Iqbal Khan trimmt die UBS auf Risikokurs

Der neue Co-Chef der Vermögensverwaltung weist in einem internen Memo seine Mitarbeiter an, die Kreditschleuse für reiche Kunden zu öffnen.

«Quick wins»: In einem internen Memo an die Kundenberater fordert Iqbal Khan schnelle Gewinne. Foto: Guenter Bolzern,

«Quick wins»: In einem internen Memo an die Kundenberater fordert Iqbal Khan schnelle Gewinne. Foto: Guenter Bolzern,

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Nach fünf Wochen im Amt gibt Iqbal Khan bei der UBS den Tarif durch. In einer internen Mitteilung weist Khan seine Mitarbeiter an, die Geldschleusen zu öffnen und reiche Kunden mit Krediten zu versorgen. So könne seine Abteilung, das Global Wealth Management, «schnelle Gewinne» («quick wins») erzielen. «Die Kreditvergabe ist definitiv ein Bereich, in dem wir mehr tun könnten», lässt sich Khan in der Mitteilung zitieren.

Damit will der ehrgeizige Banker die UBS-Vermögenssparte, deren Co-Chef er ist, auf Wachstumskurs setzen. «Wir müssen sicherstellen, dass wir unsere Konkurrenten nicht nur auf Distanz halten, sondern den Abstand zu ihnen noch vergrössern», schreibt der 43-Jährige, der diesen Sommer unter Getöse von der Credit Suisse zur UBS wechselte. Die Credit Suisse liess den abtrünnigen Kadermann nach seiner Kündigung beschatten.

Khan: «Vieles, was wir in Schwung bringen können»

Im Memo an seine Belegschaft zählt Khan neben der Kreditvergabe weitere Bereiche auf, in denen er wachsen will. Er nennt nicht gelistete Aktien (Private Equity), private Schuldtitel (Private Debt), Infrastrukturen und weitere nicht näher bezeichnete Anlageklassen. Welche Bankaktivitäten er damit verbinden will, geht aus dem Memo nicht hervor.

Ausserdem sieht der Banker Möglichkeiten in einer engeren Verzahnung der Vermögensverwaltungssparte mit der Investmentbank und dem Asset Management. «Da gibt es noch vieles, was wir in Schwung bringen können», schreibt er im Memo, über das die Agentur «Bloomberg» zuerst berichtete. Dass Khan bereits nach dreissig Tagen im Amt konkrete Ideen und Handlungsanweisungen herausgibt, war nicht zu erwarten. UBS-Chef Sergio Ermotti sagte vor wenigen Wochen, er gebe seinem neuen Mann sechzig Tage Zeit, um sich mit der Bank und den Kunden vertraut zu machen. «Anfang Dezember wird er uns dann zusammen mit Tom Naratil seine ersten Ideen vorstellen», sagte Ermotti. Jetzt setzte Khan schon früher eine Duftmarke ab.

Nach der Staatsrettung scheute die UBS das Risiko

Tom Naratil will ebenfalls mehr Kredite vergeben. Der US-Amerikaner, der mit Khan die weltweite Vermögensverwaltung leitet, sagte kürzlich in einem Interview mit der Agentur Reuters, er wolle den Gewinn des Nord- und Südamerika-Geschäfts in den nächsten zehnJahren verdoppeln, von zurzeit 1,5 auf 3 Milliarden Dollar. Die Kunden sollten ihre Portfolios nicht mehr selber verwalten, sondern auf Mandate umsteigen, was für die UBS einträglicher ist. Und die Kunden sollten mehr Geld erhalten, um an den Märkten mit einem grösseren Einsatz zu spekulieren.

Dass die Bank die Kreditschleusen öffnet, kommt einem Para­digmenwechsel gleich. Nach der Finanzkrise und der Rettung der UBS durch die Eidgenossenschaft schwor die Grossbank Risikogeschäften ab. Spätestens nach dem Milliardenflop des Händlers Kweku Adoboli etablierte sich in der UBS eine «ausgesprochen risiko­averse Kultur», wie es ein hoher Kadermann beschreibt. Jürg Zeltner, der frühere Chef des Wealth Management, biss regelmässig auf Granit, als er zusätzliche Kredit­linien forderte, um Kundenportfolios zu hebeln.

Ein Blick in die Geschäfts­berichte der Bank zeigt, dass sie in der weltweiten Vermögens­verwaltungssparte Kredite in der Höhe von 171 Milliarden Dollar ausstehen hat. Die grössten Brocken machen Hypotheken aus (53 Milliarden Dollar) und sogenannte Lombardkredite, die mit Wertpapieren gesichert sind (89 Milliarden Dollar). Die Kredite im Umfang von 10 Milliarden sind gemäss Geschäftsbericht durch Garantien und weitere nicht näher bezeichnete Sicherheiten (Collaterals) gedeckt. Wiederum über eine Milliarde sind ungesicherte Kredite.

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Vieles deutet darauf hin, dass die UBS nicht nur ihr Lombardkredit-Buch ausbauen, sondern auch mit strukturierten Krediten wachsen möchte. Dabei handelt es sich um komplexe Finanzierungsinstru­mente, die vor allem von den Superreichen dieser Welt nachgefragt werden. Das können spezielle Finanzierungsvehikel für den Kauf von Jachten oder Privatjets sein. Oder Kreditlinien für Unternehmer oder Rohstoffhändler, die ihre eigenen, illiquiden Aktien belehnen.

Als Iqbal Khan noch bei der Credit Suisse war, baute seine ­Abteilung viel Wissen über solche hochkomplexe, aber riskante ­Finanzierungen auf. Kritische ­Finanzanalysten zeigten sich besorgt über die Zunahme der Risiken in der Bilanz der Credit Suisse, wie die SonntagsZeitung in der letzten Ausgabe berichtete.

Indem die UBS mehr Kredite vergibt, will sie mehrere ­Fliegen mit einer Klappe schlagen. Die Bank führt in ihrer Bilanz deutlich mehr Einlagen als Kredite. Den Überschuss an Einlagen muss sie bei der Nationalbank anlegen, worauf Negativzinsen fällig sind. Vergibt die Bank nun mehr Kredite, verringert sie den Überschuss und muss folglich weniger Negativzinsen zahlen. Da Lombardkredite und Hypo­theken höhere Zinsen abwerfen als sichere Staatsanleihen, die ebenfalls negativ verzinst sind, kann die Bank ihre Einnahmen steigern.

Mehr Kundengelder, höhere Kommissionseinnahmen

Der zweite Vorteil: Versorgt die Bank ihre Kunden mit Krediten, können diese mit einem höheren Einsatz an den Märkten spekulieren. Ein liquides Aktienportfolio lässt sich zu etwa 70 Prozent belehnen. Das bedeutet, dass die Bank dadurch automatisch mehr Kundengelder verwalten und auf höhere Kommissionseinnahmen hoffen kann. Das sogenannte Nettoneugeld, eine wichtige Kenngrösse für die Beurteilung einer Bank, schiesst so in die Höhe.

Die UBS schreibt in einem Statement: «Finanzierungen haben eine hohe Priorität für unsere Kunden und daher auch für uns, aber unser Risikoappetit und unsere Risikolimiten verändern sich deshalb nicht.»



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Erstellt: 09.11.2019, 19:47 Uhr

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