Ist die Franchise ausgeschöpft, sind die Arztpraxen voll

Im November und Dezember gehen pro Woche 300'000 Patienten zum Spezialisten.

Noch schnell zur Dermatologin: Die Kostenbeteiligung beeinflusst das Verhalten der Versicherten. Foto: Getty

Noch schnell zur Dermatologin: Die Kostenbeteiligung beeinflusst das Verhalten der Versicherten. Foto: Getty

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Die soeben in die Haushalte geflatterten Prämienrechnungen der Krankenkassen sind erneut teurer geworden. Insbesondere junge, gesunde Menschen mit gutem Einkommen versuchen daher vermehrt, mittels Wahlfranchisen die steigenden Kosten zu dämpfen. Knapp 17 Prozent der Erwachsenen haben mittlerweile die höchste Stufe von 2500 Franken gewählt, 40 Prozent eine Franchise zwischen 500 und 2000 Franken.

Wer sich gegen die Grundfranchise von 300 Franken entscheidet, kalkuliert und hofft: dass er oder sie gesund bleibt und somit von den vergünstigten Prämien profitieren kann. Doch die Rechnung geht nicht immer auf. Dann beträgt die Kostenbeteiligung nicht nur 300 Franken, sondern ein X-Faches. Der Frust ist gross, die Optimierung dahin.

Über 50'000 Konsultationen von CSS-Patienten

Warum also den wiederkehrenden Termin beim Gynäkologen, Urologen oder Dermatologen nicht noch im laufenden Jahr wahrnehmen und dafür denjenigen im nächsten überspringen? Schliesslich übernimmt ja jetzt bis auf einen Selbstbehalt von 10 Prozent oder maximal 700 Franken pro Jahr die Allgemeinheit die Kosten.

Wie Recherchen zeigen, häufen sich im November und Dezember die Terminanfragen bei Fachärzten. Die CSS, die grösste Krankenkasse der Schweiz mit 1,3 Millionen Grundversicherten, kann dies in einer unveröffentlichten Auswertung aufzeigen. So haben zwischen den Kalenderwochen 46 und 51, also zwischen dem 13. November und dem 24. Dezember 2017, so viele Versicherte einen Facharzt besucht wie sonst nie. Über 50'000 Konsultationen von CSS-Patienten waren es pro Woche. Hochgerechnet auf die Schweiz sind das 300'000. Tendenz steigend. Luc-Etienne Fauquex, CSS-Sprecher, sagt: «Es besteht offensichtlich ein Anreiz, die planbaren Arztbesuche im Jahr wahrzunehmen, in welchem die Franchise aufgebraucht ist.»

Die Gesundheitskosten sinken Anfang Jahr um 27 Prozent

Zu diesem Schluss kommt auch das Forschungsbüro «BSS Volkswirtschaftliche Beratung» in Zusammenarbeit mit der Universität Bern. Boris Kaiser und Christian Schmid haben untersucht, wie sich Versicherte mit Wahlfranchisen verhalten, sobald die Franchise ausgereizt ist. Bei einer von zehn Personen, die zwischen 1500 und 2500 Franken selber zahlen müssen, ist dies jährlich der Fall.

Das Resultat ist eindrücklich: Gehen medizinische Leistungen nicht zulasten des eigenen Portemonnaies, beziehen Patienten mehr Leistungen. Zum einen beziehen sie solche, die sie sonst nicht beziehen würden, zum anderen organisieren sie wiederkehrende Termine, etwa bei Fachärzten.

«Sobald Versicherte mit Wahlfranchisen Anfang Jahr wieder für Behandlungen zahlen müssen, sinkt deren Nachfrage markant», sagt Kaiser. Ihre Gesundheitsausgaben gehen dann um 27 Prozent zurück. «Die Kostenbeteiligung kann somit das Verhalten der Versicherten beeinflussen.» Denn: Haben Patienten tiefe Franchisen, passiert beim Jahreswechsel wenig.

«Wer bereits 1500 oder 2500 Franken Gesundheitskosten zusätzlich zu den Prämien bezahlt hat, versucht Kosten zu sparen.»Roger Gablinger, Urologe und Gründer des Netzwerks Uroviva

Am Ende des Jahres noch einen Termin für einen Check-up zu erhalten, kann aber schwierig sein. Das bestätigen Thomas Eggimann, Gynäkologe und Generalsekretär der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, und Roger Gablinger, Urologe und Gründer des Netzwerks Uroviva. «Im November und Dezember steigen bei uns die Anfragen nach Vorsorgeuntersuchungen», sagt Gablinger.

Dass etliche dieser Patienten vorbeikommen wollen, weil sie ihre Franchise ausgeschöpft haben, sagen sie offen am Telefon. Gablinger kann dieses Verhalten nachvollziehen. «Wer bereits 1500 oder 2500 Franken Gesundheitskosten zusätzlich zu den Prämien bezahlt hat, versucht Kosten zu sparen.»

Allerdings können auch Anreize bestehen, erst zu Beginn des nächsten Jahres zum Arzt zu gehen. Etwa wenn Versicherte fürs neue Jahr eine tiefe Franchise wählen. So oder so betrifft es allerdings nur einen kleinen Teil der Patienten, daher sehen die Krankenkassen keinen Handlungsbedarf.

Leistungen der obligatorischen Krankenversicherung prüfen

Im Gegenteil: «Bei einer hohen Franchise überwiegen die positiven Wirkungen auf das Gesundheitswesen», sagt Astrid Brändlin, Sprecherin von Concordia. So gehen Versicherte mit der Grundfranchise viermal häufiger zum Arzt und haben sechsmal höhere Gesundheitskosten als Versicherte mit höheren Franchisen.

Helsana, Visana und Swica sind sich jedoch einig: Bei medizinischen Leistungen aus der Grundversicherung, welche die Kassen zwingend zahlen müssen, besteht das Risiko des unnötigen Leistungsbezugs. «Wer das System ausreizt, tut keinem einen Gefallen», sagt Dragana Glavic, Helsana-Sprecherin. «Letztlich zahlt es die Gemeinschaft mit den Prämien.»

Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte und Geschäftsführer von Comparis, bestätigt die positive Wirkung der Kostenbeteiligung. Er schlägt zusätzlich vor, ärztliche oder ärztlich angeordnete Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenversicherung stärker auf ihre Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu prüfen. «Dies wird noch viel zu wenig gemacht», sagt Schneuwly.

Erstellt: 23.12.2018, 17:42 Uhr

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