Jedes fünfte Kind stört den Unterricht

Schon Kindergärtler sind heute aggressiv oder sogar gewalttätig – weil sie zu Hause zu wenig betreut werden, sagen Experten.

Störenfriede gibts auf allen Schulstufen: 
Immer mehr Kinder leiden an Konzentrationsschwächen 
oder geringer Frustrations­toleranz. Foto: Shutterstock

Störenfriede gibts auf allen Schulstufen: Immer mehr Kinder leiden an Konzentrationsschwächen oder geringer Frustrations­toleranz. Foto: Shutterstock

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Der vierjährige Bub, nennen wir ihn Philipp, fiel schon am ersten Tag auf. Dass er Anweisungen ignorierte und trötzelte, wäre noch verkraftbar gewesen, sagt die Kindergärtnerin, die in einem Zürcher Aussenquartier arbeitet. Aber dabei blieb es nicht.

Der kleine Raufbold zettelte immer wieder Streit an, provozierte die anderen Kindergärtler, zerstörte mutwillig ihre Zeichnungen und Bastelarbeiten.

Dann kam der Tag, an dem Philipp zum ersten Mal so richtig ausrastete. Er demolierte Spielsachen und schlug andere Kinder. Die Kindergärtnerin weigerte sich, den Bub auch im zweiten Kindergartenjahr zu unterrichten. Schliesslich wurde der rabiate Störenfried versetzt – in einen kleineren Kindergarten, wo er, wie es hiess, «intensiver» betreut werden könne.

Schüler wie Philipp gibt es in jedem Schulhaus. Sie sind renitent, werfen Mobiliar durch das Klassenzimmer, beschimpfen Lehrer und Mitschüler. Andere sind weniger auffällig, sie stören den Unterricht aber auch, etwa durch Zwischenrufe und Umherlaufen. Überall kämpfen Schulen in der Schweiz mit Unruhestiftern im Klassenzimmer.

Etwa ein Fünftel der Kinder ist schwierig zu unterrichten

Wie viele dieser verhaltensauffälligen Schülern die Schulbank drücken, war bislang unbekannt. Jetzt wurde das erstmals für Zürich und Winterthur erhoben. Reto Luder, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich, führte eine Umfrage bei 450 Mitarbeitern an Schulen durch, darunter 250 Klassenlehrer, die Angaben machten zum Verhalten von 4300 Schülern. Ergebnis: Jeder Fünfte ist verhaltensauffällig. Konkret: «950 Schüler wurden von den Lehrpersonen als auffällig eingeschätzt, das entspricht 22 Prozent», sagt Luder.

Ein weiterer Befund: Für 60 Prozent der Klassenlehrer sind verhaltensauffällige Schüler der grösste Belastungsfaktor. Sie werden als noch strapaziöser empfunden als Schulreformen und Elterngespräche.

Luder kennt die ganze Bandbreite der verhaltensauffälligen Schüler: «Das reicht von Unkonzentriertheit über dauerndes Dreinreden im Unterricht bis zu Extremfällen, in denen Schüler gewalttätig werden.»

Das Problem fängt im Kindergarten an

Bisher vermutete man die Radau-Schüler vor allem auf der Oberstufe. Doch jetzt zeigen noch unveröffentlichte Zahlen aus dem Bildungsdepartement des Kantons Genf ein anderes Bild: Die Meldungen von Schulen über «gewalttätiges, aggressives und obstruktives Verhalten», die zwischen August 2018 und April 2019 eingingen, betrafen häufiger Vierjährige als 13- bis 14-jährige Schüler.

Auch in anderen Kantonen wie Basel-Stadt und Zürich sitzen schon in den Kindergärten und Primarschulen kleine Radau-Schüler. Bei der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt, dem Verband der Basler Lehrer, stellt man eine Zunahme von Respektlosigkeit gegenüber den Lehrern fest, bei jüngeren Schülern sei das ein neues Phänomen.

Ähnliches beobachtet Ursina Zindel, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich. «Die Kinder sind heute viel Aufmerksamkeit gewohnt. Wenn sie im Kindergarten plötzlich eine Lehrperson mit 20 anderen Kindern teilen müssen, sind sie überfordert.» Dann fallen manche Knirpse mit störendem Verhalten auf. Typische Beispiele: «Die Kinder können kein Nein akzeptieren, zerstören mutwillig Dinge, wollen die Regeln nicht einhalten und plagen andere Kinder, verbal und körperlich», sagt Zindel

Das Problem der «digitalen Demenz»

Das Problem fängt im Kindergarten an – und zieht sich dann durch alle Schulstufen. In Basel meldeten sich gleich mehrere Primarlehrerinnen beim Rechtsdienst der Schulsynode. Der Grund: Schüler hätten sie beleidigt, getreten und gebissen.

«Die Zahl der Vorfälle mit verhaltensauffälligen Kindern ist in den letzten Jahren stark gestiegen», sagt Jean-Michel Héritier, Präsident der Basler Schulsynode. Er bestätigt den Befund der Zürcher Untersuchung. «Heute ist bereits etwa ein Fünftel aller Schüler im Kindergarten und in der Primarschule sehr anspruchsvoll zu unterrichten.»

Die Zunahme habe verschiedene Gründe. Laut Héritier ist sie einerseits darauf zurückzuführen, dass die Kleinklassen für verhaltensauffällige Schüler vor acht Jahren aufgehoben wurden, diese Kinder sind seither in normalen Regelklassen untergebracht. Es liege aber auch daran, sagt Héritier, «dass wir heute mehr Kinder in der Schule haben, die zu Hause zu wenig betreut sind.»

Das betreffe vor allem bildungsferne Familien. «Man spricht hier von ‹digitaler Demenz›. Diese Kinder verbringen zu viel Zeit vor dem Bildschirm und zu wenig mit Gleichaltrigen.» Die Folge seien eine geringe Frustrationstoleranz und Konzentrationsschwächen. «Im Klassenverband sind diese Kinder sozial und emotional schnell überfordert und reagieren oft aggressiv.»

Die Schule muss sich den Schülern anpassen

Wie viele Mitschüler, Lehrer und Eltern unter Problemschülern leiden, die den Unterricht lahmlegen, ist zahlenmässig kaum zu erfassen. Einen Hinweis liefern Zahlen aus dem Kanton Zürich. 2017 erfüllten demnach 5674 Schüler die normalen schulischen Anforderungen nicht und bekamen sonderpädagogische Förderung – wegen Lernstörungen, auffälligen Verhaltens oder einer Behinderung. 2940 dieser Schüler waren in normalen Regelklassen untergebracht. Mehr als die Hälfte.

Als besonders belastend gelten vor allem die Schüler mit «emotionalem und sozialem» Förderbedarf, wie Verhaltensauffällige im Fachjargon genannt werden. Lehrer erzählen von Kindern, die den Tag unter dem Pult verbringen, fluchen, freche Antworten geben, den Unterricht mit nervtötendem Dauergelärm lahmlegen, ständig quasseln. Oder wegen einer schlechten Note den Stuhl durch das Zimmer werfen und einfach davonlaufen, wenn ihnen etwas nicht passt.

2004 trat in der Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Damals gab die Bildungspolitik unter dem Stichwort «Inklusion» ein grosses Versprechen ab: Alle Kinder, egal, wie verschieden sie sind, sollen im regulären Schulsystem einen Platz finden – unabhängig von Behinderungen, psychischen Problemen, Lernschwierigkeiten und Verhaltensstörungen. Aber in der Praxis stösst das Schulsystem an Grenzen: wenn ein Kind besonders grosse Freiräume und die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lehrers braucht. Wenn sich eine Schule den Bedürfnissen des Kindes anpassen müsste – statt umgekehrt.

Eine kleine Zahl von Kindern, stellt man in den Schulämtern fest, beschäftigte eine grosse Zahl von Erwachsenen.

In der Deutschschweiz sind Verhaltensauffällige längst ein Thema – in der Westschweiz merken die Behörden erst jetzt, dass die Integration der kleinen Wutbürger für viele Pädagogen das Problem Nummer eins ist.

Eine kleine Zahl von Kindern, stellt man in den Schulämtern fest, beschäftigte eine grosse Zahl von Erwachsenen. Verhaltensauffällige Schüler generieren eine explosionsartige Zunahme von Sitzungen mit den Eltern, Schulleitern, Psychologen, Logopäden, Schulsozialarbeitern. In Extremfällen sitzen mehr als 15 Leute am Tisch.

Basel-Stadt greift wieder auf Einführungsklassen zurück

An praxistauglicher Unterstützung mangle es oft, klagen Lehrerverbände. «Es gibt noch immer viele Schulen, an denen die Lehrer mit solchen Kindern alleingelassen werden», sagt Héritier von der Basler Schulsynode.

Richten sollen es die Heilpädagogen. Doch davon gibt es viel zu wenige. Im Kanton Zürich etwa kommt in der Regel eine Heilpädagogin auf acht Klassen. Bei einem Pensum von 24 Lektionen sind das drei Stunden pro Klasse, in der oft mehrere Schüler mit besonderem Betreuungsbedarf sitzen.

Im Vergleich zu den Kleinklassen sind die Möglichkeiten einer Heilpädagogin beschränkt – wenn wieder ein Konflikt ausbricht, ist sie oft gerade nicht da. Die Kleinklassen, sagen Kritiker, wurden vorwiegend aus dogmatischen Gründen aufgelöst. Devise: Kein Kind darf ausgegrenzt werden.

Mehr Heilpädagogen, mehr Spezialisten, mehr ­Sondersettings, mehr Geld – kann das wirklich die Lösung sein?

Erste Kantone reagieren und gleisen Massnahmen auf, um die Schulen zu entlasten. In Basel-Stadt soll es künftig wieder Einführungsklassen geben für Kinder, die noch nicht bereit sind für die Schule. Baselland baut das Sonderschulangebot aus – und schafft mehr Plätze für verhaltensauffällige Kinder.

Mitarbeit: Oliver Zihlmann



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Erstellt: 27.04.2019, 22:25 Uhr

Auch Schüler mit einer Depression sind ein Problem

Forscher sehen den Begriff «Verhaltensauffälligkeit» als Verharmlosung.

Zürich/Lausanne Laut einer aktuellen Lehrerbefragung in Zürich und Winterthur sind über 20 Prozent der Schüler verhaltensauffällig. Mehrere internationale wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diesen Befund: Einer von fünf Schülern bringt ein problematisches Verhalten mit: Diese Kinder und Jugendlichen sind renitent, stören den Unterricht, stellen Mitschüler und Lehrer bloss. In Extremfällen sind sie gewalttätig. Andere dagegen, auch das gilt als Verhaltensauffälligkeit, ziehen sich zurück, versinken in Schweigen und Depression.

Gemäss Stephan Eliez, Direktor des Medizinisch-Pädagogischen Instituts an der Universität Genf, betrifft das aggressive Verhalten «15 Prozent der Kinder – dieser Anteil ist ziemlich stabil». Damit sässen in jeder Schulklasse rein rechnerisch bis zu drei Radau-Kinder, die eine spezielle Betreuung brauchen – und wenn sie ausrasten, den Unterricht sprengen können.

Wissenschaftler debattieren bereits darüber, ob der Begriff «Verhaltensauffälligkeit» dem Problem überhaupt gerecht wird – oder es eher verharmlose. Einige ziehen es vor, von «Verhaltensstörung» zu sprechen.

Indikatoren legen nahe, dass die Zahl der Problemkinder steigt. Im Kanton Zürich nahmen Sonderschüler zwischen 2010 und 2017 um 40 Prozent zu. Dazu zählen Kinder mit Behinderungen, Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten. Viele werden in den normalen Regelklassen unterrichtet. Ähnlich ist der Trend in anderen Kantonen.

Der sonderpädagogische Förderbedarf ist gross

Die Bildungspolitik hat unter dem Stichwort «Inklusion» ein umfassendes Versprechen abgelegt: Alle Kinder sollen ihren Platz in einer Schweizer Regelschule finden – unabhängig von einer Behinderung, einer Lernschwäche oder einer Verhaltensstörung. Die Schule soll allen gerecht werden.

Seither ringen die Schulen in der Schweiz damit, diesen Anspruch in die Wirklichkeit zu überführen. Zehntausende Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf müssen integriert werden – die wenigsten von ihnen sitzen im Rollstuhl. Die meisten haben eine Lernbehinderung oder die Diagnose: Störung der «emotionalen und sozialen» Entwicklung – eine andere Bezeichnung für Verhaltensauffälligkeit. Wie viele Schüler, die den Unterricht nicht aus eigener Kraft bewältigen können, landesweit in den Regelklassen sitzen, ist unklar. Entsprechende statistische Erhebungen haben die Kantone längst angekündigt – sie liegen bis heute nicht vor.

N. Pastega, S. Besson

Problemschüler – fünf Beispiele

Fall 1: Der Störenfried

Ein Primarschüler in Zürich vertreibt sich die Zeit damit, den Unterricht zu stören. Er steht auf, geht im Klassenzimmer herum, wirft kleine Gegenstände herum und unterhält sich mit Mitschülern, während der Lehrer den Unterrichtsstoff erklärt. Oft meldet er sich unaufgefordert zu Wort und dann mit Beiträgen, die nichts mit dem gerade behandelten Thema zu tun haben. Anweisungen missachtet er konsequent – wird er zurechtgewiesen, wird er frech oder fängt an zu weinen.

Fall 2: Der Schläger

Ein Fünfjähriger besucht den Kindergarten in einem Vorort von Genf. Wiederholt schlägt er seine Lehrerin und beleidigt weitere Betreuungspersonen. Er flippt immer wieder aus, verlässt
das Klassenzimmer, wann es ihm passt, und droht sogar damit,
die Lehrer anzuzeigen. Die Situation beruhigt sich erst,
als ein Trupp von Spezialisten zusammengetrommelt wird, der sich
mit dem Buben beschäftigt.

Fall 3: Der Asoziale

Ein Primarschüler, der in Zürich zur Schule geht, ist bei seinen Mitschülern gefürchtet, wenn es um Gruppenarbeiten geht. Ständig will er seine Vorstellungen durchsetzen und ist zu keinen Kompromissen bereit. Auch sonst streitet er sich häufig und greift dabei auf ein Standardvokabular von Schimpfwörtern zurück. Immer wieder provoziert und beleidigt er seine Mitschüler, manchmal wird er tätlich. Der Lehrer holt Unterstützung bei Experten für Verhaltensauffällige.

Fall 4: Die Nervensäge

An einer Schule, die in einer reichen Gegend liegt, treibt ein Siebenjähriger seine Lehrerin mit ständigen Krisen und Derbheiten
ans Limit. Den Buben in eine Sonderschule zu schicken, ist unmöglich: Schulleitung und Eltern sind dagegen. «Dieser Schüler nimmt Tag für Tag meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag, und nichts passiert», sagt die Lehrerin. Was sie tun könnte, um ihn zu erreichen, weiss sie nicht: Die medizinisch-pädagogische Diagnose ist für sie geheim.

Fall 5: Der Randalierer

An einer Deutschschweizer Schule kommt es regelmässig zu Sachbeschädigungen und lautstarken verbalen Entgleisungen. Immer ist es der gleiche Junge, der austickt. Er schubst die anderen Schüler herum, zieht sie an den Haaren, schlägt sie. Wenn er einen schlechten Tag hat, wirft er das Mobiliar durch die Gegend, es kommt zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen. Der Lehrer muss externe Fachleute beiziehen, um die Situation zu beruhigen.

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