Jeder dritte Badetote ist über 60

Schon 25 Menschen sind in dieser Saison ertrunken – im Fluss droht die grösste Gefahr.

Die ­Abkühlung birgt Gefahren: In der Aare bei Bern kamen in diesem Sommer bereits vier Menschen ums Leben.

Die ­Abkühlung birgt Gefahren: In der Aare bei Bern kamen in diesem Sommer bereits vier Menschen ums Leben. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Es ist aktuell wohl das gefährlichste Gewässer der Schweiz: In der Aare sind in den letzten zwei Wochen gleich vier Personen ertrunken. In der Nacht auf Mittwoch barg die Feuerwehr bei einem Wehr in Bern einen 41-jährigen Portugiesen tot aus dem Fluss. In der Woche davor war ein 66-jähriger Schweizer in Muri bei Bern ertrunken, ein junger Ägypter trieb beim Schwellenmätteli im Wasser, ein Tourist aus Sri Lanka tauchte nach dem Schwimmen in der Aare nicht mehr auf, er wurde tags darauf von Polizeitauchern bei Zuchwil tot geborgen.

Auch in anderen Kantonen sind diese Saison schon überdurchschnittlich viele Personen in Seen, Flüssen und Schwimmbädern ertrunken. Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hat bis Ende Juli 25 Badetote gezählt – im Vorjahr waren es Mitte August 16 Todesfälle. Mit Abstand am häufigsten ertrinken junge Männer – sie überschätzen sich bei Mutproben oder gehen betrunken ins Wasser. Immer öfter trifft es aber auch Senioren. «Bei fast jedem dritten Fall in diesem Jahr handelt es sich um Personen über 60», sagt Reto Abächerli, Geschäftsführer der SLRG.

Ein Grund dafür ist, dass ältere Menschen viel aktiver sind als früher. Sie gönnen sich nach der Pensionierung ein E-Bike, gehen auf Reisen. Auch Sport treiben Senioren deutlich häufiger als noch vor ein paar Jahren, wie das Bundesamt für Sport in einer Studie festhält.

Viele Senioren seien sich Gefahr nicht bewusst

Die «Feel-Good-Generation», wie Abächerli sie nennt, ist auch öfter in und auf dem Wasser unterwegs. Badeunfälle mit Senioren hätten in den letzten Jahren konstant zugenommen. Ende Juni ertrank beispielsweise ein 73-Jähriger beim Versuch, seinen Hund aus dem Rhein zu retten. Am gleichen Wochenende trieb eine 84-Jährige in der Badeanstalt Feldmeilen am Zürichsee leblos im Wasser. Und Mitte Juli stürzte ein 71-Jähriger bei einem Velounfall in den Rhein und ertrank.

Viele Senioren seien sich der Gefahren in offenen Gewässern nicht bewusst. «Ein 60-jähriger Körper kann nicht mehr gleich gut mit Stresssituationen umgehen wie ein 20-jähriger», sagt Abächerli. Plötzliche Temperaturunterschiede in Flüssen könnten bei älteren Personen zu Krämpfen und Herz-Kreislauf-Problemen führen. «Das kann im Wasser schnell tödlich enden.» In Unfallberichten, die der SLRG weitergeleitet werden, stehe bei Ertrinkungsfällen von Senioren oft «plötzliches Untergehen». «Das deutet auf Herz-Kreislauf-Probleme hin.»

Die Stiftung Pro Senectute rät Senioren, den Körper langsam an die Wassertemperatur zu gewöhnen, nie mit vollem oder ganz leerem Magen und wenn möglich zu zweit ins Wasser zu gehen.

Schwimmen ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden, und wegen der heissen Sommer sind mehr Leute am See oder in der Badi. Abächerli rechnet daher mit mehr brenzligen Situationen: «Es wird zunehmend schwierig, die Ertrinkungsrate tief zu halten.»

Gummiboote sollte man nie aneinander binden

Sorgen machen der SLRG auch die Gummiboote. «Böötlen» ist derart beliebt, dass auf den Flüssen regelrechte «Gefahren-Hotspots» entstanden sind. Den Aareabschnitt zwischen Thun und Bern legen an einem heissen Sommertag «bald einmal 4500 Leute zurück». Auch an anderen Orten gibt es Dichtestress: in Genf bei La Jonction, wo die Arve in die Rhône mündet, auf dem Rhein in Basel oder auf der Zürcher Limmat.

Ein Problem ist, dass viele Gummibootkapitäne Alkohol trinken, keine Rettungsweste tragen und nicht wissen, wie sie sich auf dem Fluss verhalten müssen. «Dann kann es passieren, dass ein Boot über einen Schwimmer fährt und diesen unter Wasser drückt oder dass jemand aus dem Boot fällt», sagt Abächerli.

In einer neuen Kampagne warnt die SLRG davor, Boote aneinanderzubinden. «Das macht das Manövrieren unmöglich.» Die Boote könnten sich im schlimmsten Fall um einen Brückenpfeiler wickeln, und bei starker Strömung sei eine Befreiung dann fast nicht durchführbar: «Eine lebensgefährliche Situation.»

Nicht immer ist Unachtsamkeit oder die körperliche Verfassung schuld am Unglück. Anfang Juli erschütterte der Fall der Fussballerin Florijana Ismaili die Schweiz. Die 24-Jährige war im Comersee von einem Boot gesprungen und nicht mehr aufgetaucht. Drei Tage später wurde ihre Leiche aus 204 Meter Tiefe geborgen. Laut Obduktionsbericht starb sie an einem plötzlichen Atemstillstand.



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Erstellt: 03.08.2019, 22:35 Uhr

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