Jagd auf junge Frauen im Ausgang

Eine Analyse neuer Zahlen der Unfallstatistik belegt: Für Frauen zwischen 15 und 24 Jahren wird es im öffentlichen Raum immer bedrohlicher.

Die Amüsiermeilen werden abends zur Gefahrenzone für junge Frauen: Street-Parade-Afterparty am Zürcher Bürkliplatz. Foto: Urs Jaudas

Die Amüsiermeilen werden abends zur Gefahrenzone für junge Frauen: Street-Parade-Afterparty am Zürcher Bürkliplatz. Foto: Urs Jaudas

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Anna* will in den Ausgang. Sie steht am Zürcher Hauptbahnhof, als plötzlich zwei Typen vor ihr auftauchen. «Einer von ihnen baute sich auf und schlug mir mit der Faust ins Gesicht», sagt die Mittzwanzigerin. «Ohne Anlass, ohne Vorwarnung.» Mehrere Passanten hätten den Angriff gesehen. «Aber statt einzugreifen, schauten alle nur weg.» Der Täter habe sich nicht einmal beeilt. «Er lief mit seinem Kollegen amüsiert davon», sagt Anna.

Sie habe sich nach dem Angriff vor drei Wochen hilflos gefühlt, nicht gewusst, wie sie darauf reagieren könnte. «Ich wollte schreien. Aber ich brachte keinen Ton heraus, die Angst hat mich blockiert.»

Nicht zum ersten Mal. Anna erzählt, wie ein Angetrunkener sie nach dem Oktoberfest schlug und beinahe von einem Balkon stiess. Oder wie sie ein Mann an der Street Parade mit einer Glasflasche bedrohte. «In diesen Situationen fühlte ich mich alleine. Obwohl das in aller Öffentlichkeit stattfand, mitten unter Leuten.»

Anna ist kein Einzelfall. Und oft enden solche Angriffe noch brutaler. Schweizweit für Empörung und Schlagzeilen gesorgt hat Anfang August die Attacke einer Gruppe von Männern auf fünf Frauen, nachdem diese ein Nachtlokal in Genf verlassen hatten. Zwei Frauen wurden bei dem Angriff schwer am Kopf verletzt, eine lag zeitweise sogar im Koma.

Gewaltbedingte Unfälle im öffentlichen Raum verdreifacht

Tatsächlich ist es in den letzten Jahren für Frauen gefährlicher geworden im Ausgang – insbesondere für junge Frauen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Die Gewalt gegen sie hat deutlich zugenommen. Das zeigen Zahlen der schweizerischen Unfallstatistik, welche die SonntagsZeitung erstmals für die Jahre 1995 bis 2016 ausgewertet hat.

Erfasst sind in dieser Statistik in der Schweiz wohnhafte Personen, die nach dem Unfallversicherungsgesetz versichert sind, also alle Arbeitnehmer und Arbeitslosen. 2017 waren das rund 4,5 Millionen Personen. Grösstenteils handelt es sich um Daten der schweizerischen Unfallversicherungsanstalt Suva.

Im untersuchten Zeitraum haben sich die gewaltbedingten Unfälle junger Frauen im öffentlichen Raum mehr als verdreifacht. Gab es 1995 bei jungen Frauen nur gerade 200 solcher Unfälle, waren es 2016 bereits 640 – wobei die Zahl der versicherten jungen Frauen über die Jahre ungefähr gleich geblieben ist. Erfasst werden in der Statistik alle Unfälle mit Verletzungsfolge, die eine Meldung bei der Unfallversicherung nach sich ziehen – zum Beispiel nach einem Streit, einer Schlägerei oder einem Überfall.

Bei den Männern sinkt das Risiko

Auch die Zahlen der nationalen Opferhilfestatistik sind ein Indiz dafür, dass es für Frauen immer gefährlicher wird. In der Schweiz gab es 2017 insgesamt 27 165 Beratungen von weiblichen Opfern. Das ist ein Rekord. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Fälle fast verdreifacht. Die Zunahme betrifft Schweizerinnen und Ausländerinnen gleichermassen.

Aus den Daten ist zwar ersichtlich, dass die Verletzungen im Zuge von Gewalttaten bei jungen Männern nach wie vor viel häufiger sind als bei Frauen. Allerdings setzte im Jahr 2009 eine Trendumkehr ein – bei den Männern sinkt seither das Risiko im öffentlichen Raum deutlich.

Bei den Frauen gibt es diese Entwicklung nicht. Die Schweiz wird tendenziell immer sicherer und gewaltfreier. Aber nicht für junge Frauen, wenn sie im Ausgang sind.

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Strafrechtsprofessor und Kriminologe Martin Killias sieht zwei mögliche Erklärungen für die Diskrepanz bei den Geschlechtern: Zum einen könnte sich das Ausgehverhalten bei jungen Frauen und Männern unterschiedlich entwickelt haben, sagt er. Und zwar «in dem Sinne, dass junge Männer deutlich weniger ausgehen, bei jungen Frauen eine solche Abnahme jedoch nicht stattgefunden hat».

Möglich ist zum anderen laut Killias aber auch, dass junge Frauen heute schlicht öfter angegriffen werden, wenn sie abends oder nachts unterwegs sind und feiern wollen. Darauf deuten laut Killias Vorfälle wie derjenige von Anfang August in Genf hin.

Gewalt wird brutaler, die Heilungskosten steigen

Ähnlich sieht es die Therapeutin und Autorin Sefika Garibovic. «Angriffe auf junge Frauen in der Öffentlichkeit sind heute Alltag. Fast täglich habe ich junge Männer bei mir, die erzogen wurden, Frauen als Objekte zu betrachten.» Sie würden kein Nein von den Frauen akzeptieren, vor allem nicht, wenn sie in Gruppen auftreten. «Stattdessen greifen sie zu Gewalt, um ihren Willen durchzusetzen.» Es sei menschlich, das andere Geschlecht zu umwerben. Aber dieses Ritual sei zu etwas Tierischem geworden, sagt Garibovic. «Es gleicht heute einer Jagd, bei der jedes Mittel recht ist.»

Einiges deutet zudem darauf hin, dass die Gewalt zunehmend brutaler wird. Laut der Unfallstatistik betrugen die Heilungskosten im Jahr 1995 im Schnitt pro Gewaltunfall knapp 300 Franken – in ungefähr 20 Jahren hat sich dieser Betrag nahezu verdoppelt. An der teurer gewordenen Medizin allein kann es nicht liegen – weil die durchschnittlichen Heilungskosten aller Freizeitunfälle im selben Zeitraum viel weniger stark gestiegen sind.

Deutlich sind die Unterschiede zudem bei den Gewaltfällen im öffentlichen und im privaten Raum. Die Zunahme in der Unfallstatistik betrifft ausschliesslich den öffentlichen Bereich; im privaten Raum sind die Zahlen mehr oder weniger stabil.

«So wird auch einmal die 117 gewählt, wenn aus der Nachbarwohnung bedrohliche Geräusche zu hören sind.»Doris Binda, Sozialpädagogin

Das überrascht Sozialpädagogin Doris Binda von der Winterthurer Beratungsstelle Frauen-Nottelefon nicht. Gewalt in den eigenen vier Wänden gelte heute als nicht mehr privat, sagt sie. «So wird auch einmal die 117 gewählt, wenn aus der Nachbarwohnung bedrohliche Geräusche zu hören sind.» Das sei früher anders gewesen. Bei Übergriffen in der Öffentlichkeit gebe es dieses «klare Verurteilen von Gewalt leider nicht». Niemand verlange, dass sich Zeugen einer Schlägerei dazwischenstellen würden. Aber den Notruf wählen könne heute jeder. «Unsere Gesellschaft entscheidet, ob sie übergriffiges Verhalten toleriert oder nicht.»

Um das Problem in den Griff zu bekommen, plädiert Konfliktmanagerin Garibovic zur Abschreckung für härtere Strafen für gewalttätige Männer. In der Therapie lässt sie die Männer ihre Taten nachspielen – aber als Opfer. «Nur so merken sie, was ein Übergriff für die Betroffene bedeutet.»

Gewaltopfer vermeidet jetzt freizügige Kleider

Für Anna ein schwacher Trost. Die junge Frau trinkt mittlerweile keinen Alkohol mehr. Und wenn sie nach Zürich in den Ausgang geht, dann nur noch bis 22 Uhr. Zudem achtet sie auf ihre Kleider – sie will nicht zu freizügig auftreten. «Ich passte mich an, um das Risiko zu minimieren», sagt sie. «Auch wenn das eigentlich traurig ist.» Ob im Bus oder im Club: Stets prüft die junge Frau, ob irgendwo ein Mann sitzt, der ihr etwas antun könnte. «Ich habe ständig das Gefühl, dass es wieder passieren wird.»

Erstellt: 01.09.2018, 21:00 Uhr

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