Mehr Schwerverletzte: Wo die meisten Velofahrer verunfallen

Die Auswertung von 34'000 Unfällen zeigt: Velofahrer sind stark gefährdet. Häufig sind sie nicht einmal selbst schuld.

«Ungelöstes Problem»: Velofahrerin in der Stadt Zürich. Foto: Christian Beutler, Keystone

«Ungelöstes Problem»: Velofahrerin in der Stadt Zürich. Foto: Christian Beutler, Keystone

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Im Feierabendverkehr stürzt die Velofahrerin. Sie fällt auf die Gegenfahrbahn, wird von einem Auto erfasst. Sofort wird die 25-Jährige ins Spital gebracht. «Dort ist sie leider ihren Verletzungen erlegen», teilt die Stadtpolizei Zürich drei Tage später mit. Der Unfall ereignete sich letzten Herbst exakt an einer Stelle, wo die Schienen der Forchbahn über die Strasse verlaufen. Als mutmassliche Ursache rapportierte die Polizei: «Zustand der Infrastruktur».

Dieser führt immer häufiger zu Verletzten. Das zeigt eine Auswertung der Datenbank des Bundesamts für Strassen (Astra) von 2011 bis 2018. Sie enthält in dieser Periode 33 616 Ereignisse mit Fahrrädern oder E-Bikes. Weil bei jedem Unfall die Koordinaten erfasst sind, lässt sich auch die örtliche Verteilung aufzeigen. Gefährlich ist es vor allem im urbanen Raum: Fast jeder dritte Velounfall geschah in einer der neun grössten Städte.

An der Spitze liegt ausgerechnet Winterthur, seit 2006 vom Verband Pro Velo durchgehend als velofreundlichste Grossstadt der Schweiz ausgezeichnet. Im untersuchten Zeitraum geschahen dort 102 Unfälle auf 10'000 Einwohner. Ähnlich hoch war die Quote nur in Zürich (95) und Luzern (90).

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«Für Grossstädte wie Winterthur ist der Veloverkehr optimal, er beansprucht wenig Platz, ist umweltschonend und verursacht wenig Lärm», sagt Michael Wirz von der Winterthurer Stadtpolizei. Deshalb fördere man die Infrastruktur für Fahrräder ständig. «Das macht das Velofahren attraktiv und hat eine Zunahme des Veloverkehrs zur Folge», sagt Wirz. «Das führt wohl dazu, dass wir auch mehr Fahrradunfälle verzeichnen als andere Städte.»

Doch nicht nur Winterthur ist ein beliebtes Pflaster. Vor zehn Jahren legten Schweizer auf Velos und Bikes mit Tretunterstützung noch zwei Milliarden Kilometer zurück. Nun sind es laut Bundesamt für Statistik 2,5 Milliarden. Das führte zu einer bemerkenswerten Entwicklung: Unfälle mit Autos, Motorrädern oder auch Fussgängern gingen seit 2011 um satte 30 Prozent zurück; bei den Velos hingegen nahmen sie leicht zu.

Die Folge: Knapp jeder dritte Schwerverletzte im Strassenverkehr ist heute ein Velofahrer. 2011 war es noch jeder fünfte. Bei den E-Bikes trug die deutliche Mehrheit aller Verletzten immerhin einen Helm. Beim konventionellen Fahrrad waren hingegen nach wie vor die meisten Betroffenen ohne Schutz unterwegs.

Reine Veloförderung ohne Ausbau hat fatale Folgen

Dies, obwohl sie stark gefährdet sind. «Für die Insassen von Personenwagen hat sich die Sicherheit in den letzten Jahren massiv verbessert, durch technische Weiterentwicklungen bei den Gurten, Airbags, Assistenzsystemen», sagt Mario Cavegn, Leiter Strassenverkehr bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung. «Velofahrer profitieren davon wenig und sind bis heute stark exponiert.» Städte und Kantone würden kein anderes Verkehrsmittel derart vorantreiben. «Was an sich kein Problem ist. Aber reine Veloförderung, ohne die Infrastruktur entsprechend anzupassen, hat fatale Folgen.»

Doch da liegt das Problem. Es zeigt sich, dass Radfahrer letztes Jahr an zwei Dritteln aller Velounfälle «ursächlich» beteiligt waren, also zumindest eine Mitschuld trugen. Häufig waren etwa Unfälle wegen Unaufmerksamkeit und Ablenkung. Oft notierte die Polizei als Grund aber auch den «Zustand der Infrastruktur» sowie «äussere Einflüsse». 1250 solche Zwischenfälle finden sich zwischen 2011 und 2018 – Tendenz steigend.

Die Liste möglicher Mängel sei lang, sagt Daniel Bachofner von Pro Velo. «Hohe Randsteine führen zu Unfällen, Tramschienen und Schlaglöcher, Baustellen, Schnee genauso wie Laub oder Öl auf der Fahrbahn.» Das Problem seien in der Regel nicht die Kosten. «Sondern einfach der Platz.» Wer einen separaten Veloweg wolle, der müsse in der Stadt auf eine Autospur verzichten. «Was politisch häufig scheitert, auch wenn eine Stadt noch so grün und links ist.»

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Hier ist Winterthur ein Vorbild. Lediglich einen Unfall wegen der Infrastruktur gab es 2018. In Zürich waren es 50. Die Stadt schrieb im März in einem Communiqué: «Die Velounfälle und ihre Folgen sind ein ungelöstes Problem.» Ihre Zahl habe sich seit 2011 mehr als verdoppelt. «Es ist in erster Linie auf stetig zunehmende Veloverkehrsmengen zurückzuführen, aber auch auf eine diesen Mengen nicht entsprechende Infrastruktur sowie auf Fehlverhalten und mangelnde Fahrzeugbeherrschung.»

Heiko Ciceri von der Dienstabteilung Verkehr sagt: «Gemeinsam mit dem Tiefbauamt haben wir nun ein Team, das bei schnell und einfach zu behebenden Mängeln reagiert.» Etwa, indem die Signalisation angepasst oder ein Velostreifen aufgemalt wird. «Es gibt aber auch gefährliche Stellen, deren Sanierung ein Bauprojekt bedingen. Dies kann eine ansehnliche Summe kosten und bis zur Umsetzung Jahre dauern.»

Bund soll in Zukunft minimale Standards vorgeben

Eigentlich sind Städte und Kantone in der Verantwortung. Sie müssen «bei Planung, Bau, Unterhalt und Betrieb der Strasseninfrastruktur den Anliegen der Verkehrssicherheit angemessen Rechnung» tragen. So steht es seit 2013 im Strassenverkehrsgesetz. Nur ist es kaum möglich, eine Stadt zur Verantwortung zu ziehen. Weil nur schwierig nachzuweisen ist, dass die Infrastruktur schuld war an einem Unfall. Und weil es keine einheitlichen Standards gibt, wie ein guter Veloweg auszusehen hat.

Bald könnte der Bund Klarheit schaffen. Vor einem Jahr nahm die Bevölkerung den Gegenvorschlag zur Veloinitiative an, derzeit arbeitet das Uvek ein entsprechendes Gesetz aus. «Es soll dem Bund ermöglichen, einheitliche Qualitätskriterien für den Veloverkehr einzuführen», sagt Benno Schmid vom Astra. Wichtig seien minimale Standards bei der Infrastruktur. Aber auch bei der Signalisation. «Vielerorts sind die Lösungen heute so komplex und verschieden, dass die Radfahrer oft nicht verstehen, wie sie sich jetzt korrekt verhalten sollen.» Dann nütze auch der schönste Veloweg nichts.



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Erstellt: 15.09.2019, 07:57 Uhr

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