Jeder zweite Busfahrer leidet unter Stress

Motzende Passagiere, aggressive Velofahrer, rücksichtslose Autolenker: Eine Befragung zeigt die harte Arbeit am Steuer.

«Der Respekt vor den Busfahrern ist verschwunden»: Chauffeur und Gewerkschafter Fritz Hänni bekommt mit, wie seine Kollegen leiden. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

«Der Respekt vor den Busfahrern ist verschwunden»: Chauffeur und Gewerkschafter Fritz Hänni bekommt mit, wie seine Kollegen leiden. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

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Als Lastwagenchauffeur fuhr Fritz Hänni 14 Jahre lang quer durch Europa. Die ruppigen Umgangsformen auf der Strasse haben ihn nie gestört. Doch was Hänni in den letzten Jahren erlebte, gibt ihm zu denken. «Viele meiner Kollegen können nicht mehr abschalten, wenn sie am Abend nach Hause kommen.»

Hänni arbeitet heute als Chauffeur bei den freiburgischen Verkehrsbetrieben (TPF). Als Gewerkschafter sitzt der 55-jährige Busfahrer auch in der Personalkommission seines Arbeitgebers. Und gleichzeitig begleitet er neue Busfahrer. So bekommt er mit, wie seine Kollegen leiden.

Eine noch unveröffentlichte Umfrage der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) zur Gesundheit der Buschauffeure zeigt, wie es um die Branche steht. Das Resultat lässt aufhorchen: Jeder zweite Fahrer leidet unter Stresssymptomen. Das ist doppelt so viel wie in der übrigen Bevölkerung, in der sich laut Gesundheitsförderung Schweiz bloss jeder Vierte als «emotional erschöpft» bezeichnet.

In den letzten Jahren hat sich die Situation verschärft

Die Busfahrer berichten von hasardierenden Velofahrern, unvorsichtigen Autolenkern, rüpelhaften Passagieren – und von Zentralen, die ihre Chauffeure via GPS immer mit Blick auf die Pünktlichkeit auf dem Radar haben.

Die Chauffeure fühlen sich derart gestresst, dass rund ein Drittel von ihnen angibt, schon zur Arbeit gegangen zu sein, ohne im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen zu sein. «Das ist beunruhigend», sagt SEV-Gewerkschaftssekretär Christian Fankhauser.

Die Umfrage wurde an 2500 Busfahrer in der Schweiz verschickt – 500 haben sie beantwortet. Auf die Frage, was die Chauffeure zu einem Arztbesuch bewog, gaben sie Symptome wie Angst, Reizbarkeit und Müdigkeit an.

Und in den letzten Jahren hat sich die Situation sogar noch verschärft, wie eine ältere Vergleichsumfrage zeigt. 2010 notierten nur gerade 12 Prozent aller Fahrer zwischen 56 und 65 Jahren, dass sie unter Schlaf­störungen leiden würden. Dieser Wert hat sich in der gleichen Altersgruppe heute verdoppelt.

In den Fragebögen bezeichnen die Busfahrer die Aggressivität der Auto- und Velofahrer als einen der Hauptgründe für den Stress. Nahezu jeder zweite Busfahrer im Alter zwischen 46 und 55 Jahren gibt an, dass er diese Verkehrsteilnehmer als «sehr lästig» empfinde.

«Der Respekt vor den Busfahrern ist in den letzten Jahren komplett verschwunden», sagt auch Chauffeur Hänni. Vor allem Velofahrer würden die Busse «links und rechts» überholen. Auch E-Bikes seien problematisch. Mit Gelenkbussen liessen sie sich bei Überlandfahrten kaum mehr überholen, weil sie so schnell seien. «Der Bus muss dann im gleichen Tempo hinterherfahren – und der Fahrer kommt unter Zeitdruck.»

Die zunehmende Hektik im Verkehr beklagen auch andere. Rolf Meyer, Sprecher des Berner Verkehrsbetriebs Bernmobil, sagt: «Wir beurteilen die Unachtsamkeit und mangelnde Rücksichtnahme der anderen Verkehrsteilnehmer als die grösste Belastung für unsere Chauffeure.» In den Schulungen und Weiterbildungen der Busbetriebe ist die Bewältigung von Stress daher ein Dauerthema.

Unfrieden verbreiten aber auch die Fahrgäste – je nach Alterskategorie geben zwei Drittel aller Chauffeure in der Gesundheitsbefragung an, dass sie die Aggressionen der Passagiere als «lästig» oder «sehr lästig» empfinden.

Die Leitstelle schaltet sich bei Verspätungen ein

Das ist auch Chauffeur Hänni aufgefallen. In Freiburg zum Beispiel gibt es in den Bussen seit kurzem wieder vermehrt Kontrollen. Für die Fahrgäste ein Grund, sich zu beschweren, weil sie das Abonnement hervorklauben müssen. Hänni versteht das nicht – «da geht es ja darum, die Fahrgäste, die bezahlt haben, zu schützen».

Der TPF-Chauffeur beobachtet aber auch, wie sich der Ton der Reklamationen verschärft hat. Heute kämen die Reaktionen der Fahrgäste wegen der Smartphones meist postwendend. «In den Schreiben steckt dann noch die ganze Wut drin.» Hännis Betrieb ist dazu übergegangen, solche Reklamationen meist gar nicht mehr den Chauffeuren auszuhändigen. Oft sind die Beleidigungen einfach zu heftig, «unterste Schublade», sagt Hänni.

Für die Chauffeure kommt auch noch Druck von den Betrieben hinzu. Fast jeder zweite Fahrer empfindet die Verspätungen als Erschwernis bei der Arbeit. Tatsächlich registrieren die Leitstellen jede zusätzliche Minute automatisch.

Bei Bernmobil zum Beispiel sehen die Disponenten auf der Zentrale dank GPS stets, wo welcher Bus unterwegs ist – und ob er verspätet ist. Ist das Fahrzeug im Plan, kriegt es den Status grün. Ist es verspätet, wird er orange oder sogar rot. Die Zentrale kann bei einer Verspätung sogar mit dem Chauffeur per Funk in Kontakt treten und ihn nach den Gründen fragen.

Das sei aber «keine Überwachung», sagt Bernmobil-Sprecher Meyer. Das Ziel sei ein stabiler ­Betrieb. Die Leitstelle biete Unterstützung – bei einem Unfall auf der Strecke oder bei einer Störung am Bus. Meyer betont auch, dass die Verspätungen nur bei regelmässig auftretenden Problemen linienspezifisch ausgewertet würden – «aber auf keinen Fall per­sonalisiert».

Heute verfügt laut Gewerkschaftssekretär Fankhauser jeder grössere Betrieb über ein solches GPS- oder ein ähnliches System. Er sagt: «Gerade junge Fahrer fühlen sich dadurch gestresst.»

Die neue Technik ändert nichts daran, dass die Busse tendenziell mehr Verspätungen haben als früher. Bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ) zum Beispiel ist laut Sprecherin Daniela Tobler «bei der Pünktlichkeit der Busse im VBZ-Stadtnetz in den letzten Jahren ein leichter Abwärtstrend zu beobachten». Tobler nennt dafür mehrere Gründe: mehr Baustellen und generell mehr Verkehr.

Busfahrer werden immer älter, Frauen gibt es kaum

Wie unattraktiv das Busfahren mittlerweile geworden ist, zeigt die Altersverteilung der Chauffeure. So gab es von 2010 bis 2018 eine Zunahme der Fahrer im Alter zwischen 56 und 65 Jahren – und zwar von 16 auf 22 Prozent. Gleichzeitig fehlen der Nachwuchs und die Frauen. Auch heute noch sind 90 Prozent aller Busfahrer Männer.

Trotz allem sagt Chauffeur Hänni, er mache seinen Job nach wie vor sehr gern. An diesem Freitagnachmittag zum Beispiel fährt er den Kurs nach Gletterens FR an den Neuenburgersee. «Eine sehr schöne Strecke», schwärmt Hänni. Aber die Leute würden heute den öffentlichen Verkehr einfach als selbstverständlich hinnehmen – «und das ist er nicht».

Dieser Artikel wurde erstmals am 3. März 2019 in der SonntagsZeitung publiziert.

Erstellt: 04.03.2019, 09:54 Uhr

Die grössten Ärgernisse am Steuer


  • Rowdys auf dem Velo: Der Veloverkehr hat stark zugenommen. Das merken auch die Busfahrer. In der Befragung der Verkehrspersonal-Gewerkschaft (SEV) geben im Schnitt rund 70 Prozent aller Chauffeure an, dass das Verhalten der Zweiradfahrer ihre Arbeit erschweren würde – insbesondere weil sich Velofahrer selten an die Verkehrsregeln halten.

  • Rücksichtslose Autofahrer: Laut Chauffeuren nehmen Autofahrer heute weniger Rücksicht auf Busse. Vor allem ältere Busfahrer fühlen sich dadurch angegriffen und gestresst. Und wenn etwas passiert, erstatten die Autofahrer schneller als früher eine Anzeige. Auch das sorgt für Stress.

  • Grölende Jugendliche: Sie gehen in den Ausgang, betrinken sich, und dann torkeln sie für den Nachhauseweg in den Nachtbus, wo sie den Chauffeur anpöbeln. Weil die Zustände für die Fahrer teilweise kaum mehr erträglich sind, begleitet mittlerweile auf manchen Strecken Sicherheitspersonal die Chauffeure.

  • Reklamierende Passagiere: Alltag für die Chauffeure. Die Fahrgäste jammern, wenn sie das Billett zeigen müssen. Sie reklamieren, wenn es zu Verspätungen kommt. Und sie beschweren sich, wenn sie ihren Bus nicht finden – weil angeblich die Signalisation der Busse ungenügend sei. (db)

Die Zahl der Busunfälle nimmt zu

In der Tendenz wird es auf den Schweizer Strassen immer sicherer: Während das Verkehrsaufkommen in den letzten Jahren stark zugenommen hat, pendelte sich die Zahl der Unfälle bei einem Wert von knapp über 50'000 pro Jahr ein. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht lautet: Dieser positive Trend gilt nicht für alle Fahrzeugkategorien, wie eine Auswertung des Bundesamts für Strassen (Astra) jetzt zeigt. Die Zahl der Unfälle mit Bussen ist in den ­vergangenen Jahren regelrecht ­explodiert.



Im Jahr 2011 kam es auf den Schweizer Strassen nur gerade zu 416 Unfällen, bei denen ein Gelenkbus, ein Trolleybus oder ein Linienbus involviert war. Im Jahr 2017 waren es bereits 737 solcher Busunfälle. Das ist ein Plus von fast 80 Prozent.

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) ist überzeugt, dass dieser markante Anstieg bei den Unfällen auch damit zusammenhängt, dass die Busfahrer immer mehr Stress ausgesetzt sind bei der Arbeit. Die Auswertung des Bundesamts zeigt auch, dass in der Regel trotzdem nicht die Busfahrer die Hauptschuld tragen, wenn es beispielsweise zu Kollisionen kommt. Im Schnitt waren die Chauffeure nur bei rund jedem dritten Unfall die Hauptverursacher. In den übrigen Fällen waren dies andere Verkehrsteilnehmer wie Auto-, Velofahrer oder Fussgänger. (db)

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