufzugehen. Sie verlieren dann an Einfluss.

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Angesichts des Aufstiegs Chinas denken viele, die Zukunft liege in grossen führungsstarken Einheiten und meinen wie Emmanuel Macron und Angela Merkel, Europa müsse sich zusammenraufen und brauche mehr Führung. Dieses Denken fusst auf einer Erfolgsillusion infolge zweier Effekte.

Chinas grosses Wirtschaftswachstum ist nicht ein Resultat absolut guter Politik, sondern ein Aufholeffekt. Weil Chinas Politik in den letzten dreissig Jahren nicht mehr ganz so katastrophal wie zuvor war, konnte es sein Potenzial besser nutzen und holte deshalb auf. Aufholeffekte verklären unser Chinabild genauso wie sie einst unser Japanbild verklärten. Beeindruckend ist ­allenfalls, dass der Aufholprozess Chinas schon lange ohne grossen Unterbruch andauert. Allerdings gilt das nur im Vergleich mit Afrika. Manche asiatische Staaten, insbesondere Süd­korea und Taiwan, sind China weit erfolgreicher vorausgeeilt.

Natürlich hat China auch einige absolute Erfolge aufzuweisen. Aber Vorsicht: Da droht eine Erfolgsillusion aufgrund des Grösseneffekts. China stellt rund ein Fünftel der Weltbevölkerung. Da ist es nur natürlich, dass es auch einige absolute Erfolgsgeschichten gibt. Mit dem Erfolg eines Landes ist es aber wie mit dem Brutto­inlandprodukt (BIP). Entscheidend für das Wohlergehen seiner Einwohner ist nicht die Summe von Erfolg und BIP, sondern Erfolg pro Kopf und BIP pro Kopf. So besehen ist China verglichen mit den allermeisten ­stabil demokratischen Ländern in fast allen ­Dimensionen weitgehend erfolglos und keinesfalls vorbildlich.

«Manche andere Staaten sind weit erfolg­reicher als China.»

Der Wunsch von Merkel und Macron, Europa müsse näher zusammenrücken, um Einfluss zu gewinnen, ist eine Folge von Machtillusion infolge Grösseneffekt. Genauso wie der weltweite Einfluss von China pro Einwohner gerechnet sehr schwach ist, ist es auch der Einfluss eines geeinten Europas. Oder meint jemand, die Stimme einer EU à la Macron-Merkel mit gut 510 Millionen Einwohnern zähle international mehr als die Stimmen von 60 Staaten wie der Schweiz mit 8,5 Millionen Einwohnern? Wohl kaum.

Einer verwandten Illusion unterliegen diejenigen, die meinen, kleine politische Einheiten könnten durch den Beitritt zu grösseren Einheiten an internationalem Gewicht gewinnen. Nehmen wir das unabhängige Liechtenstein. Kennt jemand ähnlich kleine Teilgebiete eines grossen Staates mit gleich viel internationalem Gewicht? Nein. Nehmen wir kleine Schweizer Kantone wie die beiden Appenzell. Kennt jemand ähnlich ­kleine Teilgebiete grosser Kantone mit gleich viel Einfluss in der Schweiz? Nein. Und nehmen wir noch ein kleines Land in der EU wie Österreich. Kennt jemand ein ähnlich grosses deutsches Bundesland mit mehr Gewicht innerhalb der EU? Nein.

Die Lehre ist eindeutig. Kleine unabhängige politische Einheiten haben einen überproportional grossen Einfluss. Wenn sich eine politische Einheit in eine grössere integriert, gewinnt sie vielleicht dort ein wenig an Bedeutung, aber ihr Einfluss auf der übergeordneten und der internationalen Ebene nimmt ab. Klein ist fein, und ­Integrierer sind Verlierer. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 20:53 Uhr

Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Ordinarius
für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik
an der Universität Freiburg (Schweiz) und ­ ­Forschungsdirektor von Crema, Center for Research in Economics, Management and the Arts.

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