Jäger verkaufen unhygienisches Wild

Eigentlich müssten unsaubere Abschüsse gemeldet werden. Doch viele schummeln – vor allem aus Stolz.

Jetzt drohen Bussen und Verweise: Bündner Jäger mit Gamsbock. Foto: Keystone

Jetzt drohen Bussen und Verweise: Bündner Jäger mit Gamsbock. Foto: Keystone

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Die Hochjagd ist in den meisten Kantonen beendet. Nun landet das Wild auf dem Teller. Meist zwischen Marroni, Rotkraut oder Rosenkohl. Und stets hygienisch einwandfrei, so verlangt es zumindest das Lebensmittelgesetz.

Bei Schweinen oder Rindern lässt sich das einfach überprüfen: Amtliche Tierärzte kontrollieren jeweils in den Schlachthöfen, ob die Qualität der Tiere stimmt. In freier Natur hingegen kann nicht ständig ein unabhängiger Experte mit auf der Lauer liegen. Statt­dessen hat der Bund die Kontrolle den Jägern selbst auferlegt: Seit Mai 2017 müssen sie alle geschossenen Tiere vor Ort begutachten.

«Einwandfreie Exemplare, sogenannte A-Tiere, dürfen ohne weitere Abklärungen in den Verkauf», sagt Giochen Bearth, Leiter des Bündner Amts für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit (ALT). «B-Tiere hingegen müssen zur amtlichen Fleischkontrolle in einem bewilligten Wildbearbeitungsbetrieb, bevor sie in den Handel dürfen.» Zwei Kriterien sind entscheidend: «Stellt der Jäger Verunreinigungen an Fleisch oder Organen fest, muss die Einteilung als B-Tier erfolgen», sagt Bearth. «Das Gleiche gilt, wenn ein Tier über drei Stunden nach dem Abschuss gefunden wird, weil die Fleischhygiene dann schon gelitten hat.»

«Bis zu 30 Prozent der Wildtierkörper falsch beurteilt»

So weit die Theorie. In der letzten Jagdsaison überprüfte das ALT die Praxis beim Schalenwild, also bei Hirschen, Rehen oder auch Gämsen. Es zeigte sich, dass die Jäger nur jedes zehnte Exemplar als B-Tier deklariert hatten. Eine verdächtig gute Quote. Also fanden in verschiedenen Betrieben der Kantone Glarus und Graubünden stichprobenweise Kontrollen statt. ­«Dabei mussten die amtlichen Tierärzte feststellen, dass bis zu 30 Prozent der Wildtierkörper falsch beurteilt wurden, nämlich als A-Tiere, obwohl sie deutliche und grossflächige Verunreinigungen aufwiesen oder erst nach mehr als drei Stunden Nachsuche gefunden wurden», heisst es im aktuellen Jahresbericht des Amts.

«Wir haben rund 5500 aktive Jäger im Kanton», sagt Robert ­Brunold, Präsident des Verbands der Bündner Patentjäger. «Es braucht sicher etwas Zeit, bis sich die neue Regelung etabliert.» Vielleicht hätten auch viele das Gefühl gehabt, dass die B-Tiere automatisch entsorgt werden müssen, und waren deshalb bei der Deklaration als B-Tier zurückhaltend.

Auch laut dem ALT könnten Unwissen und Unsicherheit eine Rolle spielen. «Aber nur eine nebensächliche. Die Kriterien zur korrekten Einteilung sind ­relativ einfach, und wir haben die Jäger vor der Einführung noch ­speziell informiert», sagt Amtsleiter ­Bearth. «Entscheidender Faktor ist der Stolz.» Es handle sich um einen Traditionsberuf, bei dem Prestige wichtig sei und niemand gerne Fehler zugebe.

«Genau das müssten die Jäger hier aber tun.» Denn lange Nachsuchen gibt es bei Tieren, die nicht richtig getroffen wurden. «Auch Verunreinigungen entstehen oft durch unplatzierte Schüsse, zum Beispiel in die Eingeweide statt ins Herz.» Die Einstufung als B-Tier wäre laut Bearth also häufig ein Eingeständnis für einen schlechten Schuss.

Noch keine Strafen für fehlbare Schützen

Der Verband der Bündner Patentjäger verweist darauf, dass man spezielle Kurse zur Fleischhygiene anbietet. «Wir hoffen, dass sich ­dadurch die Praxis in Zukunft ­verbessert», sagt Präsident Brunold. Er gibt zudem an, dass bei den Kontrollen in Glarus und Graubünden am Ende nur wenige B-Tiere wirklich ungeniessbar waren: Drei Prozent aller überprüften Exemplare mussten entsorgt werden, das entspricht 0,3 Prozent der insgesamt erlegten Tiere.

Einer Strafe entgingen die ­fehlbaren Jäger. «Jene, die falsch ­deklariert haben, schreiben wir jetzt an und weisen sie nochmals auf die korrekte Praxis hin», sagt Bearth. Es nütze nichts, schon nach einem Jahr Sanktionen zu verhängen. Unbestritten sei aber, dass die Situation besser werden muss. «Gegen renitente Falschdekla­rierer, die in Zukunft wiederholt Fehler machen, werden wir Verweise und Bussen aussprechen.»



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Erstellt: 12.10.2019, 19:44 Uhr

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