Jeder zweite Patient nimmt Psychopharmaka

Psychische Störungen verursachen Kosten von knapp ­sieben Milliarden – Experten orten grosses Sparpotenzial.

Der Konsum von stimmungsaufhellenden Arzneimitteln hat zugenommen. Foto: Getty

Der Konsum von stimmungsaufhellenden Arzneimitteln hat zugenommen. Foto: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie fühlen sich depressiv, sind antriebs- und schlaflos, haben Sorgen – und können ihren Alltag nur dank Medikamenten meistern: 40 bis 60 Prozent aller Hausarztpatienten würden mit Psychopharmaka behandelt, sagt der Psychiater Kaspar Aebi, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Zahl habe in den letzten Jahren «sicher zugenommen».

Zu den Psychopharmaka gehören in erster Linie Antidepressiva, aber auch Schlaf- und Beruhigungsmittel und Neuroleptika, die zum Beispiel zur Behandlung der Schizophrenie eingesetzt werden.

Dass der Konsum von Arzneimitteln, die auf die Psyche wirken, zugenommen hat, zeigt auch der neueste Arzneimittelreport der Krankenversicherung Helsana. So stieg in den Jahren 2013 bis 2016 die Zahl der Bezüge von Psychostimulanzien in der Schweiz um mehr als 10 Prozent auf über 4,2 Millionen. Psychostimulanzien umfassen nebst Psychopharmaka auch Medikamente gegen Demenz.

Psychiatrie: 10 Prozent der gesamten Gesundheitskosten

Gemäss einer neuen Auswertung von Gesundheitsökonomie-Professor Simon Wieser rangieren psychische Leiden bei den Kosten mittlerweile auf Rang drei – gleich hinter Herz-Kreislauf-Krankheiten und muskuloskelettalen Leiden wie Rückenschmerzen. Über 10 Prozent der gesamten Gesundheitskosten von 80 Milliarden fallen heute in der Psychiatrie an. Ökonom Wieser ortet in diesem Bereich ein «sehr grosses Sparpotenzial».

Der Medikamenteneinsatz ist allerdings nur einer der Kostentreiber. Ins Gewicht fällt auch die «veraltete Versorgungsstruktur», wie Andreas Daurù von der Stiftung Pro Mente Sana sagt. «Die Mehrheit der Patienten wird auch heute noch stationär in Kliniken behandelt, obwohl eine ambulante Behandlung nach modernen Ansätzen ausreichen würde.» Ein stationärer Aufenthalt ist viel teurer als eine ambulante Behandlung. Das Problem ist laut Daurù, dass ambulante psychiatrische Tageskliniken «nicht kostendeckend» sind. Die Spitäler hätten somit «wenig Interesse, neue Ambulatorien zu eröffnen oder zu bauen – und niemand will investieren».

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2018, 09:05 Uhr

Artikel zum Thema

Das Gesundheitswesen krankt an mangelnder Transparenz

SonntagsZeitung Das hochkomplexe System macht kostenbremsende Reformen schwierig. Mehr...

Das sind die teuersten Krankheiten

SonntagsZeitung Herz-Kreislauf-Leiden verschlingen jährlich fast ein Sechstel der Gesundheitskosten – das ist Rekord. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Rechtzeitig wenden: Sorgfältig dreht ein Schwan eines der Eier in seinem Nest am Aareufer um. (23.April 2018)
(Bild: Leserbild: Otto Lüscher) Mehr...