It’s the social injustice, stupid!

Wir müssen auf eine ­Gesellschaft setzen, die Zeit hat, um zu leben.

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Meine Facebook-Wall ist im Moment voll von Weltuntergangsszenarien. So titelte das Onlinemagazin «Vice»: «Neuer Klimabericht: Unsere ­Zivilisation könnte 2050 ‹sehr wahrscheinlich› ­zusammenbrechen.» Das sind düstere Untergangsszenarien, die uns nicht weiterbringen. Denn sie gaukeln uns vor, dass es keine Handlungsoptionen gibt, und lähmen uns. Und sie vergessen den ­zentralen Faktor: den Menschen.

Wenn wir die Ursachen des Klimawandels angehen wollen, müssen wir uns der sozialen Gerechtigkeit zuwenden. Denn ohne soziale ­Gerechtigkeit werden wir die Klimakrise nicht in den Griff bekommen. Die Verteilung der CO2-Verur­sacher auf der Welt entspricht dem Nord-Süd-Gefälle und somit der sozialen Ungleichheit. ­China mag zum Beispiel mengen­mässig viel CO2 freisetzen. Pro Kopf relativiert sich das aber.

Dass der Klimawandel ein soziales und nicht nur ein ökologisches Thema ist, zeigt sich auch bei der Umsetzung von Klimamassnahmen. Die technischen Lösungen gibt es längst. Und doch ist es bis jetzt nicht gelungen, die notwendigen Massnahmen einzuführen. Der Faktor Mensch ist zentral: Wenn wir den Klimawandel eindämmen wollen, müssen wir die Menschen mitnehmen.

Was passiert, wenn wir das nicht tun, zeigt das Beispiel der «gilets jaunes» in Frankreich: Man kann nicht einfach Lenkungsabgaben auf dem Buckel der Ärmeren beschliessen und keine ­Alternativen bieten. Man kann nicht einfach Sanktionen gegen Länder beschliessen, die versuchen, ihre Wirtschaftskraft zu stärken, und ihnen sagen: «Bleibt arm, denn wir brauchen den Wald.» Es braucht ein ganzheitliches Umdenken. Menschen als Entscheidungsträger müssen im Zentrum stehen – und zwar alle Menschen, nicht nur die Reichen im globalen Norden.

Ökologisches Denken allein reicht nicht

Wie das gehen soll? Man bietet den Menschen soziale, ökologische Alternativen. Ein praktisches Beispiel dafür ist der Schweizer ÖV. Ein Erfolgsmodell, das darauf basierte, erschwinglich zu sein und auch Randregionen zu berücksichtigen. Heute aber sind die Preise stark ­gestiegen, und die Netze werden abgebaut. Das ist weder sozial noch ökologisch gerecht.

Wir brauchen mehr und nicht weniger solche Investitionen. Wir müssen in kleine Biobauern ­investieren, wir müssen Firmen, die die Umwelt verschmutzen, stärker besteuern und die Steuern dann in die Entwicklungszusammenarbeit stecken, um dort Alternativen aufzubauen, wo die Schäden verursacht wurden. Wir müssen auf eine Gesellschaft setzen, die Zeit hat, um zu leben, und ein Leben befeuern, das durch die soziale Qualität und nicht durch die monetäre Hektik deszügellosen Konsums ­angetrieben ist. Dafür braucht es Freiräume, ­Begegnungsorte und Zeit.

Kurz: Ökologisches Denken allein reicht nicht. Denn das Ökologischste, was wir tun könnten, ist, uns alle von einer Brücke zu stürzen. Es ist auch ökologisch, Menschen verhungern zu lassen, denn sie sind die Ursache für den Klimawandel.

Soziale Gerechtigkeit ist die Ausgangslage für ökologisches Handeln. Weil sozial ist ökologisch. Aber ökologisch nicht unbedingt sozial. Wir müssen menschenfreundlich und nicht menschenfeindlich handeln, denn nur eine grundlegende Änderung im System kann uns weiterhelfen.



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Erstellt: 14.09.2019, 23:23 Uhr

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