Diese Maden lösen einen regelrechten «Hype» aus

Fliegenlarven werden als klimafreundliches Tierfutter angepriesen. Probleme gibt es aber mit EU-Gesetzen.

Verursachen kaum Treibhausgase: Fliegenlarven kurz vor der Verpuppung. Foto: The Washington Post/Getty Images

Verursachen kaum Treibhausgase: Fliegenlarven kurz vor der Verpuppung. Foto: The Washington Post/Getty Images

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Ob sie tatsächlich einmal entdeckt werden wird, die Eier legende Wollmilchsau? Und falls ja: Wie würde dieses Wunderwesen wohl aussehen, dem zugetraut wird, auf einen Schlag jede Menge drängender Probleme zu lösen? Wie immer man sich eine solche Alleskönner-Kreatur vorstellt – wohl die wenigsten Menschen würden bei dem Gedanken daran an Maden denken, an pralle, gut zwei Zentimeter lange, bräunliche Maden.

Und doch haben es ebensolche Tiere in letzter Zeit geschafft, jede Menge Hoffnung und viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Larven der Waffenfliege könnten helfen, den enormen Fleischhunger einer stetig wachsenden Weltbevölkerung zu befriedigen – und zwar sowohl ökologisch wie auch ökonomisch verträglicher, als dies bisher möglich ist. Dabei geht es nicht einmal darum, dass die Waffenfliege direkt auf dem menschlichen Speiseplan landet. Das empfehlen nur ein paar ganz Hartgesottene. Selbst in jenen Teilen der Welt, in denen regelmässig Insekten gegessen werden, kommen diese Maden nur sehr selten auf den Tisch.

Als nahezu unübertreffbar preisen ihre Fans die Fliegenlarven dagegen als Nahrungsgrundlage für Schwein, Geflügel und Fisch. Diese Tiere benötigen viel hochwertiges Protein im Futter. Bislang liefern vor allem Soja, Mais und Fischmehl das nötige Eiweiss. Doch riesige, als Monokultur bewirtschaftete Plantagen verursachen ebenso wie Aquakulturen ökologische Probleme.

Möglich, dass die Waffenfliege einen Teil ihres Rufes als Problemlöser vor allem dem geschickten Marketing einiger Start-ups verdankt.

Ein Ausweg könnte die Schwarze Waffenfliege sein. Die Maden liefern viel Eiweiss. Sie lassen sich leicht halten und vermehren, benötigen nicht viel Platz und sind sehr flexibel, was ihren eigenen Speiseplan betrifft. Sogar von Küchenabfällen, Mist und Gülle können sie leben. Es klingt perfekt: Indem die Waffenfliege Abfall vernichtet, ohne selbst grosse Forderungen zu stellen, macht sie andere Nutztiere gross und stark.

Möglich, dass die Waffenfliege einen Teil ihres Rufes als Problemlöser vor allem dem geschickten Marketing einiger Start-ups verdankt. Bisher verhindern zumindest in der EU Sorgen um die Futtermittelsicherheit die Nutzung der Larven, und Experten warnen vor zu hohen Erwartungen. Dennoch halten auch Yu-Shiang Wang und Matan Shelomi von der National Taiwan University die Waffenfliege als Futtermittel für «das Insekt der Wahl», wie sie in einer Übersichtsarbeit im Fachmagazin «Food» schreiben.

Wissenschaftlich als ­Hermetia illucens bekannt, stammt das Insekt ursprünglich aus subtropischen und tropischen Gebieten Amerikas. In den 1920er-Jahren tauchte die Waffenfliege erstmals in Europa auf. Die adulten Tiere sind ein bis zwei Zentimeter gross und zeichnen sich vor allem dadurch aus, was sie alles nicht haben respektive tun: keinen Mund, keine Beiss- oder Stechwerkzeuge – also auch keine Möglichkeit, Krankheiten zu übertragen. Ausgewachsene Waffenfliegen leben nur wenige Tage, in denen sie sich paaren und in denen ein Weibchen bis zu 500 Eier auf einmal legt.

Kurz vor der Verpuppung entfalten sie ihr volles Potenzial

Etwa vier Tage später schlüpfen Larven, und die kennen für die nächsten zwei Wochen nur ein einziges Ziel: fressen. Pro Tag nehmen die Maden bis zum Doppelten ihres eigenen Gewichts zu sich.

Der unersättliche Appetit der Waffenfliegenlarven kann für den Menschen überaus nützlich sein – zum Beispiel, wenn die Maden sich an Gülle, Mist oder Gemüseresten satt fressen. Nicht nur reduzieren die Tiere so den Abfall, sondern sie machen ihn auch weniger attraktiv für andere Fliegen und vermindern seinen Phosphat- und Stickstoffgehalt. Das kommt der Umwelt zugute, wenn Bauern mit der Gülle düngen.

Das grösste Potenzial der Tiere zeigt sich, wenn die vollgefressenen Larven kurz vor der Verpuppung stehen. Dann lassen sie sich leicht aufsammeln, trocknen, mahlen und so zu Tierfutter verarbeiten. 42 Prozent Protein, 29 Prozent Fett, dazu reichlich Kalzium, viele Mineralstoffe und Vitamine machen die Waffenfliege zur idealen Nahrungsgrundlage für Nutztiere. Zumal Insekten zumindest für Hühner ohnehin zum natürlichen Speiseplan gehören.

Als Futter etwa für Rinder oder Hühner noch nicht zugelassen

Hinzu kommt die ungewöhnliche Effizienz der Maden, die gemäss vielen Berechnungen über der anderer Insekten liegt. Man benötigt etwa eineinhalb Kilo Futter, um ein Kilo Fliegenlarven-Trockensubstanz zu produzieren. Für ein Rind dagegen fällt das Verhältnis mit zehn zu eins besonders ungünstig aus. Darüber hinaus spricht für die Waffenfliege, dass sie sich leicht und auf wenig Fläche halten lässt, kaum Treibhausgasemissionen verursacht und alles andere als wählerisch ist, was ihr eigenes Futter angeht. Sogar von Schlachtabfällen kann sie leben.

Schweizer Forscher testen, wie sich die Waffenfliegenlarven als Futter eignen. Erste Ergebnisse aus Studien der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit dem Forschungs­institut für Biologischen Landbau zeigen, dass das gesamte Soja im Futter für Biolegehennen durch Larvenmaterial ersetzt werden könnte. Auch andere Studien mit Schweinen und Garnelen belegen: Waffenfliegenlarven taugen einwandfrei als Soja-, Mais- oder Fischmehlersatz im Futter.

So wundert es nicht, dass weltweit einige Unternehmen bereits auf Hermetia illucens als Futtermittel setzen. Grosse Zuchtanlagen gibt es vor allem in Südafrika und Kanada. Auch in mehreren europäischen Ländern wachsen die Larven in einigen Firmen heran. Die niederländische Firma Protix hat im Juni in Bergen op Zoom eine der grössten Insektenfarmen weltweit mit Beteiligung der St. Galler Firma Bühler in Betrieb genommen. Hier wird die Waffenfliege als Tierfutter gezüchtet. Die Technologie dazu lieferte das Schweizer Unternehmen.

Wenn die verarbeiteten Insekten als reguläres Futtermittel gelten, fallen die lebenden Larven offiziell in die Kategorie Nutztiere.

Und doch steht dem Durchbruch der Waffenfliege als Tierfutter in der EU noch einiges im Weg. Bislang nämlich dürfen die verarbeiteten Larven lediglich an Haus­tiere und Fische in Aquakulturen ver­füttert werden, nicht jedoch an ­Rinder, Schweine und Geflügel. Das Verbot beruht auf der Rinderwahn-Krise in den 1990er-Jahren. Damals zeigte sich, wie riskant es sein kann, Nutztiere mit tierischem Protein zu ernähren. Derzeit prüft die EU zwar, ob verarbeitete Waffenfliegenlarven künftig auch in Schweinetrögen und Hühnerställen landen dürfen; die Gesetzesänderung gilt als wahrscheinlich. «Eine baldige Zulassung als Futter für Geflügel und Schweine durch die EU und dann die Schweiz wäre sehr zu begrüssen», sagt ETH-Forscher Michael Kreuzer.

Doch selbst dann würden sich keineswegs alle an die Waffenfliege geknüpften Hoffnungen auf einen Schlag erfüllen, sondern vielmehr neue Fragen aufkommen. Wenn die verarbeiteten Insekten als reguläres Futtermittel gelten, fallen die lebenden Larven offiziell in die Kategorie Nutztiere. Damit unterliegen sie strengen Bestimmungen. Unter anderem ist es in der EU verboten, Nutztiere mit Küchen-, Speise- und Schlachtabfällen oder Gülle zu füttern.

Leiden auch Maden unter Massentierhaltung?

Sinnvoll erscheint diese Regelung zum Beispiel angesichts der bislang offenen Frage, ob von den verarbeiteten Maden eine Infektionsgefahr ausgehen kann, wenn sie verseuchtes Futter gefressen haben. So brauchte es vermutlich doch eigens hergestelltes Insektenfutter, wollte man Larven im grossen Stil verfüttern. Dazu kommen ethische und veterinärmedizinische Bedenken: Leiden auch Maden unter Massentierhaltung? Empfinden sie Schmerzen? Sind Tierärzte für mögliche Seuchen in einer Larvenfarm gewappnet?

Wilhelm Windisch vom Lehrstuhl für Tierernährung der Technischen Universität München hält die Waffenfliege durchaus für eine mögliche Bereicherung auf dem Futtermittelmarkt. Als Game-Changer, der zum Beispiel Soja im Tierfutter verdrängen könnte, sieht er die Maden jedoch nicht. «Derzeit herrscht ein Hype um die Waffenfliege. Die Vorstellung, dass man Abfälle an die Larven verfüttert und diese dann in die Lebensmittelkette einschleust, ist absurd.» Dem stehe das – zu Recht – sehr strenge Futtermittelgesetz entgegen.

So bleibt als Fazit: Die Waffenfliege ist ein beeindruckendes Insekt – aber (noch) keine Eier legende Wollmilchsau.



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Erstellt: 28.10.2019, 21:39 Uhr

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